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Ärztestreik Wieder Ärzteproteste in Frankfurt

18.04.2006 ·  Frankfurts Ärzte protestieren am 26. April auf dem Römerberg gegen ausufernde Bürokratie und sinkende Einkommen. Viele Mediziner drohen mit einer Abwanderung ins Ausland.

Von Brigitte Roth
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Hessens Ärzte werden nicht müde, gegen ihrer Ansicht nach unzumutbare Arbeitsbedingungen und sinkende Einkommen zu protestieren. Zu einer Demonstration von niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten, Arzthelferinnen und Patientenorganisationen am 26. April in Frankfurt werden allein 6000 bis 8000 Mediziner erwartet. Im Anschluß an die Kundgebung um 10 Uhr auf dem Römerberg werden sie mit Transparenten durch die Innenstadt ziehen. Die Versorgung der Patienten, deren Ärzte sich an dem Protest beteiligen, wird von 8 Uhr an vom Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung übernommen.

Kritisiert werden vor allem eine „gesundheitsfeindliche“ Sparpolitik der hessischen Krankenkassen und inakzeptable Vorgaben der Bundespolitik. Es müsse verhindert werden, daß immer mehr Kollegen in andere Berufszweige oder ins Ausland getrieben würden. Der Vorsitzende der Gemeinschaft fachärztlicher Berufsverbände in Hessen, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, warnte vor Versorgungsengpässen in ländlichen Regionen. Ein Mangel an Augenärzten mache sich dort schon jetzt bemerkbar, und es werde immer schwieriger, für frei werdende Hausarztpraxen Nachfolger zu finden. Im Gespräch mit dieser Zeitung beklagte Hatzbach die immer mehr ausufernde Bürokratie: „Das ist ein Wahnsinn.“

„Belastung mit Bürokratie und Dokumentation“

Um eine weitere Abwanderung von Ärzten ins Ausland zu verhindern, müsse die Arbeitszufriedenheit größer werden. Ärzte müßten sich wieder in Ruhe ihren Patienten zuwenden können, statt Formulare auszufüllen, Anfragen der Krankenkassen zu beantworten und sich Gedanken um drohende Regresse zu machen. Sorgen um die eigene Existenz und der permanente Druck, sich wirtschaftlich verhalten zu müssen, lenkten von der eigentlichen Aufgabe der Ärzte ab, nämlich kranken Menschen zu helfen. Im übrigen, so Hatzbach, stünden Leistung und Vergütung nicht im rechten Verhältnis. Es gehe den Ärzten nicht in erster Linie ums Geld. „Doch Wert und Gegenwert stimmen nicht mehr.“

Diese Einschätzungen decken sich mit dem, was die Landesärztekammer in Erhebungen seit 2005 herausgefunden hat. Demnach ist eine „ständig wachsende Belastung mit Bürokratie und Dokumentation“ einer der Hauptgründe, warum hessische Ärzte ins Ausland abwandern. Hinzu kommt die Unzufriedenheit mit den Arbeitszeiten und dem Honorar. Noch bis voraussichtlich Ende des Jahres will die Kammer in systematischen Befragungen den Gründen nachgehen, warum immer mehr hessische Ärzte Deutschland den Rücken kehren.

„Die Rahmenbedingungen stimmen nicht mehr“

Ärzte benötigen für eine geplante Tätigkeit im Ausland häufig ein „Certificate of good standing“ - eine Art berufsbezogenes Führungszeugnis. Es wird auf Wunsch von den zuständigen Ärztekammern ausgestellt. In Hessen nahm die Zahl dieser Anträge von 19 im Jahr 2000 auf 181 im vergangenen Jahr zu. Allein im ersten Halbjahr 2005 lag sie bei 104. Rund 68 Prozent der Antragsteller waren Männer, gut 76 Prozent Fachärzte und mehr als 65 Prozent älter als 40 Jahre. Bei 35 Prozent handelt es sich um niedergelassene Ärzte.

Auf die Frage der Ärztekammer, warum eine Tätigkeit im Ausland angestrebt werde, schreibt ein Arzt: „Die Rahmenbedingungen (Gehalt im Verhältnis zur Leistung sowie die Arbeitsdichte) stimmen in Deutschland nicht mehr.“ Ein Kollege moniert einen „irrsinnigen bürokratischen Aufwand für die kassenärztliche Tätigkeit und eine völlig unübersehbare, nicht kalkulierbare Vergütung durch die Kassenärztliche Vereinigung“. Mehr ärztliche Tätigkeit statt Sekretariats- und Verwaltungsaufgaben, die man als Doktor in Deutschland inzwischen überwiegend erledige („Patient ist Nebensache“), wünscht sich ein anderer Mediziner.

„Flucht“ ins Ausland

Nach vorläufigen Auswertungen der Befragung ist das beliebteste Land bei auswanderungswilligen Ärzten offenbar Großbritannien, gefolgt von Skandinavien. Doch weiß die Landesärztekammer nicht, welche Länder in welchem Umfang und für welche Positionen überhaupt Führungszeugnisse verlangen. In der Schweiz beispielsweise ist das nur in einzelnen Kantonen üblich.

Rund zwei Drittel derer, die bisher auf die Anfrage geantwortet haben, bezeichnen ihre Arbeit im Ausland als Haupttätigkeit, ein Drittel als Nebentätigkeit. 20 Prozent gaben der Kammer zufolge eine auf maximal zwei Jahre befristete Tätigkeit an, zwei Drittel wollen demnach für immer im Ausland bleiben beziehungsweise haben noch keine Entscheidung getroffen.

Mit Besorgnis registriert die Ärztekammer, daß 85 Prozent der Antragsteller bereits Fachärzte sind. Viele Ärzte entschließen sich also offenbar erst nach langjährigen schlechten Erfahrungen im Beruf zur „Flucht“ ins Ausland, darunter etwa 60 Prozent Krankenhausärzte. In deutschen Ärzteblättern und Fachzeitschriften wird bereits regelmäßig in Anzeigen nach deutschen Ärzten für eine Stelle im Ausland gesucht. Im Untersuchungsbericht heißt es: „Man hat zumindest für einige skandinavische Länder und Großbritannien den Eindruck systematischer Anwerbungskampagnen.“

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