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Altenpflege Hinschauen, hinhören, helfen

02.05.2006 ·  Tanja Hasani hat sich für einen besonders anspruchsvollen „Ein-Euro-Job“ entschieden: In einem Frankfurter Seniorenheim kümmert sie sich um Demenzkranke. Ihr Traumberuf: Altenpflegerin.

Von Viviane Chartier
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Sechster Stock, Wohnbereich für Demenzkranke, Heinrich-Schleich-Haus, Fechenheim: Der neue Bewohner ist nicht auffindbar. Tanja Hasani macht sich auf die Suche. Mit schweren Schritten geht sie von Zimmer zu Zimmer, klopft an, bevor sie die Türen öffnet. An den hellgelben Wänden des Ganges hängen abstrakte Bilder und Porträts. Sie zeigen Menschen, von Alter und Krankheit gezeichnet. Bewohner haben sie gemalt. Rechts neben jeder Tür sind Schildchen mit der Zimmernummer und dem Namen der dort Wohnenden angebracht. Neonröhren an der Decke spenden Licht. Von dem Neuen keine Spur.

Tanja Hasani jobbt seit Oktober für einen Euro die Stunde dreimal die Woche in dem Altenheim. Die Arbeitsgelegenheit hat ihr das „Gelbe Haus“ in Offenbach vermittelt, ein Verein, der junge Menschen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben unterstützt. Hasani hat keinen Schulabschluß, den will die 23 Jahre alte Frau jetzt nachholen. Daher besucht sie donnerstags und freitags den Vorbereitungskurs der Volkshochschule. Durch den „Ein-Euro-Job“ soll sie einen Einblick in das Berufsleben bekommen.

Bruno Poric, stellvertretender Leiter des Wohnbereichs, ist mit Hasani sehr zufrieden: „Sie hat Potential für die Arbeit in der Altenpflege.“ Gemeinsam mit dem Pflegepersonal kümmert sie sich um die zwölf Frauen und sechs Männer, die im Wohnbereich „Taunus A“ leben. Sie leiden an Altersdemenz, Schizophrenie, Parkinson oder Alzheimer.

Ein Namensschild für jedes Kleidungsstück

Inzwischen schenkt Tanja Hasani im Speisesaal kalten Pfefferminztee aus. Im Hintergrund singt Udo Jürgens: „Ich war noch niemals in New York. Ich war noch niemals auf Hawaii . . .“ Im Schwesternzimmer klingelt derweil das Telefon. Der neue Bewohner ist eine Etage höher gesichtet worden. Ein älterer Herr gibt Hasani ein Handzeichen. Er will seine Hose gewechselt haben. „Nicht jetzt“, sagt er, „später“. Hasani nickt. Der alte Mann sitzt in einem schwarzen Ledersessel und blickt wieder auf das Aquarium neben sich.

Die Helferin verschwindet durch eine Tür in die Küche. Sie räumt das schmutzige Geschirr vom Mittagessen in einen weißen Plastikkorb und wischt mit einem Putzlappen über die Arbeitsflächen der Küche. Dann holt sie eine Gießkanne hervor und geht in den Speisesaal zurück, um die Zimmerpflanzen zu gießen. Das lange Haar hat sie streng zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihr volles Gesicht ist leicht gerötet.

Als nächstes ist die Wäsche dran. Tanja Hasani schiebt den Wäschewagen durch den Gang. Unterhosen, Unterhemden und Handtücher sind nach Namen sortiert aufgetürmt. Jedes Kleidungsstück ist mit einem Namensschild versehen. Wieder klopft sie an, bevor sie einen Raum betritt. Leichter Uringeruch dringt aus den Zimmern. Die meisten Bewohner sind gerade im Speisesaal, denn Momo, eine schwarze Labrador-Retriever-Hündin, ist heute zu Besuch.

„Ich bin gerne mit alten Menschen zusammen“

Seit fünf Jahren schaut ihre Besitzerin Daniela Bug einmal die Woche mit Momo vorbei. Sie kommt vom Verein „Tiere helfen Menschen“. Momo wedelt mit dem Schwanz und beschnuppert neugierig die Anwesenden. Bug nimmt die Hündin von der Leine, deutet auf einen Stuhl, und Momo springt hinauf. Sie setzt sich dazu, nimmt Momo auf den Schoß. Neben den beiden sitzt eine grauhaarige Frau mit faltigem Gesicht teilnahmslos in einem Sessel. Daniela Bug spricht sie an, nimmt vorsichtig ihre Hand und führt sie langsam zu Momo, damit sie das glänzende Fell der Hündin kraulen kann.

