11.03.2007 · In Dresden, Nürnberg und Ulm lassen sich die Facetten des Themas Rekonstruktion studieren. Der Sonderausschuss Dom-Römer will sich auf seiner dreitägigen Städtetour von der dortigen Architektur inspirieren lassen.
Von Matthias AlexanderReisen bildet, meint der Volksmund. Man sieht nur das, was man weiß, wenden Skeptiker ein. Die Wahrheit liegt auch in dieser Frage in der Mitte: Wer gut vorbereitet eine Reise antritt, wird durch die unmittelbare Anschauung umso klüger werden. Die Mitglieder des Sonderausschusses Dom-Römer, die am 22. März zu einer dreitägigen Städtetour nach Dresden, Nürnberg und Ulm aufbrechen, können nach fast zweijähriger Debatte um die angemessene Neubebauung des Altstadtareals jedenfalls als wohlpräpariert gelten.
In Dresden wird sich die Gruppe, die von Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) angeführt wird, den Neumarkt anschauen. Rund um die Frauenkirche sind drei sogenannte Quartiere mit Barockfassaden schon fertiggestellt worden, ein vierter Block befindet sich im Bau. In der sächsischen Hauptstadt lassen sich alle Facetten des Themas Rekonstruktion studieren.
Grenzen der Vergleichbarkeit
Der mit höchstem handwerklichen Anspruch wiederaufgebauten Kirche und dem ebenfalls aufwendig rekonstruierten Weigelschen Haus stehen Gebäude gegenüber, deren Fassade dem Original immerhin noch nahekommt. Aber auch freiere Interpretationen wurden genehmigt. So durfte das Haus „Zur Glocke“ um ein Geschoss aufgestockt werden, um die gewünschten Nutzungen unterzubringen. Und mit dem „Hotel de Saxe“ wurde sogar ein Gebäude in freier Nachschöpfung wieder errichtet, das nicht etwa im Jahr 1945 von alliierten Bomben zerstört worden war, sondern schon 1888 einem Postamt hatte weichen müssen.
Vor allem für die Vertreter der CDU kann Dresden als Vorbild dienen. Die maßgebenden Planungspolitiker der Fraktion, Jochem Heumann und Klaus Vowinckel, wollen der neuen Altstadt in Frankfurt vor allem eine historische Anmutung geben. Originaltreue ist für sie keine Kardinaltugend. Eine recht freie Interpretation der Fassaden ist erlaubt, solange die Typologie gewahrt wird. Vor allem aber soll den Bauherren überlassen werden, was hinter der Straßenfront passiert. Durchgängige Räumlichkeiten hinter verschiedenen Fassaden und die Ausfüllung des Blockinnern ohne Rücksicht auf die früher vorhandenen Höfe sind auch in Dresden erlaubt. Das spart Platz, weil nicht mehr jedes Haus sein eigenes Treppenhaus benötigt.
Die Besucher aus Frankfurt werden auch die Grenzen der Vergleichbarkeit beider Projekte kennenlernen. Während es sich bei der Frankfurter Altstadt um eine gewachsene und entsprechend verwinkelte Anlage handelte, gingen die Dresdner bei der Anlage des Neumarkts im Barock planmäßig und großzügig zu Werke. Daher lassen sich die Dimensionen der jeweiligen Gebäudeensemble nicht miteinander vergleichen. Heutige Anforderungen, insbesondere an Büros und Hotels, sind denn auch in Dresden viel leichter zu erfüllen.
Moderne Bauten in Ulm
Die „Quartiere“ bestehen entgegen dem vorherrschenden Bild nicht nur aus Rekonstruktionen, Imitationen oder Variationen barocker Architektur. So befinden sich an den der Frauenkirche abgewandten Straßenseiten etliche Häuser mit modernen Fassaden. Diese sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Gemeinsam ist ihnen aber die Anlehnung an Materialien und Formen der historischen Vorgänger, etwa deren Mansarddächer. Unter den „Anpassungsneubauten“, wie sie ein Architekturkritiker ein wenig abfällig genannt hat, ist kein Haus, das sich effektheischend in den Vordergrund spielte – klare Gestaltungsvorgaben haben potentiellen Eitelkeiten der Architekten von vornherein vorgebaut. Auch deshalb bietet Dresden wertvolles Anschauungsmaterial.
Einen scharfen Kontrast zu Dresden bildet Ulm, das ebenfalls im Krieg schwer zerstört worden war. Hier sind in Nähe des Münsters, das lange inmitten einer Platzbrache stand, mehrere dezidiert moderne Bauten entstanden. Von Richard Meier stammt das ganz in Weiß gehaltene Stadthaus. Gottfried Böhm hat einen gläsernen Bibliotheksbau entworfen. Und 2006 sind die Kunsthalle Weishaupt sowie ein vielfach auskrangendes Kaufhaus mitsamt Sparkasse fertiggestellt worden.
Gesamtkonzept der „Neuen Mitte“
Nun ist nicht anzunehmen, dass sich die Städtereisenden aus Frankfurt noch zu Befürwortern einer explizit zeitgenössischen Architektur in der Innenstadt bekehren lassen. Als Vorbild taugt Ulm in anderer Hinsicht. Die Neubauten fügen sich in das Gesamtkonzept der „Neuen Mitte“ ein. Die Grundidee war, die trennende Wirkung der Langen Straße, die in der Nachkriegszeit in der damals üblichen brutalen Manier durch das frühere Gewebe der Altstadt getrieben worden war, zumindest zu mildern. Planungsamtsleiter Dieter von Lüpke, der prägende Jahre in Ulm verbracht hat, hofft insgeheim wohl auch, dass die Stadtverordneten begreifen, das Altstadtareal als Teil einer umfassenden Bauaufgabe zu sehen.
Nürnberg ist für die Frankfurter vor allem wegen des Baukunstbeirats interessant, der von der Stadtpolitik in Fragen der Architektur ernstgenommen wird. Das unterscheidet ihn vom hiesigen Städtebaubeirat, der vor allem durch verspätete und nichtssagende Stellungnahmen auffällt. Schwarz-Grün erwägt daher, einen Gestaltungsbeirat zu berufen, der sich nur der Altstadt widmet. Es wäre vermutlich hilfreich, wenn ihm keine Frankfurter angehörten, sondern nur weitgereiste Fremde.
Matthias Alexander Jahrgang 1968, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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