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Adlerwerke Erinnern an die Burg des Grauens

 ·  Von August 1944 bis März 1945 schufteten 1600 KZ-Häftlinge in den Adlerwerken. Nur wenige überlebten die Qualen. Manche finden, die Toten sollten mit einer Gedenkstätte geehrt werden. Die Stadt sieht das anders.

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Kalt ist es, eisig kalt, es grieselt. Hell mag dieser Tag nicht werden. Von den nahen Gleisen dröhnen Hammerschläge. Die Dächer wartender Züge sind im Nebel zu erkennen. Im dritten und vierten Stock des Backsteinkolosses zwischen Kleyerstraße und Weilburger Straße brennt Licht. „Die Burg an der Galluswarte“, so nannten die Frankfurter die Adlerwerke früher. Errichtet wurde sie, um Fahrräder und Autos zu produzieren. Der Bau ist noch immer eine Festung. Einst geschah hinter ihren Mauern Grauenvolles.

Die verplombten Waggons standen nicht weit von hier. Am 13. März 1945 pferchten SS-Wachmänner annähernd 500 kranke und sterbende KZ-Häftlinge in einen Güterzug. Zuvor hatten die Menschen monatelang in den Adlerwerken geschuftet. Drei Tage lang ließen die SS-Leute die Waggons auf den Gleisen stehen. Dann rollte der Zug nach Bergen-Belsen. Acht Häftlinge überlebten den Transport.

Kampf für die Erinnerung

„Das gab es in keiner anderen deutschen Stadt“, sagt der Politologe Friedrich Radenbach, „so ein KZ-Außenlager fast im Zentrum.“ Das Schreckliche ereignete sich kaum einen Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt. Damals wusste jeder im Gallus, was in den Adlerwerken vor sich ging; nach dem Krieg wollte sich kaum einer daran erinnern – an das KZ „Katzbach“, einen Außenposten des Konzentrationslagers Natzweiler im Elsass.

Radenbach kämpft für die Erinnerung. Mit seiner Claudy-Stiftung setzt er sich dafür ein, auf dem Gelände eine Gedenk- und Informationsstätte zu schaffen. Sie soll das Andenken an die mehr als 1600 überwiegend polnischen KZ-Häftlinge bewahren, die sich dort zwischen August 1944 und März 1945 quälen mussten, um Ketten und Getriebe für Schützenpanzer zu produzieren.

Forschung ist aus einem Schülerprojekt heraus entstanden

Nur wenige überlebten. Allein 528 Tote liegen im Gewann E 157, einem Massengrab auf dem Hauptfriedhof. Die Häftlinge wurden hingerichtet, starben an Kälte, Hunger, Entkräftung und oder bei einem Fliegerangriff auf die Stadt am 8. Januar 1945. Weitere 400 Menschen wurden kurz vor Kriegsende auf einen Todesmarsch nach Buchenwald geschickt; nur 280 von ihnen trafen dort ein. Viele wurden sofort weiter zum KZ Dachau getrieben. Knapp 40 Häftlinge, die in den Adlerwerken gelitten hatten, erreichten das Lager und wurden von den Amerikanern befreit.

Ans Licht gebracht haben die Greuel die Pädagogen Ernst Kaiser und Michael Knorn. In einem Schülerprojekt stießen sie auf erste Hinweise. Das war in den achtziger Jahren. Sie forschten weiter. Seit 1994 liegt ihr Buch „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“ vor, es trägt den Untertitel „Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adlerwerken“.

Bisher gibt es nur eine Bronzetafel

Lothar Reininger steht an der Kleyerstraße 17. Es schneit, auf seiner dunklen Schiebermütze sammeln sich die Flocken. Von 1991 bis 1994 war er Betriebsratsvorsitzender der Adlerwerke. Er kämpfte dafür, dass die Mitarbeiter nach dem Verkauf des 100.000 Quadratmeter großen Areals Anfang der neunziger Jahre weiter Laptops und Schreibmaschinen herstellen konnten. Noch bis 1992 diente das Werk als Schreibmaschinenfabrik der Triumph-Adler AG, die damals zu Olivetti gehörte. Die Produktion wurde nach Griesheim verlegt und 2001 schließlich eingestellt. Das Gelände ging an Philipp Holzmann und den Unternehmer Roland Ernst.

