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Abschied Good bye, Rhein-Main

11.10.2005 ·  Von der Luftbrücke für Berlin bis zum Feldzug gegen Saddam Hussein: Nach 60 Jahren schließen die Amerikaner ihr „Gateway to Europe“ am Frankfurter Flughafen. Auch für Frankfurt geht eine Ära zu Ende.

Von Peter Badenhop
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Der symbolträchtigste Moment war vielleicht der Abriß des Torbogens. Als am 12. Februar 1999 die Bagger anrückten, um das Wahrzeichen der Rhein-Main Air Base dem Boden gleichzumachen, wurde wohl auch dem letzten Beobachter klar, daß die Tage des „Gateway to Europe“ gezählt waren.

Und die schriftliche Bestätigung ließ dann tatsächlich nur noch ein paar Monate auf sich warten: Einen Tag vor Weihnachten des gleichen Jahres unterzeichneten der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), Flughafen-Chef Wilhelm Bender, Air-Force-General John P. Jumper und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) den Vertrag, in dem die Amerikaner die vollständige Räumung des Stützpunktes zusagten.

„Lange, ruhmreiche Geschichte“

Damit war das letzte Kapitel der Air Base am Frankfurter Flughafen besiegelt. Am Ende dieses Jahres wird es endgültig abgeschlossen. Was die Stunde geschlagen hatte, war den auf der Basis stationierten Soldaten allerdings schon ein paar Jahre früher bewußt geworden. Oberst Donald Philpitt, Kommandant des 435th Airlift Wing, hatte Tränen in den Augen und sprach von der „langen, ruhmreichen Geschichte“ seiner Einheit, als das Lufttransportgeschwader zum 1. April 1995 außer Dienst gestellt wurde und die ersten Flächen für den Bau des Frachtzentrums Cargo City Süd frei gemacht wurden.

Seither verfügt Rhein-Main über keine eigenen Transportmaschinen mehr, von zuvor mehr als 12.000 Soldaten, Familienangehörigen und Zivilangestellten blieben nur rund 1.000, und für die GIs wurde das „Gateway to Europe“ zur „Doorway to Europe“.

Hausherrin der Basis

Nun ereilt auch die 469th Air Base Group dieses Schicksal. Seit dem Abzug der Transportflieger vor zehn Jahren war diese Einheit gewissermaßen Hausherrin auf der Basis, sie betrieb die gesamte Infrastruktur des Stützpunktes und war für die Versorgung der Passagiere zuständig.

Bis zum Ende des Jahres wird sie vollständig aufgelöst, Kommandant Colonel Bradley Denison und seine Untergebenen werden auf andere Standorte in aller Welt versetzt: Kansas City, Lakenheath in England, Keflavik auf Island. Selbst bei der großen Übergabezeremonie standen gestern nur noch wenige der „Airmen“ am Rollfeld.

Ausgangspunkt der Luftbrücke

Mit der Air Base Group verlassen die letzten amerikanischen Soldaten Frankfurt, und mit dem Stützpunkt verschwindet auch ein Stück Nachkriegs-Deutschland aus der Stadt. Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Amerikaner den Flughafen, der in den dreißiger Jahren als Standort für Luftschiffe eingerichtet worden war (von dort startete auch die „Hindenburg“, die im Mai 1937 über Lakehurst explodierte), besetzt. Und schon kurz nachdem die damals einzige Rollbahn wiederhergestellt war, schlug die wohl größte Stunde von Rhein-Main: Als die Sowjets im Juni 1948 alle Land- und Wasserwege nach West-Berlin sperrten, wurde Frankfurt zum Ausgangspunkt der Luftbrücke.

Heute erinnern ein Denkmal und zwei alte Douglas DC-3, die berühmt gewordenen „Rosinenbomber“, von der Autobahn 5 gut sichtbar an die fast 100.000 Flüge, mit denen von hier aus die Berliner Bevölkerung mit dem Nötigsten versorgt wurde. Auch von anderen Flughäfen flogen die Amerikaner in die geteilte Stadt, aber Rhein-Main war das Zentrum der fünfzehnmonatigen Hilfsaktion.

Hilfslieferungen für Bosnien, Ruanda und Somalia

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde die Air Base stetig weiter ausgebaut. Kaum ein in Europa stationierter Amerikaner, der nicht über Frankfurt in die Alte Welt gekommen wäre. Die Basis wurde zum größten militärischen Fracht- und Passagierzentrum außerhalb der Vereinigten Staaten. Von hier aus wurden tonnenweise Pakete und Ausrüstung zu den Truppen nach Korea und Vietnam geflogen, in den achtziger Jahren kamen die amerikanischen Geiseln aus Iran und dem Libanon über Frankfurt zurück, und in den Neunzigern waren es Hilfslieferungen für Bosnien, Ruanda, Somalia oder die Kurden in der Türkei und im Nordirak, die auf der Air Base in die riesigen „Hercules“ und „Galaxys“ geladen wurden.

Ohne Rhein-Main wären letztlich auch die beiden Kriege der Amerikaner gegen den Irak kaum denkbar gewesen: Zehntausende Soldaten und Hunderttausende Tonnen Ausrüstung und Nachschub wurden von Frankfurt aus an den Golf geflogen.

