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Veröffentlicht: 13.09.2016, 10:06 Uhr

Dokumentarfilm Die Suche nach dem Glück im fremden Haus

Fünf junge afghanische Flüchtlinge haben einen Dokumentarfilm gedreht. Sie wollen die Situation in Flüchtlingsunterkünften zeigen - obwohl sie dort nicht filmen durften.

von Caroline Wiemann, Frankfurt
© Frank Röth Filmemacher: Mahmoud Naderi, Mohammed Qasichani, Sami Azimi, Maruf Younisi und Sefat Sabiri (von links) haben einen Film über das Leben in den Flüchtlingsunterkünften gedreht.

Das erste kulturelle Missverständnis war für Sefat Sabiri der Teppich. Der 19 Jahre alte Afghane ist es gewohnt, auf dem Boden zu sitzen: auf Teppichen. Im Flüchtlingsheim in einem Frankfurter Hotel, in dem er untergebracht war, gab es aber nur einen einzigen Teppich und zwar auf dem Flur. „Wie unhöflich, dass ich mir den selbst holen muss“, fand Sabiri und nahm den Läufer kurzerhand mit in sein Zimmer. „Die Hotelbesitzerin bekam einen Tobsuchtsanfall und wollte ihn rauswerfen“, sagt Sozialarbeiter Jannis Plastargias und lacht. Solche Art von Missverständnissen kennen sie alle: Sami Azimi, Mohammed Qasichani, Maruf Younisi, Mahmoud Naderi und Sefat Sabiri. Sie stammen aus Afghanistan und kamen als Flüchtlinge nach Deutschland. Zusammen haben sie einen Dokumentarfilm über die Situation in den Flüchtlingsunterkünften gedreht.

Organisiert wurde das Projekt mit dem Titel „Die Suche nach dem Glück im fremden Haus“ von der Flüchtlingsberatung des Internationalen Bund und vom Gallus Zentrum. Die Vorgabe für den Film war, dass er von jungen männlichen Flüchtlingen gemacht werden sollte. Sozialarbeiter Plastargias vom Internationalen Bund war es wichtig, Afghanen die Chance zu geben, ihre Perspektive zu zeigen. „Flüchtlinge aus Afghanistan haben im Vergleich zu denen aus Syrien oder Irak keine besondere Stellung. Für sie ist alles viel unsicherer, weil ihnen die Bleibeperspektive fehlt.“ Die fünf jungen Männer entschieden sich trotzdem dagegen, allein ihre Sicht der Dinge zu verfilmen. Ihnen war es wichtig, alle Seiten zu zeigen, deswegen sprachen sie für ihre Dokumentation sowohl mit Heimbewohnern als auch mit den Leitern und Mitarbeitern der Flüchtlingsunterkünfte am Dornbusch und dem Frankfurt Lab in Bockenheim. Außerdem interviewten sie Integrationsdezernentin Sylvia Weber von der SPD.

Bis zu zwei Monate auf der Flucht

Die Erlaubnis, innerhalb der Unterkünfte zu drehen, bekamen die Filmer nicht. Gleichwohl entschieden sie sich für die Form des Dokumentarfilms. Doch auch die Meinungen der befragten Bewohner geben Aufschluss über die Situation in den Unterkünften. Ein großes Problem, so sagten viele, sei das Essen. Meist gebe es sehr ungewohnte, einfache Gerichte, oft lange Zeit das gleiche Essen. „Ich würde mich lieber selbst versorgen, aber das Geld für das Catering wird mir automatisch abgezogen. Von 370 Euro im Monat bleiben deshalb nur 110 Euro übrig“, sagt Maruf Younisi.

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Die Filmer selbst gehen in Frankfurt zur Schule, um Deutsch zu lernen. Sefat Sabiri macht eine Ausbildung zum Elektrotechniker bei Samsung. Drei der fünf jungen Afghanen sind seit einem Dreivierteljahr in Deutschland, zwei schon länger. Sie sind zwischen 18 und 21 Jahren alt, fast alle kamen allein: über Iran, die Türkei und Griechenland oder über Russland und die Balkan-Route. Sie waren ein bis zwei Monate unterwegs, bis sie endlich in Deutschland ankamen.

Die Sprachbarriere ist das größte Hindernis

Sie alle wollen gerne in Frankfurt bleiben. Bloß nicht in den Flüchtlingsunterkünften. Außer dem Wunsch, in Sicherheit leben zu können, wollen die jungen Männer vor allem eins: heraus aus der Unterkunft. Dabei sind die fünf keineswegs undankbar. Doch das Leben im Flüchtlingsheim ist auf die Dauer belastend.

Mohammed Qasichani ist heilfroh, dass er vor einiger Zeit das Heim verlassen konnte. Der 18 Jahre alte Schüler kam nicht allein nach Deutschland. Einfach war es für ihn trotzdem nicht: Der Vater ist herzkrank und leidet an Tuberkulose. Mohammed musste die Position des Familienoberhaupts übernehmen, alle Amtsgänge erledigen, die Asylanträge der acht Familienmitglieder managen. Er ist das älteste von sechs Kindern und spricht als Einziger ausreichendes Englisch. Die Zeit im Flüchtlingsheim war die schlimmste für ihn. „Es gab viele Spannungen. Zwischen den Bewohnern und der Leitung, aber auch unter den Nationalitäten.“ Die Sprachbarriere sei die größte Schwierigkeit und führe oft zu Missverständnissen.

Gelungene Premiere

Ein solches Missverständnis brachte Mohammed schließlich zum Zusammenbruch. Er wollte einen Streit zwischen einigen Afghanen und Arabern im Camp schlichten und bekam im Gerangel einen Schlag auf den Kopf. In der folgenden Nacht hatte er eine Panikattacke und wurde in die Kinderpsychiatrie eingeliefert. Der freundliche Junge mit den großen braunen Augen und einem breiten Lächeln konnte plötzlich dem Druck nicht mehr standhalten. Erst seit seine Familie aus der Unterkunft in eine eigene Wohnung ziehen durfte, ist er wieder ausgeglichener.

Für ihre Dokumentation sprachen die jungen Afghanen auch viele Frankfurter auf der Straße an, um mit ihnen über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen zu reden. „Das war eigentlich das Beste an dem Film. Der Austausch mit den Leuten außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte“, sagt Sefat Sabiri. Es sei ihnen wichtig, Zugang zur Öffentlichkeit zu finden. Und die Frankfurter seien sehr interessiert. Annähernd 140 Leute kamen am vergangenen Donnerstag zur Premiere des Films ins Gallus Zentrum - fast doppelt so viele wie erwartet.

Der Dokumentarfilm wird am 22. Oktober noch einmal im Schauspiel Frankfurt gezeigt.

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