31.01.2007 · Er hat sich von seiner Frau getrennt, lebt aber mit ihr noch in einem Haushalt. Doch inzwischen hat er eine neue Freundin, und mit der möchte er verreisen. Also braucht er ein Alibi - und das beschafft ihm die Agentur „Alibi-Profi“.
Von Johanna BraunEr hat sich von seiner Frau getrennt, lebt aber mit ihr noch in einem Haushalt. Doch inzwischen hat der Frankfurter Immobilienmakler eine neue Freundin, und mit der möchte er verreisen. An sich kaum der Rede wert, müsste er nicht befürchten, dass seine Noch-Ehefrau ihm die Wohnungseinrichtung zertrümmert, wenn sie davon erfährt. Also braucht er ein Alibi – ein möglichst wasserdichtes. Und das beschafft ihm die Agentur „Alibi-Profi“. Die hat Ausreden für alle Eventualitäten, sei es für den Seitensprung, für den vom Partner verbotenen Besuch im Fußballstadion oder eben den Liebesurlaub mit der neuen Partnerin. Der ängstliche Immobilienmakler reist nun offiziell zu einem Lehrgang nach Österreich.
Die Idee, Alibis für alle Lebenslagen anzubieten, kam Stefan Eiben, als er sich vor einigen Jahren mit Freunden verabreden wollte. Kein leichtes Unterfangen, musste doch jeder vorher seinen Partner um Erlaubnis bitten. „Anderen geht es bestimmt ähnlich“, dachte er, und inserierte in der Zeitung: „Gönnen Sie sich die Freiheit, das, was Sie tun, sorglos zu tun.“ Was Eiben nicht erwartet hatte: „Die Resonanz war so groß, dass ich das Angebot ins Internet stellte und seitdem mit Aufträgen überschüttet werde.“ Seine Kunden finden ihn seither unter der Netzadresse www.alibi-profi.com, und Frankfurt hat sich inzwischen als Alibi-Hochburg erwiesen. Warum, das kann Eiben nur vermuten: „Hier stehen die Menschen unter sehr hohem Erfolgsdruck und suchen deshalb Wege, sich Freiräume zu schaffen.“
Sorglose Seitensprünge
Mittlerweile hat Eiben das Angebot seiner Agentur ausgebaut: Von einer gefälschten telefonischen Bestätigung für 37 Euro über die spurenlose Urlaubsbuchung für 99 Euro bis hin zum Strohmann für 250 Euro kann der Kunde für das nötige Kleingeld alles bekommen. Das Günstigste ist eine Terminbestätigung per SMS, sie kostet neun Euro.
Die Kunden sind so vielfältig wie die Anlässe: Eiben berichtet zum Beispiel von jenem Frankfurter Paar, das ein Haus kaufen wollte, aber nur eines fand, das zwar ihr, aber nicht ihm gefiel. Um Krach zu vermeiden, buchte der Mann schließlich bei „Alibi-Profi“ einen als Gutachter getarnten Strohmann, der wegen angeblich zu hoher Renovierungskosten von dem Kauf abriet – die Frau akzeptierte. Interessant sind die käuflichen Alibis natürlich besonders für Menschen, die Lust auf einen Seitensprung haben.
Ob nun das vorgetäuschte Wochenendseminar oder der fingierte Reisegewinn bei einer Radioumfrage – „Alibi-Profi“ stellt sicher, dass keine Hotelrechnung unverhofft ins Haus flattert und für Erklärungsnot sorgt. Ferner werden allerlei nützliche Tipps gegeben: „Bedenken Sie, sich zu Hause völlig normal zu verhalten. Bringen Sie keine außergewöhnlichen Geschenke mit, vergeben Sie die gleichen Kosenamen, um sich nicht zu versprechen, und vermeiden Sie Knutschflecken, Lippenstift und Kratzer auf dem Rücken“, heißt es auf der Internetseite. Immerhin rund die Hälfte der Kunden kommen zu Eiben, um Hilfe für einen sorglosen Seitensprung zu bekommen.
Alibis noch nie aufgeflogen
Besonders gefragt sind „permanente“ Alibis für 297 Euro im Monat. Die benötigen beispielsweise Frauen, die sich zu Hause vor Webcams für Geld ausziehen. Um ihre Familien und Freunde nicht zu schockieren, werden sie als Fotomodell getarnt. Es sei immer besser, wenn das Alibi in etwa etwas mit der eigentlichen Arbeit zu tun habe, dann seien Komplikationen ausgeschlossen, sagt Eiben. Auf Wunsch werden sogar umfangreichere Ausreden konstruiert. Dabei wird der Kunde mit allem ausgestattet, was für eine organisierte Täuschung wichtig ist. Er erhält Visitenkarten, Prospekte und auch einen eigenen Internetauftritt, um als Handelsvertreter jederzeit an angeblich wichtigen Terminen teilnehmen zu können. Zum Team von Eiben gehören Grafiker, Programmierer und Webdesigner. „Da ist es kein Problem, ganz schnell einen Firmenauftritt ins Web zu zaubern“, sagt der Chef. Je höher der Aufwand, desto authentischer wirken die Alibis.
Erst kürzlich habe etwa ein Kunde aus Frankfurt eine richtige „Existenz“ gebraucht, weil er arbeitslos geworden war. Da er schon einmal psychische Probleme gehabt hatte, wollte er vermeiden, dass sich seine Familie sorgt. Deshalb verschaffte ihm die Agentur eine kurze vorübergehende Anstellung – zum Schein. Sollte bei dieser Firma angerufen werden, ist das Alibi zusätzlich abgesichert, denn Eiben arbeitet mit Partnerfirmen zusammen: „Nur der Firmeninhaber ist eingeweiht.
Die Sekretärin am Telefon weiß nichts von der Geschichte. Für sie ist unser Kunde ein ganz normaler Handelsvertreter, weshalb Kontrollanrufe bei ihr sehr realistisch wirken.“ Überhaupt seien von ihm arrangierte Alibis noch nie aufgeflogen, sagt Eiben. Höchstens wenn sich der Kunde selbst verplappert habe. Gewissensbisse wegen des Schwindels hat er jedenfalls nicht: „Die hätte ich eher, wenn ich keine Alibis mehr geben und die Leute sich selbst überlassen würde.“