Die Arbeit ist nicht Reiningers einzige Verbindung zur Kleyerstraße. Mit dem Verein „Leben und Arbeiten im Gallus und in Griesheim“ plädierte er auch als einer der Ersten dafür, die Toten mit einer Gedenkstätte zu ehren. Bisher gibt es nur eine Bronzetafel, angebracht am Backstein einer Außenmauer. „In Erinnerung an das KZ-Außenlager Frankfurt-Adlerwerke“ lautet die Überschrift. Ein Quadratmeter Erinnerung. Für so viele Tote.

Nach 1939 kam die Umstellung auf die Kriegsproduktion

Reininger, der mittlerweile für die Linke im Rathaus sitzt, kennt die wechselvolle Adler-Geschichte gut. Zwischen 1889 und 1906 wurde das massige Gebäude im Gallus errichtet, fast ein Jahrhundert lang beherbergte es eines der bekanntesten Frankfurter Unternehmen der verarbeitenden Industrie. Adler in Frankfurt, das war etwas Großes. Von den rund 55.000 Autos, die 1914 über die Straßen des deutschen Kaiserreichs rollten, waren 20 Prozent von Adler. In der Glanzzeit, kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1929, zählte das Werk fast 10.000 Mitarbeiter.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion auf Motorteile und Ketten für Panzer und andere Militärfahrzeuge umgestellt. Nahezu alle Getriebe für den „Tiger“ entstanden dort. Dabei wurden, wie an vielen Orten in der Stadt, Zwangsarbeiter eingesetzt. Seit August 1944 kamen auch KZ-Häftlinge hinzu, von denen die meisten aus Warschau über das Konzentrationslager Dachau in die Adlerwerke gebracht worden waren. Etwa 30 Juden befanden sich darunter, einige hundert Häftlinge stammten aus Russland und der Ukraine. Reininger sagt: „Das Lager war an Grausamkeit kaum zu überbieten.“

Ehemalige Gefangene kehren an den Ort des Schreckens zurück

Als gesichert gilt, dass die Adlerwerke von Anfang an mitwirkten an dieser Untat: Das Unternehmen forderte die Häftlinge beim SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt an. Viele Beschäftigte waren 1944 an der Front, Zwangsarbeiter aus besetzten Gebieten waren kaum noch zu bekommen. Um die Produktion aufrecht zu erhalten, sollten KZ-Gefangene schuften – bewacht von SS und Aufsehern der Adlerwerke. Der Tod der Häftlinge wurde in Kauf genommen.

Wie schlimm es im Lager wirklich war, vor allem im dritten und vierten Stock, wo die Häftlinge auf 1300 Quadratmetern hausten, lassen die Autoren Kaiser und Knorn ehemalige Gefangene berichten, die an den Ort des Schreckens zurückkehrten. Wegen der Fliegerangriffe war die Unterkunft nur noch eine Ruine, in die im Herbst der Regen und im Winter die eiskalte Luft drangen. Ein Häftling, der vorher in vier anderen Konzentrationslagern gewesen war, nannte Unterkunft und Kleidung in den Adlerwerken „das Schlimmste, was ich jemals gesehen habe“.

„Körperpflege gab es nicht, man aß, wenn sich die Gelegenheit dazu bot“

Wachleute schlugen mit Gummiknüppeln auf die Geschundenen ein; die harte Arbeit und die schlechte Verpflegung schwächten sie zusätzlich. Läuse setzten sich in die Wunden. Nicht wenige Insassen wurden einfach erschossen, zwei 19 und 21 Jahre alte Ukrainer namens Adam Golub und Georgij Lebedenko auf offener Straße, weil sie versuchten zu fliehen. Seit 1998 erinnert der kleine Golub-Lebedenko-Platz im Gallus an die Morde.

