23.10.2006 · Forscher aus Südafrika, Deutschland und Lesotho suchen nach neuen Strategien für den Kampf gegen Aids. Der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser ist einer von ihnen.
Von Eva-Maria Magel, KapstadtAuf vielen der Hunderttausende Euro teuren Geräte klebt derzeit ein Schild „Nicht im Gebrauch“. Das aber führt den Betrachter in die Irre. Im Gebrauch sind die Labore, die sich über ein ganzes Stockwerk der Medizinischen Fakultät der südafrikanischen University of Stellenbosch erstrecken, sehr wohl. Und demnächst soll dort im Kampf gegen das tödliche HI-Virus eine Dreiländerkooperation neue Erfolge bringen.
Vor einem Jahr ist der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser als Professor und Abteilungsleiter an die renommierte Hochschule in der Nähe von Kapstadt berufen worden. Da sein Labor, auf das er sichtlich stolz ist, auch für den nationalen Gesundheitsdienst genutzt wird, mußten alle Geräte, die nicht für diagnostische Verfahren verwendet werden, markiert werden. Geforscht aber wird mit dem gesamten technischen Aufgebot intensiv, um die Aids-Behandlung zu verbessern.
„Das Land braucht Fachleute“
Preisers Abteilung klinkt sich nun in die Kooperation ein, die das HIV-Zentrum des Universitätsklinikums Frankfurt mit dem Mafeteng Government Hospital in Lesotho verbindet. Gerade für Afrika ist HIV, das sich seit den achtziger Jahren auf der ganzen Welt ausbreitet, zu einer fundamentalen Bedrohung geworden. Aber auch die Forschung überspringt Grenzen: Das mit wenig Mitteln ausgestattete, von Aids besonders betroffene Lesotho profitiert von den Erfahrungen des international anerkannten Frankfurter Zentrums. Dort sind in der Forschung und bei der Therapie der etwa 5000 HIV-positiven Patienten in der Rhein-Main-Region in den vergangenen Jahren große Erfolge erzielt worden. Erste Mediziner aus Lesotho sind schon in Frankfurt geschult worden, Frankfurter Forscher wiederum waren in Stellenbosch zu Gast.
Denn auch Stellenbosch und damit Südafrika soll von dem Verbund profitieren. Mehr junge südafrikanische Mediziner können in der neuesten Forschung arbeiten: „Das Land braucht Fachleute“, erklärt Preiser, denn die Abwanderung gut ausgebildeter Kräfte habe mittlerweile bedrohliche Ausmaße angenommen. Es gibt nun die ersten eigenen Postgraduierten in seiner Abteilung, darunter auch drei schwarze Mediziner - ungewöhnlich in einer bislang hauptsächlich von Weißen geprägten Forschung. Vor allem mehr und neuartige Daten erhofft sich der gebürtige Frankfurter. Praktiker aus anderen afrikanischen Ländern könnten dagegen vom relativ fortgeschrittenen Therapiewissen in Südafrika, dem entwickeltsten Land des Kontinents, profitieren.
Das HIV-Therapiezentrum am Tygerberg Hospital der Universität Stellenbosch ist das größte in der Region und betreut fast 1000 Patienten, davon ein Drittel Kinder. Daß die pädiatrische Aids-Forschung mittlerweile Schwierigkeiten hat, genügend Daten von HIV-infizierten Kindern zu bekommen, ist für den forschenden Arzt Preiser ein Erfolg - trotz der immer noch mangelhaften HIV-Prävention und Aufklärung in Südafrika.
Mythen von Roten Beten, Knoblauch und Zitronen
Dem Land ist der 41 Jahre alte Preiser, der nach seinem Studium in Frankfurt und London in der Frankfurter Virologie forschte und lehrte, seit Jahren verbunden. Vor allem am Kapstädter Groote Schuur Hospital, dem anderen großen virologischen Institut des Kontinents, hat er gearbeitet. Er kennt jede HIV-Selbsthilfeeinrichtung, die „Ärzte ohne Grenzen“ und die Behandlungszentren in den Armenvierteln der Kapregion. Zum Teil sind sie am Tygerberg Hospital angesiedelt.
In der Abteilung, die Preiser nun leitet, ist einst das erste HI-Virus isoliert und gezüchtet worden. Gegründet wurde sie für die Suche nach einem Impfstoff gegen HIV. Die geht weiter, aber die Hoffnung ist geringer geworden. In Südafrika, erklärt Preiser, seien schon viele Millionen Rand in die Impfstoff-Forschung gesteckt worden. Das mag angesichts der zweifelhaften Haltung der derzeitigen Regierung erstaunen, die vor allem von Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang, im Volksmund „Dr. Beetroot“ genannt, verkörpert wird: Sie hatte Rote Bete, Knoblauch und Zitronen als Mittel gegen HIV empfohlen.
