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Alltag eines Strafrichters : Schicksale in Saal 4

Ihm kann man nicht so leicht etwas vormachen: Amtsrichter Manfred Gönsch kennt die Wechselfälle des Lebens. Bild: Florian Manz

Ob die Ampel rot oder doch grün war, ob der Ordner im Stadion dem rabiaten Fan in die Faust gelaufen ist und ob die Pleite der Kneipe nicht früher hätte gemeldet werden müssen: Ein Tag im Leben eines Strafrichters.

          Etwas die Geduld verliert Manfred Gönsch an diesem Tag das erste Mal um kurz nach neun. Seit einer halben Stunde sitzen zwei Frauen, Mutter und Tochter, in Saal 4 weitgehend stumm neben ihrem Anwalt, der versucht, eine mildere Strafe herbei zu diskutieren. Seine Mandantinnen haben die Pleite ihres Unternehmens für Gebäudereinigung nicht rechtzeitig angezeigt. Insolvenzverschleppung heißt das in der Anklageschrift. Zudem sollen die Damen für einige Angestellte zeitweilig die Beiträge für die Sozialversicherung nicht gezahlt haben.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Es ist noch dunkel gewesen, als Amtsrichter Manfred Gönsch um halb acht an diesem Tag Gebäude E des Frankfurter Gerichtskomplexes betritt. Er hat, man kennt ihn, die Sicherheitsschleuse umkurvt und ist mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock gefahren, wo auf einem gelb getünchten Flur sein Büro liegt. Ein Schreibtisch füllt den schmalen Raum beinahe aus, auf Regalen reihen sich Jahresbände verschiedener Fachzeitschriften. Eine Stunde vor Prozessbeginn will Gönsch noch die Aktenberge abarbeiten, die seit gestern Abend wieder gewachsen sind. Auf einem runden Beistelltisch türmen sich auf drei Stapeln braune Hefter.

          Der Tag beginnt mit einer Insolvenzverschleppung

          Mit schwarzer Tinte vermerkt der Richter in kleiner geschwungener Schrift auf den Rückseiten der hintersten Blätter, was seine Mitarbeiterin – „Frau Krum“ – in amtliche Schreiben fassen wird: Eine Bewährungshelferin soll einen Zwischenbericht verfassen, der Einspruch eines Schnellfahrers gegen eine Laserkontrolle soll abgewiesen werden, Unterlagen sollen schnellstmöglich an das zuständige Revisionsgericht überstellt werden. Um Viertel nach acht ist der Beistelltisch leer, bis auf die Prozessakten für kommenden Montag. Manfred Gönsch tritt an den Schrank, tauscht die bunt-gestreifte Krawatte gegen eine weiße, zieht mit dem Kamm den Seitenscheitel nach, wirft die Richterrobe über den Arm und macht sich auf den Weg zu Sitzungssaal 4. Auf den Weg zur Insolvenzverschleppung, sein erster Fall an diesem Tag.

          Richter Gönsch hatte die Angelegenheit ursprünglich vom Schreibtisch aus, mit einem Strafbefehl nach Aktenlage, regeln wollen: 90 Tagessätze je 15 Euro lautete die Vorstellung der Staatsanwaltschaft von einer angemessenen Strafe. Gegen den aber hatten die Angeklagten Einspruch eingelegt, weshalb sie nun hier sitzen, wo ihr Anwalt wiederholt erklärt, Mutter und Tochter hätten sich bisher nichts zuschulden kommen lassen, weshalb die Strafe nicht angemessen sei. Zudem habe er Hinweise, dass die Sozialversicherungsbeiträge falsch berechnet worden seien.

          Schnelle Einsicht bedeutet Zeit für die Kantine

          In seinen Unterlagen stehe etwas anderes, entgegnet Gönsch, der einige Zeit zugehört hat. Aber man könne gerne die Vertreter der Krankenkassen anreisen lassen und die Frage in einer zweiten Verhandlung klären. Was allerdings hieße: Höhere Prozesskosten und eventuell auch eine höhere Strafe. Der Anwalt solle sich doch bitte überlegen, wo das noch hinführe und sich mit seinen Mandantinnen beraten, sagt Richter Gönsch und ordnet eine Pause an. Fünf Minuten später betreten die drei wieder den Sitzungssaal, und noch ehe er Platz nimmt, verkündet der Anwalt: „Wir nehmen den Einspruch zurück.“

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