Der frühere Häftling René Kern, dem im Februar 1945 die Flucht gelang, beschrieb die Zustände im Lager seit Dezember 1944 so: „Körperpflege gab es nicht, man aß, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, Abfälle, man lebte und schlief zwischen den Toten, den Leidenden, den Kranken, den Fiebernden, den Tuberkulose- und Ruhrkranken, den Sterbenden . . .“

„Keine Authentizität der Räume mehr“

Im Durchschnitt kam täglich ein Dutzend Menschen um. Ihre Leichen wurden tagsüber in einem Raum gestapelt und nachts in Krematorien außerhalb des Geländes geschafft. Lothar Reininger erinnert sich noch an das Grauen, das ihn packte, als er herausfand, dass in dem Leichenraum zu seiner Zeit der beste Stahl gelagert wurde. Heute sind in den sanierten Trakten der ehemaligen Adlerwerke vor allem Büros untergebracht. Hauptnutzer ist die Deutsche Bahn AG.

Lutz Becht kennt die Vergangenheit des Gebäudes. Er arbeitet im Institut für Stadtgeschichte; das Buch von Kaiser und Knorn nennt er eine „großartige Arbeit“; nur einzelne Dokumente bewertet er anders. Trotzdem ist er gegen die von Radenbach, Reininger und der SPD-Fraktion geforderte Gedenkstätte. „Es ist zwar der authentische Ort. Wegen des Umbaus gibt es aber keine Authentizität der Räume mehr“, sagt der Historiker. Außerdem gebe es kaum Dokumente. Er erkenne bei Radenbachs Claudy-Stiftung kein pädagogisch wertvolles Konzept. „Es ist auch eine Frage der Qualität.“

„Der Terror war buchstäblich überall. Es ist aber nicht sinnvoll, überall Gedenkstätten einzurichten“

Friedrich Radenbach hat diese Argumente satt. „Keiner der 350 Orte, an denen in Frankfurt Zwangsarbeit im Nationalsozialismus nachgewiesen wurde, ist so gut erforscht wie das KZ-Außenlager in den Adlerwerken.“ Alles, was seine Stiftung benötige, sei ein großer Raum, den ihm der Eigentümer schon angeboten habe. 30 000 Euro Miete im Jahr würde das kosten. Maximal zwei Jahre könne die Stiftung dies übernehmen, danach müsse die Stadt für den Unterhalt einspringen. Gezeigt werden könnte zum Beispiel Kleidung eines Häftlings, der vor der Zeit in Frankfurt im KZ-Außenlager Mannheim-Sandhofen gewesen sei. Radenbach sagt: „Es ist mir völlig unerfindlich, warum die Stadt sich weigert.“

Der Mann, der das erklären soll, heißt Felix Semmelroth. Der Kulturdezernent sagt, das Gedenken und Erinnern sei eine dauerhafte Aufgabe, die nicht ende. „Der Terror war buchstäblich überall. Es ist aber nicht sinnvoll, überall Gedenkstätten einzurichten.“ Es gebe im Stadtgebiet etwa 90 Erinnerungsmale, zudem befassten sich vor allem das Fritz-Bauer-Institut, das Jüdische Museum, das Museum Judengasse und das Institut für Stadtgeschichte mit dem Nationalsozialismus.

Bis ans Lebensende erinnert

Der CDU-Politiker nennt die Großmarkthalle, wo der Deportation der Frankfurter Juden mit einer Erinnerungsstätte gedacht werden soll, sobald der Neubau der Europäischen Zentralbank im Jahr 2014 fertig ist. Und er weist auf den Plan der Stadt hin, den früheren Bunker in der Friedberger Anlage zu kaufen, der auf den Trümmern der ehemaligen Synagoge errichtet wurde. Auch dort soll nach seinen Worten an den Nationalsozialismus und dessen Opfer erinnert werden. Wann das sein wird, sagt Semmelroth nicht. Ein wenig Hoffnung auf eine Gedenkstätte für die KZ-Häftlinge der Adlerwerke macht er immerhin. „Mich hat das Konzept der Claudy-Stiftung nicht hinreichend überzeugt. Aber gäbe es ein anderes Konzept, würden wir uns das sehr genau anschauen.“

Dass die drei letzten Überlebenden des Lagers das noch erleben werden, ist unwahrscheinlich. Sie sind älter als 80 Jahre. An die Burg des Grauens mitten in Frankfurt werden sie sich bis an ihr Lebensende erinnern. Und daran, dass ihr Leiden der Stadt eine Bronzetafel wert ist.

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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