Momo sitzt nicht still, sie bewegt den Kopf von links nach rechts, beugt ihn nach unten, um die Decke zu beschnuppern, in die die Bewohnerin des Altenheims gehüllt ist. Plötzlich reißt die Frau die Augen auf, die Brauen bewegen sich, ihr Blick folgt den Bewegungen des Hundes. Sie scheint den Augenblick mit Momo zu genießen - sonst verbringt sie die meiste Zeit im Bett. Nach einer Weile bekommt die Hündin von Daniela Bug eine Belohnung und springt vom Stuhl - schließlich wollen auch die anderen Bewohner Momo streicheln.

Die Wäsche hat Tanja Hasani mittlerweile verteilt. Gemeinsam mit Bruno Poric kümmert sie sich nun um die Bettlägerigen des Wohnbereichs: Sie müssen in eine andere Liegeposition gebracht werden. Doch vorher bekommen sie zu trinken. Anschließend hat sich Hasani eine Pause verdient. Sie sitzt im Foyer, trinkt Orangensaft und zieht an ihrer Zigarette. Bis zu ihrer Hauptschul-Abschlußprüfung im Sommer wird sie noch hier arbeiten. Dann hofft die Mutter eines fünfjährigen Sohnes, eine Ausbildung zur Altenpflegegehilfin beginnen zu können. „Ich bin gerne mit alten Menschen zusammen. Ich bewundere ihren Lebensmut.“

„Wo haben Sie Ihre Schuhe gelassen?“

Um sich ihren lang gehegten Berufswunsch zu erfüllen, muß sie jetzt nachholen, was sie einst versäumt hat. Die junge Frau aus Nordrhein-Westfalen stand kurz vor ihrem Hauptschulabschluß, als ihre Mutter umzog. Tanja mußte auf eine andere Schule wechseln. Vier Tage besuchte sie die neue Klasse, dann beschloß sie, nicht mehr hinzugehen: „Ich war die Neue und wurde nicht akzeptiert.“ Deshalb ging sie weiter auf ihre alte Schule, bis ein Lehrer sich weigerte, sie zu unterrichten, weil sie dort nicht mehr angemeldet war. Von da an blieb sie zu Hause - um den Hauptschulabschluß war es geschehen.

Nach dem halben Jahr begann sie einen Lehrgang zur beruflichen Eingliederung an einer Hauswirtschaftsschule. Einen Monat später kam ihr Sohn Enrico-Sebastian zur Welt, und sie beendete den Kursus. Vier Monate später zog sie nach Offenbach und heiratete ihren Freund, einen Bauarbeiter. Die folgenden dreieinhalb Jahre widmete sie ihrer kleinen Familie. Doch bald langweilte sie sich. Jetzt, im Altenheim, ist sie zufrieden. Hier kann sie „mit anpacken“, wie sie sagt, und Vorkenntnisse für ihre Ausbildung sammeln. Was den Schulabschluß angeht, ist sie zuversichtlich, einen Notendurchschnitt zwischen zwei und drei will sie erreichen.

Ihre Pause wird jäh unterbrochen, als ein Bewohner im Rollstuhl an ihr vorbeifährt. „Wo haben Sie Ihre Schuhe gelassen?“ fragt Hasani, deren Blick nichts entgeht. Der alte Mann schaut sie hilflos an. Hasani fährt ihn zurück in den Speisesaal, um zu schauen, wo die Schuhe geblieben sind. Als nächstes begleitet sie vorsichtig eine Frau auf ihr Zimmer, die müde ist und schlafen gehen will. Als Hasani zurückkehrt, entdeckt sie eine Pfütze im Foyer. Der Mann mit dem Rollstuhl hat dort in der Zwischenzeit seine Tasse ausgeschüttet. Ohne Murren wischt sie die Flüssigkeit vom Boden.

Schlafenszeit für die Bewohner

Nun ist es Zeit für das Abendessen. Hasani schiebt den silbernen Servierwagen von der Küche in den Speisesaal. Es gibt Toastbrot mit Wurst, Käse oder Marmelade. Auf jedem Teller liegt ein Plastikschildchen mit einem Namen drauf. Geduldig warten die alten Menschen, bis die Helferin die Teller verteilt und den Tee eingeschenkt hat. Eine Frau mit türkisfarbenem Strickpullover scheint vom Abendessen wenig beeindruckt zu sein, sie wendet sich ab.

„Es gibt Abendbrot, auch für Sie“, sagt Hasani und führt die Frau behutsam an den Tisch. Sie bekommt in Milch aufgeweichten Zwieback zu essen. Bruno Poric verteilt derweil rote und grüne Plastiknäpfchen mit Medikamenten darin. Nach dem Essen bringen die beiden einen Bewohner nach dem anderen zu Bett.

Abendsonne taucht den Speisesaal in gelbes Licht. Ruhe kehrt ein im Wohnbereich „Taunus A“, nur die drei Kanarienvögel in der Voliere links in der Ecke zwitschern noch. Auch für den neuen Bewohner, der den Tag lieber eine Etage höher verbringen wollte, ist jetzt Schlafenszeit. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis er sich im Wohnbereich für Demenzkranke, seiner letzten Station, eingelebt hat.

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