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Achtundsechziger-Ausstellung Sie haben gesiegt

04.05.2008 ·  Die Achtundsechziger-Ausstellung im Historischen Museum entwirft ein schillerndes Bild der Revolte und ihrer Folgen. Ihre politischen Visionen konnten die Akteure nicht verwirklichen, dafür triumphierten sie an manchen Frontabschnitten des Alltags.

Von Hans Riebsamen
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Joseph Fischers Minister-Turnschuhe sind schon seit langem im Ledermuseum in Offenbach zu bewundern. Jetzt ist ein frühes Fischer-Objekt ins Museum gewandert – ins Frankfurter Historische Museum dieses Mal, wie es sich für eine Devotionalie aus dem Besitz eines Mannes gehört, der sich schon jetzt seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hat. „Verhandelt zu Frankfurt am Main, am 16. November 1970“, heißt es auf der mit einem Hessenlöwen geschmückten amtlichen Urkunde.

Notar Reinhard Sommer vermeldet, dass „Fräulein Barbara Brinkmann, Lektorin“ und „Herr Joseph Fischer, Lektor“ bei ihm erschienen seien, um eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu gründen. Das war die Geburtsstunde der Karl-Marx-Buchhandlung in der Jordanstraße 11 in Bockenheim, von wo aus Fischer seine außergewöhnliche Karriere vom Revolutionär und Straßenkämpfer bis zum Außenminister Deutschlands gestartet hat.

Was ist geblieben von der Protestbewegung?

Die Schau im Frankfurter Historischen Museum heißt „Die 68er“, doch sie geht über das Jahr 1968 mit seiner Studentenrevolte hinaus. Schon Fischer ist eigentlich kein klassischer Achtundsechziger mehr. Die sich selbst „undogmatisch“ nennende Frankfurter Sponti-Bewegung, der er und andere bekannte Personen wie der spätere Frankfurter Stadtkämmerer und heutige UN-Diplomat Tom Koenigs oder Tigerpalast-Direktor Johnny Klinke angehörten, ist eines der Spaltprodukte, die sich nach der Auflösung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in der linken Protestbewegung herausgebildet hatten.

Video: Der „heiße“ Mai 1968 in Frankreich

Drei „Nachgeborene“ haben diese über den Frankfurter Lokalrahmen hinausreichende Ausstellung konzipiert, drei junge Leute, denen 1968 lebensgeschichtlich ungefähr so fremd ist wie die Rückseite des Mondes. Man merkt der Schau an, dass der Schweizer Andreas Schwab, seine seit Jahren in der Schweiz lebende Kollegin Beate Schappach und der Griechendeutsche Manuel Gogos immer wieder wie Ethnologen staunen und zuweilen schmunzeln mussten über manche seltsamen Gepflogenheiten jener Jahre wie über Rituale ferner Stämme.

Die Revolution ist vorbei, die Achtundsechziger haben gesiegt, aber nicht auf der politischen Linie, sondern nur an manchen Frontabschnitten des Alltags – so lautet, grob gesagt, die These der drei Ausstellungsmacher. Auf eine chronologische Darstellung der Geschichte haben sie verzichtet, sie haben kaum nach den Wurzeln der Achtundsechziger-Revolte gegraben, vielmehr haben sie sich auf die Frage konzentriert, was geblieben ist von der Protestbewegung, was in die Gesellschaft eingesickert ist und das Leben verändert hat.

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht“

Um eine „Spießerhölle“ herum haben sie ihre Ausstellung gruppiert, ein Rundhaus mit acht Zimmern, von denen der Besucher jederzeit auf jene bürgerliche „Hölle“ blicken kann, die alle jene Gewohnheiten und Sitten birgt, welche die Achtundsechziger verabscheut haben: Sammeltassen und Hausfrauen, Weihnachtsbäume und Patriarchen, Wurstplatten und Brautpaare. Freilich handelt es sich dabei um Werbebilder, nicht um die Wirklichkeit normaler Familien, die nie so gleichförmig und langweilig war, wie die Achtundsechziger sie in ihren Feindbildern gemalt haben. Achtundsechzig ist ein Feld der Übertreibungen, Aktivisten wie Gegner überhöhen bis heute gerne Bedeutung und Wirkung.

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ steht auf jenem legendären Plakat des SDS, das längst Kultstatus erlangt hat. Natürlich wird es in dieser Ausstellung gezeigt, gleich im ersten Zimmer des Rundhauses, dem Lern- und Spielzimmer, in dem es unter dem Titel „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“ um Bildung und Erziehung geht. Von was, wenn nicht vom Wetter, haben die Achtundsechziger und Nachfolgende geredet?

