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„Alternativer Drogenbericht“ : Lob für Druckräume – aber noch viel zu tun

Druckraum in der Niddastraße: Hier können Drogenabhängige in Ruhe und mit frischem Besteck konsumieren. Bild: Fabian Fiechter

Noch immer Hauptstadt des Rauschgifts: Zwar tut Frankfurt etwas gegen seinen ungewollten Ruhm, doch laut zwei Forschern bleibe die Drogenpolitik hinter den Anforderungen zurück.

          Deutschland ist drogenpolitisch ein Entwicklungsland. Das glauben zumindest Bernd Werse vom Centre for Drug Research an der Goethe-Uni und Heino Stöver, Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der University of Applied Science. Sie meinen, dass die Drogenpolitik weit hinter den Anforderungen zurückbleibe und Deutschland im internationalen Vergleich schlecht dastehe. Deshalb haben sie den fünften „Alternativen Sucht- und Drogenbericht“ vorgelegt. Er soll eine Ergänzung zum Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit sein, der das Thema nach Ansicht der Forscher nicht strukturell umfassend behandelt. „Hauptthemen, etwa legale Drogen, werden vernachlässigt“, sagt Stöver.

          Frankfurt ist immer noch eine Hauptstadt des Rauschgifts: Zweihunderttausendmal im Jahr werden in den vier Konsumräumen im Bahnhofsviertel illegale Drogen genommen, in der Stadt gibt es etwa 10.000 Abhängige. Am häufigsten konsumieren sie Crack, gefolgt von Heroin. Fast alle mischen die Drogen jedoch; sie trinken Alkohol, rauchen Crack, spritzen Opioide. „Das ist beliebig austauschbar. Entscheidend ist, dass sie sich mit irgendwas zumachen wollen“, sagt Werse. Trotzdem sei Frankfurt eine positive Ausnahme. Durch die Druckräume habe sich der Gesundheitszustand der Süchtigen wenigstens nicht verschlechtert, und noch nie sei einer in einem Frankfurter Druckraum gestorben. Den „Frankfurter Weg“ bewertet er darum positiv. Auch wenn es noch viel zu tun gebe.

          Wer Drogen nimmt, wird oft kriminell, um den Konsum zu finanzieren. 50 bis 70 Prozent aller Frauen im Gefängnis seien wegen Drogendelikten inhaftiert, sagt Stöver. Bei den Männern seien es 30 Prozent. Sobald sie entlassen würden, nähmen viele eine Überdosis, weil sie nach dem kalten Entzug nachholen wollten, was sie verpasst hätten. Wichtig sei, für die Drogenkranken eine übergangslose Behandlung und Substitution zu organisieren, sagen die Forscher.

          Deutschland: Schwächster Nichtraucherschutz Europas

          Die meisten Konsumenten nehmen allerdings legale Rauschmittel: Tabak und Alkohol. 340.000 Zigarettenautomaten stehen in Deutschland, und überall wird großformatig für Alkohol und Tabak geworben. Knapp ein Drittel der Männer raucht, bei den Frauen ist es ein Viertel. „Im europäischen Vergleich hat Deutschland den schwächsten Nichtraucherschutz“, beklagt Stöver. Im Jahr erkranken mehr als 85.000 Menschen an Krebs, weil sie Raucher sind.

          Diese Zahlen beunruhigen den Forscher. „In der letzten Legislaturperiode gab es einen Gesetzentwurf zum Werbeverbot von Tabak – aber der wurde kassiert.“ Die Lobby sei zu stark, und die Prävention richte sich an die weiße Mittelschicht. „Es gäbe viele Maßnahmen, eben das Werbeverbot oder die Aufklärung, dass E-Zigaretten 95 Prozent weniger schädlich sind. Doch das muss politisch gewollt sein.“ Frankfurt könne da mit gutem Beispiel vorangehen und etwa auf eigene Faust Werbung eindämmen oder Zigarettenautomaten entfernen.

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