07.09.2007 · HIV-Infizierte kämpfen gegen das Virus in ihrem Körper, aber auch gegen die Vorurteile ihrer Mitmenschen. Der Regenbogendienst bietet den Kranken medizinische Hilfe und menschliche Unterstützung.
Von Sonja HartwigJeder Schritt schmerzt ihn. Meist sitzt Hannes Schneider (Name geändert) auf seinem Bett, schaut fern: das Morgenmagazin eines Privatsenders. Eigentlich sollte er in seinem Bett liegen, denn wenn er sitzt und die Beine von der Bettkante baumeln, strömt Wasser in die Füße, die schon jetzt dick und aufgequollen sind, so dass sie nur schwer in die Sportschuhe passen.
Aber das Liegen ist auch nicht gut. Denn Schneider hat eine hochgradige Osteoporose. Seine Knochen sind schnell brüchig, auf dem linken Auge ist er blind, und zum Gehen braucht er eine Stütze. Tagsüber, sagt Schneider, 53 Jahre alt, würden die Schmerzen so schlimm, dass ihm die Tränen kommen. Gleich nach dem Aufstehen schluckt er sechs Pillen.
Die Krankheit steckt nicht in der Kleidung
Um neun Uhr morgens kommt Kerstin Kalisch: Sie wechselt den Verband um seinen Fuß und bringt ihm Methadon, einen Ersatzstoff für Heroin. „Gegen die Entzugserscheinungen.“ Wenn Kalisch, Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes, bei Hannes Schneider klingelt, verrät ihre Kleidung nichts von ihrer Tätigkeit. Kalisch trägt keine weiße Hose, kein weißes Shirt, keine weißen Schuhe. Nur ein kleines rotes Schleifchen, das als Aufkleber auf dem Kofferraum ihres kleinen Autos prangt, verrät ihre Mission. In schwarzen Lettern steht darauf: „Gib Aids keine Chance.“
Kerstin Kalisch reist dem HI-Virus hinterher. Sie wird gerufen, um Menschen beizustehen, die allein sind. Entweder weil sich niemand an sie herantraut. Oder weil sie niemanden an sich heranlassen wollen. Die einen haben Angst, angesteckt zu werden. Die anderen haben Angst, gemieden zu werden. Die Angst sei wie der Virus, sagt Kalisch. Sie wächst, breitet sich aus. Und manchmal gehe das ganz wie von selbst. „Viele denken, die Krankheit steckt in der Kleidung.“
Kalisch kam vor fünf Jahren zum ersten Mal zu Hannes Schneider, damals sei es ihm noch besser gegangen. Er konnte sehen. Und gehen konnte er auch. Nun braucht er ihre Hilfe, wenn er sich die Socken über die dicken Füße zieht. Die Schuhe schafft er meist allein. Schneider war stark drogenabhängig: Acht Jahre lang spritzte er sich Heroin. Ein einziges Mal, sagt er, habe er sich die Nadel eines Bekannten geliehen. Ein halbes Jahr später ging er zum Entzug in die Klinik, machte einen Test, das Ergebnis: HIV-positiv.
„Viele sind sehr einsam“
Außer Kalisch und den anderen Mitarbeitern des Regenbogendienstes, dem ambulanten Pflegedienst der Aids-Hilfe, wisse fast niemand von seiner Infektion, sagt Schneider. Besuch empfängt er nur selten und wenn, dann räume er vorher immer alle Medikamente weg. Nur einmal, als er eine schwere Lungenentzündung hatte und in seiner Wohnung umgefallen sei, habe ein Nachbar, der immer für ihn einkaufen geht, von seiner Krankheit erfahren. Als der Notarzt im Zimmer stand und fragte, sei es ihm rausgerutscht: „Ich bin HIV-positiv.“ In den darauffolgenden Wochen, sagt Schneider, habe sich der Nachbar dann erst mal nicht mehr blicken lassen. Nun komme er wieder, kaufe wieder für ihn ein. Doch vorsichtiger sei er geworden: „Wenn er sich ein Bier aus dem Kühlschrank holt, passt er auf, dass ich da nicht vorher dran war.“
Bei Schneider bleibt Kalisch knapp eine Stunde, dann macht sie sich auf den Weg zu den nächsten Patienten: Sie kontrolliert, ob sie ihre Medikamente eingenommen haben, gibt neue, wechselt Verbände, nimmt sich Zeit. „Viele sind sehr einsam. Sie wollen einfach mal offen reden. Oder in den Arm genommen werden.“
Als Kalisch vor fünf Jahren nach Frankfurt kam, suchte sie einen Job als Krankenschwester. Bei einer Zeitarbeitsfirma fragte man sie: „Haben Sie etwas gegen HIV-Infizierte oder Homosexuelle?“ „Nein“, sagte Kalisch. Einen Tag später fing sie beim Regenbogendienst an. Der Regenbogendienst der Aids-Hilfe, 1992 gegründet, ist einer der wenigen deutschen Spezialpflegedienste, der Menschen, die HIV-positiv oder an Aids erkrankt sind, berät, betreut und pflegt.
