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Abrüstungs-Experte Kofi Annan vertraut dem Frankfurter Bub

 ·  Irgendwann vor der Sommersitzung des UN-Abrüstungsbeirats wird Harald Müller wohl noch einmal nach New York fliegen müssen. Nein, Kofi Annan wird er im UN-Hauptquartier vorerst nicht treffen. Erst später, ...

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Irgendwann vor der Sommersitzung des UN-Abrüstungsbeirats wird Harald Müller wohl noch einmal nach New York fliegen müssen. Nein, Kofi Annan wird er im UN-Hauptquartier vorerst nicht treffen. Erst später, auf besagter Sitzung im Juni oder Juli, an welcher der Generalsekretär der Vereinten Nationen teilnehmen will. Dort wird sich Annan persönlich ein Bild davon machen können, ob Müller tatsächlich der richtige Mann für den Job ist - Vorsitzender des Abrüstungsbeirats der Vereinten Nationen.

Zwar kennt Annan den Frankfurter Professor seit geraumer Zeit, schließlich gehört der Leiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung seit 1999 dem Abrüstungsbeirat an. Aber in diesem Jahr 2004 ist Müller nicht einer von zwanzig, sondern der Chairman, der Chef, der dafür sorgen muß, daß dieses Gremium aus zwanzig unabhängigen Persönlichkeiten dem Generalsekretär brauchbare Ideen und Konzepte liefert. Die entscheidenden Fragen nach dem traumatischen 11.September mit den Anschlägen in Amerika und dem die Welt weiterhin entzweienden Irak-Konflikt lauten: Wie kann man verhindern, daß immer mehr Staaten Massenvernichtungswaffen in ihre Arsenale aufnehmen? Und wie kann man es unterbinden, daß solche Waffen in die Hände von Terroristen geraten?

Müller und die anderen Mitglieder des UN-Gremiums werden sich Gedanken darüber machen, wie die bestehenden internationalen Abkommen - der Atomwaffensperrvertrag, die Bio- und die Chemiewaffen-Konvention sowie das Arbeitsprogramm Kleinwaffen - heute, nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Entstehen einer terroristischen Internationalen islamistischen Zuschnitts, noch angewendet und gegebenenfalls weiterentwickelt werden können. Mit den Themen Rüstungskontrolle und Abrüstung beschäftigt sich Müller mehr oder weniger sein ganzes Berufsleben lang, sie haben ihn nicht mehr losgelassen, seit er zwischen 1984 und 1986 in einer Brüsseler Arbeitsgruppe zur nuklearen Rüstungskontrolle mitgearbeitet hat. Mittlerweile gilt er auf diesem Feld als Koryphäe, als ein "global player", dessen Rat gefragt ist: bei den Vereinten Nationen, bei der Nato, im Bundesaußenministerium.

Ein Bericht an Annan soll der Abrüstungsbeirat erstellen: eine diffizile, zeitaufwendige Arbeit. Kein Wunder, daß Müller etwas nervös auf die Uhr schaut. In zwei Stunden geht sein Flieger nach Genf: Vortrag in einem Institut der Schweizer Bundesregierung vor Militärs und Diplomaten über Abrüstung. So geht das fast immer: Hier ein Kolloquium mit israelischen und ägyptischen Fachleuten in Potsdam, die Möglichkeiten diskutieren, Massenvernichtungswaffen aus dem Nahen Osten zu verbannen. Dort eine Konferenz im Kloster Eberbach mit Abgesandten aus den fünf klassischen Atomwaffen-Staaten und den neuen Atomländern Indien, Pakistan und Israel. Termine, Einladungen und noch einmal Termine.

Deshalb sieht Müller - bei aller Freude - seine Berufung zum Vorsitzenden der Abrüstungskommission auch mit einem weinenden Auge: Die Sache, das läßt sich schon jetzt absehen, verlangt ihm ein hohes Pensum ab. Und sie erfordert viel Fingerspitzengefühl. Denn der erwartete Bericht muß Substanz besitzen. Und Kofi Annan überzeugen. Und die Zustimmung aller im Gremium der Zwanzig finden. Da wird diplomatisches Geschick verlangt - von einem, der keine diplomatische Ausbildung im klassischen Sinn hat, sondern als Wissenschaftler Karriere gemacht hat.

Weshalb Annan ausgerechnet den Frankfurter Bub Harald Müller fürein Jahr zum Vorsitzenden bestimmt hat? Sicherlich weil er der Dienstälteste in dem Gremium ist, auch weil die Länder des Westens wieder einmal dran waren mit dem Chairman. Gewiß aber auch, weil der Generalsekretär Müller schätzt. Für den stellt die Berufung eine hohe Ehre dar, eine Herausforderung zudem. Aber sie ist zweifellos auch eine Auszeichnung für die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, der Müller seit 1996 vorsteht und die er demnächst "blaublütig" machen will: Die Stiftung, so ist vor einigen Jahren mit der hessischen Landesregierung, dem Hauptgeldgeber, abgesprochen worden, soll so aufgewertet werden, daß ihr der Sprung auf die "Blaue Liste" der Leibniz-Forschungsgemeinschaft gelingt.

Aber jetzt muß Müller wirklich los, soll er sein Flugzeug nicht verpassen. Auf dem Flug kann er sich vielleicht ein paar Gedanken darüber machen, wie er in diesem Jahr mit dem geschmälerten Etat zurechtkommen kann. Denn auch die Hessische Stiftung ist nicht von jenen Kürzungen verschont geblieben, die die Landesregierung wegen der prekären Haushaltslage für viele Einrichtungen verfügt hat. Immerhin haben die Frankfurter Friedensforscher mit der Berufung ihres Chefs in das hohe UN-Amt jetzt ihr Blatt verbessert. Ein Institut, das einen international derart renommierten Mann an der Spitze hat, muß man einfach pfleglich behandeln. HANS RIEBSAMEN

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