Noch sei zuwenig über das Virus bekannt, so Preiser. Warum etwa manche Infizierte lange Zeit bei guter Gesundheit leben, andere Menschen offenbar immun gegen den Erreger sind und einige zumindest behaupten, die Infektion überwunden zu haben, das sind Fragen, mit denen er sich befaßt. Vor allem bei Kindern etwa fielen die üblichen HIV-Schnelltests oft trotz typischer Symptome negativ aus. Dazu hat Preiser mit Kollegen eine Studie fertiggestellt, die auch schon Wirkung zeigt: In solchen Fällen wird nun zu einem zweiten, komplexeren Test gegriffen.
Infektionsrate zwischen 20 und 40 Prozent
„Es gibt hier eine große HIV- und Aids-Problematik. Aber im Gegensatz zu den anderen afrikanischen Ländern gibt es auch die Möglichkeit, auf höchstem Niveau zu forschen“, sagt Preiser. Südafrika sei auf einigen Gebieten der HIV-Forschung und -Therapie vorbildlich für den Kontinent. Deshalb könne das Land auch Pionier bei dem Vorhaben werden, HIV-positive Heranwachsende in ein quasinormales Erwachsenenleben zu führen.
Die Provinz Western Cape, zu der Kapstadt und Stellenbosch gehören, ist in dem von Aids geschlagenen Südafrika in einer vorteilhaften Position: Mit Stellenbosch und Groote Schuur sind dort die großen afrikanischen Forschungseinrichtungen angesiedelt. Zudem folgt die Provinzregierung der staatlichen Politik nicht ganz so strikt. So ist die einzige bislang mögliche HIV-Therapie, eine Kombination von antiretroviralen Medikamenten, dort mehr Menschen zugänglich als im restlichen Land. „Hier gibt es eine Erfolgsgeschichte - daran hat die Staatsregierung aber nicht mitgewirkt, sie hat nur gestört“, sagt Preiser.
Außerdem ist die Rate der HIV-positiven Schwangeren in der Region landesweit die niedrigste. In der südafrikanischen Provinz Kwa-Zulu-Natal liegt sie bei mehr als 40 Prozent, in Western Cape dagegen unter 20 Prozent - „noch“, sagt Preiser, dessen Abteilung mit der jährlichen Dokumentation der HIV-infizierten Schwangeren betraut ist. Er befürchtet einen Anstieg in den nächsten Jahren. Nicht nur die Mütter, ganze Generationen von Kindern werden sterben, wenn nicht schon während der Schwangerschaft eine HIV-Therapie eingeleitet wird. Die Übertragung von der Mutter auf das Kind „muß heute nicht mehr sein“, so Preiser. In Frankfurt seien dank der konsequenten Prophylaxe in den vergangenen Jahren nur zwei HIV-positive Babys zur Welt gekommen.
„Es gibt viele offene Fragen“
Die antiretrovirale Therapie erfordert permanente Kontrolle der Patienten. Immer neue Resistenzen treten auf, zudem sind in Afrika weit weniger Bestandteile der Kombinationspräparate verfügbar als in entwickelten Ländern. Aus den Erfahrungen, die er auch in Frankfurt gesammelt hat, will Preiser nun neue Methoden für Afrika entwickeln. Es geht darum, die Test- und Überwachungsverfahren so einfach handhabbar und gleichzeitig wirksam zu gestalten, daß sie auch unter erschwerten Bedingungen einsetzbar sind - mit wenig Geld, wenig Personal und in ländlichen Gegenden.
„Ich bin Mediziner, nicht Naturwissenschaftler“, sagt Preiser von sich. Deshalb hat ihn schon zu Beginn seiner Karriere die Diagnostik interessiert. Auch an der Zuwendung zu den Patienten lag ihm viel. Von der Kooperation mit Lesotho erwartet er neue Aufschlüsse für Test- und Therapieprogramme. Denn auch wenn die armen Länder von den medizinischen Entwicklungen der reichen, etwa Deutschland, profitieren, sind die Errungenschaften wegen der Kosten und der fehlenden Infrastruktur nicht eins zu eins übertragbar.
Zumal sich die Virentypen unterscheiden: Herrscht in der westlichen Welt die Variante 1B vor, sind die afrikanischen Länder von den Subtypen 1C und 1D betroffen. Auch das kann Auswirkungen auf die Therapien haben. „Es gibt viele offene Fragen“, sagt Preiser. Ihnen können sich auch Frankfurter Studenten aktiv widmen: Preiser bietet im Wintersemester ein Praxisseminar zu HIV in Stellenbosch an.