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25 Jahre Grüne Zuerst "gewaltfreier Putz", dann Ämter im Römer

19.11.2004 ·  Auch diesem Anfang wohnte ein gewisser Zauber inne, allerdings nur ein eher alberner Faschingszauber. In weiße Gewänder gehüllt, mit Gasmasken über den Köpfen als Hinweis auf Gifte in der Umwelt, zogen die sechs Stadtverordneten der Grünen am 22.

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Auch diesem Anfang wohnte ein gewisser Zauber inne, allerdings nur ein eher alberner Faschingszauber. In weiße Gewänder gehüllt, mit Gasmasken über den Köpfen als Hinweis auf Gifte in der Umwelt, zogen die sechs Stadtverordneten der Grünen am 22. April 1981 zum ersten Mal ins Frankfurter Stadtparlament ein. Jutta Ditfurth, Manfred Zieran und Milan Horacek, das Führungstrio der neuen, 1979 gegründeten Partei, gestalteten ihren ersten parlamentarischen Auftritt als eine Demonstration: "Gewaltfreier Putz" war ihrZiel, einen "heißen Sommer" wollten die aufmüpfigen Neuen einleiten.

Was ihnen in gewisser Weise auch gelungen ist. Nicht nur ihr erster Auftritt, sondern noch mancher andere in den folgenden Monaten und Jahren brachte ob des aggressiven und provozierenden Stils vor allem die CDU, aber auch viele Sozialdemokraten in Rage. Die Grünen fühlten sich nicht als normale Partei, sie sahen sich als Bewegung - mit einem Bein im Parlament auftretend, mit ihrem anderen, kräftigeren, im Lager der Umwelt-und Protestinitiativen stehend. Wie wichtig diese außerparlamentarische Ausrichtung war, zeigen die Kämpfe um die Startbahn West im Herbst 1981, bei denen die Grünen eine gewichtige Rolle spielten. Nur 200 Mitglieder besaßen in dieser frühen Zeit ein Parteibuch - die Spontis um Daniel Cohn-Bendit und "Joschka" Fischer hieltensich noch fern -, doch bei der Kommunalwahl 1981 waren die Grünen auf Anhieb auf mehr als 18000 Stimmen gekommen, was einem Ergebnis von 6,4 Prozent entsprach. An Rot-Grün dachte damals noch niemand: Man wollte Opposition machen, die Herrschenden im Römer entlarven, deren Geheimnisse an die Öffentlichkeit tragen.

Vier Jahre und eine Kommunalwahl später verlangte die jetzt von "Realos" dominierte Fraktion: "Zieran und Ditfurth sollen gehen." Die beiden Exponenten des radikalökologischen Flügels, in der späteren Auseinandersetzung nur noch "Fundis", Fundamentalisten genannt, verloren ihre Anstellung als Fraktionsassistenten im Fraktionsbüro.Die starken Männer hießen jetzt Tom Koenigs und Lutz Sikorski, zwei Realpolitiker, die den Weg der Reformen gehen wollten und auf realen Einfluß der Grünen drängten. Ihr Wunsch ist später tatsächlich in Erfüllung gegangen: Als Kämmerer unter Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) war Koenigs zeitweise einer der mächtigsten Politiker in der Stadt, und Sikorski zieht heute als Fraktionsvorsitzender der Grünen mit die Drähte im Viererbündnis von CDU, SPD, Grünen und FDP.

Doch bis zur ersten Machtbeteiligung der Grünen sollte es nach der Kommunalwahl von 1985 noch vier Jahre dauern. Um überhaupt parlamentarisch richtig handlungsfähig zu werden, mußte zuerst einmal der nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Hessen und in der Bundespartei erbittert tobende Kampf zwischen Fundamentalisten und Realpolitikern zu Ende gefochten werden. Einen ersten Sieg hatten die Realo-Spontis 1982 bei den Hessen-Grünen errungen, nach und nach schleifte die sogenannte "Fischer-Gang", die Freunde des heutigen Außenministers Joseph Fischer, auch die Fundi-Festung Frankfurt.Ditfurth wurde in der Frankfurter Partei entmachtet, doch spielte sie in der Bundespartei, zu deren Sprecherin sie 1984 gewählt wurde, noch lange eine Rolle als Heroine der unbeugsamen Radikalökologin. 1991 verließ sie die Grünen und führt heute einen Sektiererzirkel mit dem Namen "Ökolinx" an.