Riesige Hangars sind verlassen

Die zentrale Rolle, die die Air Base noch vor zweieinhalb Jahren, kurz vor dem Feldzug gegen Saddam Hussein, für die amerikanische Militärlogistik gespielt hat, ist heute nur noch zu erahnen. Überall auf dem etwa 150 Hektar großen Gelände wird eingepackt, zusammengebaut und abtransportiert. Die beiden riesigen Hangars und das Terminal stehen verlassen da, die meisten Hallen und Gebäude sind inzwischen leer.

Die letzten Transport- und Passagiermaschinen sind gestartet, der militärische Luftverkehr wird nun vollständig von den Air-Force-Basen in Ramstein und Spangdahlem abgewickelt, wo die Start- und Landebahnen sowie zahlreiche Gebäude in den vergangenen Jahren massiv erweitert und modernisiert wurden.

Protestiert wurde regelmäßig

Für die Frankfurter ist die Air Base immer ein Anziehungspunkt gewesen. Von den Aussichtsplattformen des Zivilflughafens aus beobachteten die Neugierigen die Militärmaschinen auf dem Rollfeld südlich der beiden Start- und Landebahnen, zu den regelmäßig veranstalteten „Tagen der offenen Tür“ und den traditionellen „Rodeos mit Volksfest“ kamen stets Tausende, manchmal fast eine halbe Million Besucher.

Aber auch protestiert wurde regelmäßig: Gegen den Vietnamkrieg, während des ersten Golfkriegs und zuletzt vor dem Irak-Krieg zogen Demonstranten vor das Tor des Stützpunktes und blockierten die Zufahrt mit Kundgebungen, Sitzstreiks oder improvisierten Konzerten. Im August 1985 verübte die „Rote-Armee-Fraktion“ einen Bombenanschlag gegen das „imperialistische System“, zwei Soldaten starben, 20 wurden verletzt.

Ein anderes Universum

Im Bewußtsein der Menschen war die Air Base ein Teil Frankfurts - sie ist aber auch immer eine Welt für sich geblieben, eine fremde Welt, zu der nur wenige Deutsche Zugang hatten. So haben beispielsweise den ungeheuren Aufmarsch der Truppen zum Golfkrieg 1990 und 1991 die meisten Menschen in Stadt und Region ebensowenig wahrgenommen wie die Abertausenden von Soldaten, die vor dem Krieg gegen den Irak 2002 und 2003 über Rhein-Main nach Kuweit-City geflogen wurden. Wer damals die Air Base betreten konnte, hatte das Gefühl, in ein anderes Universum einzutauchen: Im Terminal - mit seinen vier Abflughallen angeblich das größte Militärterminal der Welt - drängten sich über Wochen jeden Tag die GIs in Kampfuniform.

Zu Hunderten warteten die kahlgeschorenen Marines auf ihre Anschlußflüge ins Kriegsgebiet. Durch die Ankunftshalle im Erdgeschoß marschierten schwerbewaffnete Soldaten, die gerade aus Afghanistan gekommen waren, während andere in Zivilkleidung mit ihren Familien vom Heimaturlaub nach Deutschland zurückkehrten. Im Terminal der Air Base, in den Läden und Restaurants, in der Krankenstation und den Unterkünften war der bevorstehende Krieg plötzlich nicht mehr fern und unwirklich, sondern ganz nah und real.

Ein kleines Stück Amerika

Ebenso wie die Vorgänge am und auf dem Rollfeld sind aber auch viele Aspekte des Lebens der „Base Population“, der auf Rhein-Main stationierten Soldaten und ihrer Familien, meist verborgen geblieben. „Gateway Gardens“, die fast 35 Hektar große Siedlung nordwestlich des Frankfurter Kreuzes, ist für deutsche Zivilisten nie zugänglich gewesen.

Wie ein kleines Stück Amerika bot die 1950 in den Wald gebaute „Housing Area“ ihren bis zu 1200 Bewohnern alle Annehmlichkeiten, die sie aus der Heimat kannten: Supermärkte mit amerikanischen Waren, ein Kino, eine Kirche, ein Jugendzentrum, eine Elementary und eine Middle School und sogar eine eigene Zeitung, den „Gateway“. Wer wollte, konnte hier über Jahre leben, ohne auch nur einmal mit einem Deutschen gesprochen zu haben.

In ein paar Wochen wird niemand mehr hier sein

Heute steht die Siedlung so gut wie leer. Seit ein paar Tagen ist das Kino zu, die Schulen sind schon am Ende des vergangenen Schuljahres, das Jugendzentrum und die Kirche kurz darauf geschlossen worden. Die wenigen verbliebenen Familien packen - in ein paar Wochen wird niemand mehr hier sein.

Die Stadt Frankfurt hat das Gelände bereits Anfang des Jahres an ein Unternehmenskonsortium verkauft, in öffentlich-privater Zusammenarbeit sollen Büros, Einzelhandelsflächen und möglicherweise ein Kongreßzentrum entstehen. An die früheren Bewohner wird nichts mehr erinnern.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2005, Nr. 236 / Seite 50
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Jahrgang 1964, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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