Von freier, repressionsfreier Erziehung zum Beispiel, die in vielen deutschen Städten in Kinderläden ausprobiert wurde. Heutige Kinderläden und -gärten sehen überraschenderweise auch nicht so viel anders aus als jener erste Frankfurter im Haus Eschersheimer Landstraße 107, wo die Fotografin Erika Sulzer-Kleinemeier fotografiert hat. Man beschmiert heute nicht mehr die Wände mit Kot, wie es damals vorgekommen sein soll, aber ansonsten haben selbst gewöhnliche Kindergärten viel von den damals entwickelten Erziehungsvorstellungen übernommen.

Erfinder der Frauen- und Schwulenbewegung

Gäbe es eine Kanzlerin Angela Merkel ohne achtundsechzig? Eine CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen, die den Ausbau von Krippenplätzen betreibt? Einen homosexuellen FDP-Vorsitzenden? Die „Achtundsechziger“ haben immerhin die Frauenbewegung erfunden, auch die Schwulenbewegung. Im Zimmer „Geschlechterrollen“ wird der Aufstand der Weiber gegen die „sozialistischen Eminenzen mit ihren bürgerlichen Schwänzen“ nachgezeichnet, ihr „Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218“, die „sexuelle Revolution“, die der sanfte Oswalt Kolle entschieden mitbetrieben hat und die später das Weltreich der Pornoindustrie begründete.

Das Achtundsechziger-Haus im Historischen Museum weist ganz unterschiedliche Zimmer auf: das der „Wohngemeinschaften und Kommunen“; das der „Selbstverwaltung“; das der „Nazi-Vergangenheit“; das der „Lebensstile“ und auch das der „Gewalt“. Die Achtundsechziger, viele jedenfalls, waren fasziniert von der Gewalt: Revolution, Aufstand, Kampf, davon schwärmten sie. Ihre Hausgötter hießen Che Guevara, Mao und Ho Tschi Minh. In einer Art Kapelle haben die Ausstellungsmacher den dreien in deutlicher Ironie einen Altar errichtet, mit dem kubanischen Revolutionär als Christus in der Mitte.

Die Achtundsechziger fühlten sich als Internationalisten, kämpften symbolisch Seit’ an Seit’ mit den linken Befreiungsbewegungen und allen Unterdrückten dieser Erde. Aber sie waren auch real Teil einer internationalen Protestbewegung in den Metropolen von Berkeley über Paris bis London und das Prag des 1968 niedergeschlagenen „Frühlings“. Wie ein Saturnring kreist in der Ausstellung dieses internationale Kraftfeld um das deutsche Haus der Revolution und des Protestes. Ohne amerikanische Bürgerrechtsbewegung, ohne den Mai 1968 in Paris keine deutschen Achtundsechziger, lautet die Botschaft.

Terrorismus als Sackgasse von achtundsechzig

Der Terrorismus der RAF oder der „Revolutionären Zellen“ ist nicht der Endpunkt von achtundsechzig, aber zumindest eine der Sackgassen, in die der Weg manchen Kämpfer fast zwangsläufig führte. Im Historischen Museum wird der bewaffnete Feldzug von Baader, Meinhof und den anderen Mordgesellen in einer schwarz ausgeschlagenen runden Großvitrine abgehandelt, einer Art Leichenkeller der Bewegung.

Was war achtundsechzig? Die Frankfurter Ausstellung liefert keine handliche Erklärung. Sie zeigt lediglich ein Wimmelbild mit 700 Objekten, das beim Betrachten immer neue Perspektiven eröffnet. Wie sollen auch drei Nachgeborene die eherne Version liefern, wenn selbst die Väter und Mütter der Protestbewegung wie Daniel Cohn-Bendit und KD Wolff, Silvia Bovenschen und Barbara Köster sich auf keinen Nenner einigen können?

Acht Veteranen treffen sich im Eingangsraum der Ausstellung am virtuellen Wohngemeinschaftstisch und erzählen Geschichten vom Krieg. Es geht in dieser großartigen Installation zu wie damals in den Arbeitsgruppen und WGs: Es wird geredet und behauptet und ausgeführt. Aber ausdiskutieren können die grau gewordenen Revolutionäre die Sache mit achtundsechzig nicht.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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