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Aggressive Bettelei Ordnungsamt vor schwierigen Aufgaben

Im Sommer sind bis zu 200 „Rotationseuropäer“ in Frankfurt und betteln auf aggressive Art und Weise. Dahinter stehen organisierte Strukturen.

© Helmut Fricke Vergrößern Das Ordnungsamt räumt in Bornheim ein illegales Lager.

Noch während am Mittwoch die letzten Hütten des illegalen Roma-Lagers im Frankfurter Stadtteil Riederwald abgerissen wurden, traten die Familien, die dort gelebt hatten, ihren Rückzug an. Man wolle nicht in die Obdachlosenunterkunft am Ostpark einziehen und nehme die Hilfe der Stadt nicht an, teilten sie am Abend den Mitarbeitern des Ordnungsamts mit. Und so machte sich eine Familie auf den Weg nach Düsseldorf, eine andere nach Bukarest. Der Rest verteilte sich nach Obertshausen, Hanau und Offenbach - man werde bei Verwandten unterkommen, hieß es.

Woher die Familien von einer Minute auf die andere die Mittel für die zum Teil teuren Zugtickets hatten, blieb unklar - offenbar verfügten die Familien aber über mehr Bargeld als gedacht. Verblüfft war vor allem das Ordnungsamt. Die Behörde hatte schließlich schon viele Male Bußgelder gegen Mitglieder der Gruppe verhängt, ohne dass jedoch gezahlt worden war. Stets behauptete die Gruppe, sie habe kein Geld.

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Roma-Familie gehört nicht dazu

Es wird sich wohl erst in den nächsten Wochen endgültig klären, wie die Gruppe aus dem Lager am Riederwald innerhalb der Gemeinschaft der in Deutschland lebenden Roma einzuordnen ist. Nach Angaben des Fördervereins Roma gibt es viele Roma, die sich in die Gesellschaft eingegliedert haben. „Wir kennen einige Erfolgsgeschichten“, sagt der Geschäftsführer des Vereins, Joachim Brenner, und verweist auf in Frankfurt lebende Jugendliche, die ihr Abitur gemacht hätten und nun eine Ausbildung anstrebten.

Die illegal im Lager lebenden Roma-Familien gehören aber offenbar nicht dazu. Denn nach bisherigen Erkenntnissen hat sich diese Gruppe vorwiegend mit illegalen Tätigkeiten ihr Leben finanziert und hatte auch keinen Kontakt zum Frankfurter Förderverein. Ermittelt wird gegen die Gruppe nicht nur wegen aggressiver Bettelei, sondern geprüft wird derzeit außerdem, ob sie für verschiedene Diebstähle und Wohnungseinbrüche verantwortlich ist, die in den vergangenen Monaten in Frankfurt verübt wurden.

Die gleichen Probleme wie Köln?

Für Polizei und Ordnungsamt sind diese Gruppen allerdings schwer zu greifen. Das fängt schon mit der Begrifflichkeit an. Die Bezeichnungen „Sinti und Roma“ sowie „Zigeuner“ dürfen aufgrund ihrer Verwendung während des Nationalsozialismus von den Behörden nicht verwendet werden. So behelfen sich die Beamten bei ihren Ermittlungen oftmals mit Ausdrücken wie „Personen mit häufig wechselndem Aufenthaltsort“ oder „Mobilen ethnischen Minderheiten“, kurz: „Mems“. Als jüngster Begriff hat sich nun die Formulierung „Rotationseuropäer“ durchgesetzt. Aber die Beamten vermuten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch diese Bezeichnung aus Gründen der „Political Correctness“ nicht mehr genutzt werden darf.

Überdies befürchtet das Ordnungsamt, dass Frankfurt spätestens im nächsten Frühjahr die gleichen Probleme haben könnte wie Köln. Dort hatten Roma-Gruppen über einen längeren Zeitraum hinweg in einem Zeltlager an einem Bahndamm gelebt und waren in der Innenstadt ebenfalls durch aggressive Bettelei aufgefallen. Die Polizei sprach damals von „starken Hierarchien“, die vom einfachen Bettler über Zwischenmänner bis hin zu den Drahtziehern reichten und die sich strafrechtlich an der Grenze des Menschenhandels bewegen.

Neue Entwicklungen

In Frankfurt waren Roma-Gruppen mit derartigen Strukturen erstmals vor zwei Jahren aufgefallen. Damals registrierte das Ordnungsamt in der Innenstadt vermehrt Bettler, die entweder Behinderungen vortäuschten oder mit Kleinkindern bettelten - wobei die Kinder nicht immer die eigenen waren. Der Verdienst wurde anschließend an Dritte abgegeben. Fast alle Mitglieder der Gruppe kamen damals aus dem Dorf Sibin in der Nähe von Rosiorii de Vede, einer 31 000-Einwohner-Stadt in Rumänien. Seitdem hat sich diese Situation nicht verbessert, wie es im Ordnungsamt heißt. Im Gegenteil: Bisher hätten sich diese Bettlergruppen nur in den Sommermonaten in Frankfurt aufgehalten. Dass sie aber noch im Oktober in der Stadt seien, sei eine neue Entwicklung.

So hat auch die Zahl der aggressiven Bettler, die nachweislich aus Sinti- und Roma-Familien stammen, zugenommen. Inzwischen sind zeitweise um die 200 Personen in der Stadt, die diesen Gruppen zugeordnet werden können. In jüngster Zeit kommen die Gruppen vorwiegend aus den rumänischen Bezirken Timisoara und Gataia, etwa 500 Kilometer nordwestlich von Bukarest entfernt.

Jede Person in dem Lager hat offenbar eine feste Funktion

Angesichts dieser Erkenntnisse schließen die Ermittler nicht aus, dass auch die jüngst im Riederwald entdeckte Gruppe gezielt nach Deutschland gebracht worden ist. Denn dass sie die Reise aus eigener Tasche hätte bezahlen können, halten die Beamten für unwahrscheinlich.

Zudem habe jede Person in dem Lager offenbar eine feste Funktion gehabt: Die einen gingen betteln, die anderen verdienten Geld mit dem Putzen von Autoscheiben an größeren Kreuzungen. Wiederum andere verwalteten die Einnahmen. Dass es unter den Roma derartige Strukturen gibt, bestreitet Joachim Brenner jedoch. Er sagt, die Menschen seien auf eigene Faust nach Deutschland gekommen, sie seien „auf der Suche nach einem besseren Leben, das man ihnen hier aber nicht geben will“.

Das Frankfurter Ordnungsamt wird in den nächsten Wochen weiter verstärkt Ausschau halten nach jenen Bettlergruppen. Ob die Roma-Familien aus dem Lager am Riederwald nach Frankfurt zurückkommen werden, ist ungewiss. Auszuschließen ist es jedoch nicht.

Quelle: F.A.Z.

 
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