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Die neuen Frankfurter : Hochmotiviert, aber gering qualifiziert

Bild: F.A.Z.

Mit der Freizügigkeit und der Wirtschaftskrise kamen viele Menschen aus Ost- und Südeuropa nach Frankfurt. Doch auf dem hiesigen Arbeitsmarkt haben sie kaum Chancen – auch nicht, wenn sie eine Ausbildung haben.

          Beatrix Baumann, Leiterin der Drogenhilfeeinrichtung „Eastside“, erinnert sich gut an ein Gespräch, das sie einmal mit einem Mann aus Osteuropa führte. Er berichtete ihr, dass er unbedingt arbeiten wolle, und fragte, was er in Frankfurt tun könne. Der Mann sagte, er sei Melker.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Baumann, die für die Grünen im Sozialausschuss sitzt, erzählte die Anekdote, um die Kluft zwischen dem Anspruch ausländischer Arbeitssuchender und der Wirklichkeit auf dem Frankfurter Arbeitsmarkt anschaulich zu machen. Sie tat es unter dem Eindruck dessen, was Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) kurz zuvor in der jüngsten Sitzung des Ausschusses referiert hatte. Die hatte den ersten Frankfurter Sozialbericht für den Berichtszeitraum 2007 bis 2014 vorgestellt, und zwar jenen Teil, in dem es um Arbeitsmarkt, Beschäftigung und Zuwanderung geht. Die Reaktionen reichten von „nachdenklich stimmend“ über „krass“ und „traurig“ bis zu „erschütternd“.

          Stark verkürzt hatte Birkenfeld unter anderem Folgendes vorgetragen: Der Frankfurter Arbeitsmarkt boomt und steht im bundesweiten Vergleich exzellent da. Allerdings haben die Frankfurter selbst wenig davon. Denn von allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind 65 Prozent Einpendler und nur 35 Prozent Einwohner. Birkenfeld sagte weiter, die Vollzeitbeschäftigung habe an Bedeutung verloren, während Teilzeitbeschäftigung und geringfügige Beschäftigung zunähmen.

          Hohes Beschäftigungsrisiko

          Zum Bild des hiesigen Arbeitsmarkts gehört auch, dass das Anforderungsniveau überdurchschnittlich hoch ist. Unterteilt man Arbeitnehmer grob in die vier Gruppen Helfer, Fachkräfte, Spezialisten und Experten, ist der Anteil der letzten beiden Gruppen mit 36 Prozent in Frankfurt besonders hoch – im bundesweiten Durchschnitt liegt er bei 25 Prozent. Weniger als zehn Prozent hingegen entfallen auf Helfer und Fachkräfte, der Bundesschnitt beträgt 14 Prozent.

          Das alles hat Konsequenzen für eine Personengruppe, die Birkenfeld speziell in den Blick nahm: die Ausländer aus EU-Staaten, die besonders viele Zuwanderer stellen. Sie werden eingeteilt in drei Gruppen, nämlich Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland und Estland (sogenannte EU-8-Staaten), die später der EU beigetretenen Länder Rumänien und Bulgarien, und schließlich Zuwanderer aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal. „Insbesondere ausländische Personengruppen sind einem hohen Beschäftigungsrisiko ausgesetzt“, sagte die Dezernentin. Sprich, viele dieser Menschen finden gar keine Arbeit oder nur Arbeit in Branchen, in denen sie besonders schlecht entlohnt werden; der Sozialbericht nennt das Gastgewerbe und die Reinigungsbranche.

          Bild: F.A.Z.

          Asylbewerber und Flüchtlinge spiegeln sich laut Jugend- und Sozialamt nur sehr begrenzt in vorliegenden Arbeitsmarktdaten und damit auch im Sozialbericht wider. Gründe seien unter anderem die hohen Fallzahlen, die damit einhergehende schleppende Registrierung sowie die Tatsache, dass Asylbewerber, wenn sie denn eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten haben, erst nach drei Monaten Wartezeit eine Beschäftigung aufnehmen dürfen.

          Mit Blick auf die Menschen aus den EU-Zuwandererstaaten spricht der Sozialbericht von einer „hohen Arbeitslosendichte“. Mit jeweils 6,2 Prozent lag er bei den Zuwanderern aus Rumänien und Bulgarien sowie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal höher als bei den Angehörigen der EU-8-Staaten, die auf 5,2 Prozent kamen. Unter den deutschen Staatsangehörigen lag die Quote bei 4,5 Prozent.

          Der Sozialbericht hält weiter fest, dass der Anteil der deutschen Arbeitslosengeld-II-Bezieher stark zurückgegangen sei, wohingegen derjenige der ausländischen Leistungsempfänger insbesondere seit 2010 zugenommen habe, was wiederum in erheblichem Maße mit dem Anstieg der Bezugszahlen aus den genannten europäischen Staaten zusammenhänge. In der Folge sei der Anteil der ausländischen Arbeitslosengeld-II-Bezieher an allen Arbeitslosengeld-II-Beziehern im Jahr 2014 auf 47 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: 2010 hatte er erst 40 Prozent betragen.

          50 Euro für ein Klassenzeugnis

          Dieses Auseinanderdriften findet sich auch in einer aktuellen Statistik der Stadt Frankfurt wieder. Demnach lag der Anteil ausländischer Hartz-IV-Bezieher Ende 2016 bei 44 Prozent, bei den Deutschen betrug er knapp 56 Prozent. Damit habe sich der Anteil deutscher Leistungsempfänger in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozentpunkte verringert.

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