Thomas Koenigs Umweltdezernent; Jutta Ebeling Schuldezernentin; Margarethe Nimsch Frauen- und Gesundheitsdezernentin; dazu Daniel Cohn-Bendit als ehrenamtlicher Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten: Mit der rot-grünen Koalition von 1989 unter Oberbürgermeister Volker Hauff waren führende Grüne zum ersten Mal in Frankfurt zu Amt und Würden gelangt. Rot-Grün: die neue Allianz galt ihren Protagonisten als eine Art Jahrhundertprojekt. Alles sollte besser werden in der Stadt, hundert alte Zöpfe abgeschnitten werden. Multikulti hieß eines der Zauberworte - jede Kultur, jede Nationalität sollte nach ihrer Fasson selig werden und gleichzeitig die Stadtgesellschaft bereichern. Ökologie und Ökonomie sollten wieder ins Lot gebracht, die angeblich verlorene Balance zwischen Zentrum und Stadtteilen, zwischen Mehrheiten und Minderheiten wiederhergestellt werden. Auf der Agenda standen auch Projekte wie die "autofreie Innenstadt" und selbstbestimmte Projekte für Homosexuelle. Der Hochstimmung folgte mit dem Rücktritt Hauffs, der sich von den Frankfurter Genossen nicht verstanden sah, zwei Jahre später eine erste Ernüchterung.

Je mehr der Koalitionspartner SPD in den folgenden Jahren interne Machtkämpfe durchstehen mußte, desto mehr mußten die Grünen einsehen, daß auch Rot-Grün nur mit Wasser kochen konnte. Sie haben damals gewiß einiges angestoßen - etwa das Multikulti-Amt mit einem Multikulti-Stadtrat, der heute ein CDU-Mann ist -, aber sie haben auch, anfangs zumal, das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen und zuweilen schamlos Stellen für politische Freunde geschaffen.

Nach der Wahl von 1993 standen die Grünen - jetzt eine 14-Prozent-Partei - mit einem Kämmerer Koenigs und drei weiteren Stadträten auf der Höhe der Macht. Die Wende begann im Herbst 1993, als Lutz Sikorski bei der Wahl zum Umweltdezernenten im Parlament durchfiel. Die Koalition aus SPD und Grünen schleppte sich bis zum großen Knall am 13. März 1995 durch, als Margarethe Nimsch bei der vorgesehenen Wiederwahl durchfiel und die Koalition zerbrach. Die Mehrheit blieb zwar bei Rot-Grün, doch über Ressortverteilungen entschied jetzt die neue, direkt gewählte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Woraufhin die SPD drei CDU-Stadträte mitwählte - die Grünen wurden als Mehrheitsbeschaffer nicht mehr gebraucht.

Mittlerweile sind, nachdem sie 2001 eine schon verabredete Koalition mit der CDU im letzten Moment hatten scheitern lassen, die Grünen Teil des allumfassenden Viererbündnisses im Römer. Von Anti-Partei kann keine Rede mehr sein, man ist mit an der Macht und will auch nach der Kommunalwahl 2006 an der Macht bleiben - ob mit der SPD oder der CDU oder in einer Ampelkoalition spielt keine Rolle mehr. Kaum noch jemand erinnert sich an den albernen Faschingszauber von 1981 - außer die fast vergessene Jutta Ditfurth, die zum 25. Geburtstag der Frankfurter Grünen einmal mehr Gift und Galle spuckt gegen die früheren Mitstreiter. Die "saturierten" Grünen hätten sich den Kapitalinteressen unterworfen, klagt sie. Kapitalinteressen? Diesen Begriff haben die heutigen Grünen aus ihrem Vokabular verbannt. Sie sprechen mittlerweile lieber von Privatisierung - zum Beispiel des Flughafens.

HANS RIEBSAMEN

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