Den Tod sieht sie kommen
Einen Teil der Kosten – 200.000 Euro benötigt der Regenbogendienst jährlich – übernehmen die Kranken- und Pflegekassen. Etwa die Hälfte aber fehlt. Er kommt vor allem beim „Lauf für mehr Zeit“ zusammen. Nur so können sich die fünf Pflege- und die vier Hauswirtschaftskräfte an sieben Tage in der Woche rund um die Uhr um 56 Patienten kümmern. Viele von ihnen seien drogenabhängig oder gingen auf den Strich – oder beides, berichtet Kalisch.
Einmal, als sie sich an der Nadel einer Patientin gestochen hatte, musste Kerstin Kalisch selbst sechs Wochen lang Medikamente gegen HIV schlucken. Ob sie in dieser Situation nicht auch Angst hatte? „Ein bisschen“, sagt Kalisch, bereut habe sie ihre Entscheidung, mit HIV-Infizierten zu arbeiten, aber nie. Sie wisse ja, dass der Virus in der Luft absterbe, nur über Blut und beim Geschlechtsverkehr übertragen werden könne.
Das Wissen, könnte man sagen, impft sie gegen die Angst, die andere in sich tragen. „Ich bin froh, dass ich den Menschen, denen manchmal nicht viel Zeit bleibt, ein paar Stunden geben kann, in denen ich einfach für sie da bin.“ Kerstin Kalisch hat einige Menschen vor dem Tod erlebt. Den Tod, sagt sie, sehe sie kommen: Die Beine werden dicker, die Haut fahl, die Wangen fallen ein.
„Wir laufen dem Virus immer hinterher“
65 Menschen in Hessen sind 2006 an dem Virus gestorben, seit Beginn der Epidemie sind es 3300. „Die meisten gehen erst zum Arzt, wenn sie richtig krank sind“, sagt Peter Gute, der in Frankfurt eine HIV-Schwerpunktpraxis führt. Viele dächten, sie nehmen eine Pille und dann ist gut – „ein großer Irrtum“, warnt Gute. Nur weil es gute Tabletten gibt, habe die Krankheit ihren Schrecken nicht verloren. So nimmt die Zahl der Menschen, die mit dem HI-Virus oder AIDS leben, weiter zu.
Das Robert-Koch-Institut verzeichnete Ende des vergangenen Jahres 5800 HIV-infizierte Menschen, darunter 1100 Aids-Kranke. Ein Jahr zuvor waren es 100 weniger. Alarmierend sei, dass immer häufiger Viren übertragen werden, die gegen die Pillen resistent sind. Gute: „Wir laufen dem Virus immer hinterher.“ Von den 240 neu Infizierten seien 220 männlich. 71 Prozent hätten sich bei homosexuellem Geschlechtsverkehr angesteckt.
Beängstigend ist laut Gute, dass immer stärker eine Gruppe betroffen sei, die nicht in das Bild des typischen HIV-Infizierten passe: Sie gehören weder zu einer Risikogruppe noch kommen sie aus einem Risikoland. Von den 1200 Patienten, die in der Praxis behandelt werden, in der Gute tätig ist, gebe es 50 solcher Fälle. „Viele wurden von Arzt zu Arzt geschickt, doch niemand ist auf die Idee gekommen, einen HIV-Test zu machen.“
Es kann jeden treffen
Auch bei Eva Rottmann (Name geändert) war das so. 2000 kam sie das erste Mal zu Gute, da war sie schon seit zehn Jahren infiziert. Rottmann ist von Beruf Sekretärin, 37 Jahre alt, wortgewandt, erfolgreich. Dass sie mit Mitte 20 gewaltig an Gewicht verlor, immer wieder mit einer Grippe im Bett gelegen hat, habe sie allein auf den Stress geschoben. Einmal – „es war reiner Zufall“ – habe sie ihre Ärztin sogar gebeten, einen HIV-Test zu machen. Die entgegnete: „Nur, wenn Sie mit jemandem aus der Risikogruppe geschlafen haben.“ Das hatte sie nicht. Also ließ sie den Test sein.
Dann erkrankte Eva Rottmann an Gürtelrose. 1997 das erste, 1999 das zweite Mal. Wenn diese Krankheit in so jungen Jahren auftrete, sei das ein eindeutiges Alarmsignal, weiß Gute. Doch niemand machte einen Test. „HIV ist eben immer noch eine Schmuddelkrankheit, selbst von Ärzten wird sie stigmatisiert“, sagt Gute. Erst als es Eva Rottmann immer schlechter ging, sie im Krankenhaus lag, Infusionen bekam, testete man sie auf HIV.
Die Diagnose: „Große Viruslast. Wenige Helferzellen.“ Als sie später ihrem Hausarzt davon erzählte, sagter er: „Was? Sie doch nicht, das hätte ich aber nicht gedacht.“ „Ich auch nicht“, erwiderte Eva Rottmann. Heute sagt sie: „Es geht nicht nur um Schwule, Drogenabhängige und Prostituierte. Treffen kann es jeden.“