10.03.2011 · Hassina Noori unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Kabul. Derzeit hospitiert die junge Lehrerin an der Wöhlerschule, um das deutsche Schulwesen kennenzulernen.
Von Matthias Trautsch, FrankfurtDafür, dass sie erst zum zweiten Mal in Deutschland ist, hat Hassina Noori schon einen ordentlichen Sprachschatz. Ein Wort gebraucht sie allerdings besonders oft: Es lautet „arbeiten“. Sie sei hier, um zu arbeiten, also um zu lernen, wie an einer deutschen Schule unterrichtet werde, sagt die 28 Jahre alte Afghanin. In Kabul ist sie Lehrerin am Lycée Jamhuriat, einem Wirtschaftsgymnasium für Mädchen. Dort lernen rund 1400 Schülerinnen von der Grundschule bis zu einem Abschluss, der mit dem Abitur vergleichbar ist. In der vierten Klasse beginnen sie mit dem Deutschunterricht, in der neunten Klasse kommt Englisch hinzu – damit ist das Wirtschaftsgymnasium die einzige Staatsschule in Afghanistan, an der zwei europäische Sprachen gelehrt werden.
Seit der vergangenen Woche hospitiert die Deutschlehrerin an der Wöhlerschule. Sie beobachtet den Unterricht, spricht mit den Lehrern und Schülern. Dass sie die Reise nach Europa antreten konnte, ist nicht selbstverständlich: Eine Kollegin, die ebenfalls eine Hospitanz in dem Frankfurter Gymnasium absolvieren wollte, musste zuhause bleiben. Ihr Schwiegervater, der in einem von den Taliban beherrschten Gebirgstal lebt, hatte Sorge, dass es die Familie zu spüren bekäme, wenn die Schwiegertochter ins Ausland geflogen wäre.
„Wir können nicht ruhig arbeiten“
Wenn Hassina Noori, die Deutsch an der Kabuler Universität gelernt hat, von ihrer Heimat spricht, kommt sie wieder aufs „Arbeiten“ zurück. „Ich will arbeiten für mein Land und meine Schule“, sagt sie mit Nachdruck. Die junge Frau mit dem rot gemusterten Kopftuch ist zurückhaltend, sie lächelt freundlich und entschuldigt sich, wenn sie den Eindruck hat, sich könne sich auf Deutsch nicht richtig verständlich machen. Ihre Aussagen sind allerdings klar: „Wir wollen unser Land wieder aufbauen, wir wollen so leben können wie in anderen Ländern.“
Momentan ist das noch nicht möglich. In einigen Provinzen, in denen die Taliban das Sagen hätten, dürften Mädchen nicht zur Schule gehen, sagt Noori. Und auch in Kabul gebe es immer wieder Explosionen: „Wir können nicht ruhig arbeiten.“ Die internationalen Truppen beschützten die Bevölkerung zwar, verbreiteten aber auch das Gefühl der Unsicherheit. Wenn ausländisches Militär auf der Straße sei, müssten Zivilisten stehen bleiben. Sie habe erlebt, wie ein Fahrradfahrer, der sich nicht daran gehalten habe, erschossen und überfahren worden sei.
Die Zukunft Afghanistans
Während draußen manches an Krieg erinnert, ist der Unterricht im Lycée Jamhuriat nach Nooris Schilderungen gar nicht so anders als an deutschen Schulen. Der auffälligste Unterschied ist noch die Uniform: Die Schülerinnen sind schwarz gekleidet und tragen weiße Kopftücher. Morgens kommen sie mit gemieteten Bussen aus zum Teil weit entfernten Stadtteilen in die Schule. Zu den Fächern gehören Heiliger Koran, die beiden Landessprachen, Geschichte, Geographie, Mathematik, Naturwissenschaften, Sport und von der achten Klasse an Computer-Unterricht.
Mittags wird in der Schule zusammen gegessen, am Nachmittag erledigen die Mädchen die Hausaufgaben. In den Ferien können sie Betriebspraktika oder Theaterkurse machen, sie besuchen Schnuppervorlesungen an der Kabuler Universität und erstellen eine viersprachige Schülerzeitung. Von der zehnten Klasse an spezialisieren sich die Mädchen auf Wirtschaft oder Verwaltung. Teils wechseln sie gleich nach dem Abschluss in den Beruf, teils beginnen sie ein Studium. Mit zwei Fremdsprachen und fundierten Computerkenntnissen haben sie gute Chancen auf eine Karriere in dem bisher von männlicher Vorherrschaft geprägten Land. In einigen Jahren könnten die Jamhuriat-Absolventinnen die Zukunft Afghanistans mitbestimmen oder – um das Lieblingswort der Deutschlehrerin zu benutzen – daran arbeiten.
Respekt
Rochau Gunter (grochau)
- 10.03.2011, 15:23 Uhr