Home
http://www.faz.net/-gzg-76dxq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurt „Sudfass“ weicht Wohnhäusern

Jahrzehntelang war das „Sudfass“ das bekannteste Bordell Frankfurts. Jetzt will ein Immobilienunternehmen das Gebäude am Mainufer abreißen und dort Wohnungen bauen.

© von Siebenthal, Jakob Vergrößern Markantes Entrée: Auf seine Art war das „Sudfass“ eine Institution.

Was nach dem Abriss mit dem Inventar geschieht, weiß Fred Siegismund noch nicht genau: Seit mehr als 30 Jahren verwaltet er das Eroscenter Sudfass, das sich FKK-Sauna-Wellness-Club nennt und das wohl bekannteste Bordell in Frankfurt ist. In den 30 „Themenräumen“ hat sich seit 1981 allerhand Mobiliar angesammelt. Siegismund spricht von „italienischen Zimmern“, Spiegel-Zimmern, Sado-Maso-Räumen, es gebe eine Wellness-Zone mit Sauna, Dampfbad, Wasserbecken und Massageliegen. Die Einrichtung sei „sehr stilvoll“ sagt Siegismund, „sehr exklusiv“. In rund einem Jahr muss sie raus: Dann will der neue Eigentümer das Gebäude abreißen und auf dem Grundstück an der Flößerbrücke Wohnungen und ein Boardinghouse bauen.

Rainer Schulze Folgen:  

Das Immobilienunternehmen Quissenz hat das Sudfass gekauft. Für knapp elf Millionen Euro, heißt es. Der Bauherr wird von dem Immobilienberater Dreyer & Kollegen vertreten, der in Frankfurt schon einige Projekte realisiert hat. Rund 8500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche soll das „Wohnquartier Oskar“ haben, das entspricht etwa hundert Wohnungen. Das Grundstück zwischen Oskar-von-Miller-Straße und Mainufer ist verkehrsgünstig gelegen. Wer von der Innenstadt die EZB-Baustelle ansteuert, fährt daran vorbei. Der Neubau soll auf die Bebauung am gegenüberliegenden Mainufer Rücksicht nehmen, zum Kopf der Flößerbrücke hin ist die Errichtung eines 30 Meter hohen Turms erlaubt, der wegen des Verkehrslärms als Boardinghouse genutzt werden könnte. Obwohl der Bauherr schon den Architekten Stefan Forster an der Hand hat, hat sich die Stadt für einen Wettbewerb ausgesprochen. „Wegen der exponierten Lage“, sagt der Sprecher des Planungsdezernats. Vier Frankfurter Architekten werden in diesen Tagen dazu eingeladen.

Engel setzt sich an den Atlantik

Schon seit Jahren wollte sich der bisherige Eigentümer Dieter Engel vom Sudfass trennen. Der Verkauf scheiterte an überzogenen Forderungen. Das Unternehmen Hochtief hatte vor vier Jahren 12,5 Millionen geboten, trat dann aber vom Kauf zurück. Auch der Umzug des Museums der Weltkulturen an diese Stelle scheiterte am Preis. Zuletzt liefen die Geschäfte nicht mehr so gut: „Weil schon vor vier Jahren gesagt wurde, es wird abgerissen, dachten die Taxifahrer, uns gibt es nicht mehr“, sagt Siegismund. Ein Jahr soll das Sudfass aber mindestens noch geöffnet bleiben.

Was Engel mit dem Geld anfängt? „Er zieht sich zurück, vielleicht setzt er sich auch an den Atlantik“, sagt Siegismund. Er kann sich vorstellen, dass es mit dem Sudfass andernorts weitergeht. Weil auch die käufliche Lust zum Event geworden sei, brauchten Bordelle heute viel Platz.

Pläne für „Wohnungsquartier Oskar“

Ein neuer Standort für das Sudfass müsse diskret liegen, meint der Verwalter, und viele Parkplätze haben: „Keiner geht in den Puff, ist ja eklig. Aber der Laden ist trotzdem immer voll.“ Einst wollten Siegismund und Engel das Sudfass zum „Puff 3000“ ausbauen, mit einer Fisch-Skulptur auf dem Dach. Planungsamtsleiter Dieter von Lüpke sei von der Idee nicht begeistert gewesen, erinnert sich Siegismund.

Die Pläne für das „Wohnquartier Oskar“ gefallen Lüpke vermutlich besser. Es wäre städtebaulich sinnvoll, wenn auch ein benachbartes städtisches Grundstück mit bebaut würde, sagt der Amtsleiter. Für ein höheres Gebäude sei ein Bebauungsplan nötig, das Grundstück sei aber „kein klassischer Hochhaus-Standort“. Für ein konkurrierendes Verfahren mit mehreren Architekten spreche die Lage: Immerhin sei das Grundstück von mehreren Seiten einsehbar, das Gebäude habe „drei Vorderseiten“ und wirke weit nach Westen.

Eng mit dem Stadtbild verbunden

Schon im Dezember wurde das Neubau-Vorhaben den planungspolitischen Sprechern der Koalition vorgestellt. Uli Baier (Die Grünen) freut es, dass auf dem Grundstück keine Brache zu entstehen droht. Der Neubau solle auf die anderen und prominenten Gebäude in der Umgebung Rücksicht nehmen und das Literaturhaus „nicht erschlagen“. Auch Jan Schneider (CDU) wünscht sich eine „hohe städtebauliche und architektonische Qualität“.

Während Schneider aber meint, dass niemand dem Sudfass eine Träne nachweine, sieht Baier das anders. Das Sudfass sei durchaus eine Institution: „Für viele Frankfurter ist es mit dem Stadtbild eng verbunden.“ Es ist ein offenes Geheimnis, dass selbst die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth einst auf der Rückkehr von einer Besichtigung der Großmarkthalle mit den damaligen planungspolitischen Sprechern auf ein Bier in die Kneipe am Sudfass einkehrte. Wegen der Wegbeschreibung „Hinterm Puff rechts liegt die EZB“ habe man einst um das Image der Notenbank gefürchtet, meint Siegismund. Diese Sorge hat sich erledigt.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
„Boom“ im Osten Frankfurts Das Frankfurter Ostend wird umgebaut

Der Osten der Stadt ändert sein Gesicht. Fast ein Dutzend Bauvorhaben werden in den nächsten Jahren verwirklicht. Das liegt auch an der EZB. Mehr

31.08.2014, 09:23 Uhr | Rhein-Main
Neue Häuser Von der Scheune zum Wohnhaus

Eigentlich wollten Ute und Johann Henrich Delius einen Bungalow. Der gilt schließlich als perfekter Gebäudetyp, wenn man älter wird. Doch dann ist es anders gekommen. Mehr

29.08.2014, 10:25 Uhr | Stil
Main-Taunus-Kreis Neues Flüchtlingsheim aus Containern

In Kriftel werden künftig 40 Asylbewerber unterkommen. Der Kreis hat ein neues Gebäude so eingerichtet, dass Familien dort Ruhe finden können. Mehr

22.08.2014, 16:45 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.02.2013, 23:22 Uhr

Nach und vor der Demo

Von Helmut Schwan

Den Polizeieinsatz bei den Blockupy-Protesten im vergangenen Juni sehen Richter als rechtmäßig an. Doch nun gilt es, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen - von Polizei und Demonstranten. Auch ein Vergleich mit der Welt des Fußballs lohnt. Mehr