http://www.faz.net/-gzg-7vzz8

Frankfurt/Offenbach : Eine Brücke verschwindet

  • -Aktualisiert am

Die Neue: Nicht nur auf, sondern auch in der neuen Carl-Ulrich-Brücke wird gearbeitet. Die alte gibt es nicht mehr. Bild: Norbert Müller

Um die Carl-Ulrich-Brücke zwischen Frankfurt und Offenbach verschwinden zu lassen, sind viele Hände nötig. Und große Maschinen. Sie heißen wie Tiere – und verhalten sich auch so.

          Nicht einmal zehn Meter neben dem Schild, das vor Schlaglöchern warnt, wird die Fahrbahn mit Brückengeländer in die Höhe gehoben. 45Meter unebene Straße aus 220Tonnen Stahl, Beton und Asphalt hängen an den Ketten eines Schwimmkrans. Bauarbeiter mit orangenen Westen schauen über die Abbruchkante zehn Meter tief auf den Main. Ein paar Betonbrösel rieseln hinab. Stück für Stück wird die Carl-Ulrich-Brücke abgetragen, die seit 1953 Offenbach und Frankfurt verbunden hat. Heute morgen ist sie schon verschwunden.

          An beiden Ufern haben sich Schaulustige eingefunden – meist Rentner, aber auch Mütter mit Kindern, die der Brücke beim Verschwinden zusehen. Viele fotografieren. „Das ist ein Teil der Stadtgeschichte“, sagt ein Mann. „Das passiert doch nicht alle Tage.“

          Wichtig sind Kiebitz, Büffel, Atlas

          Für die Männer jenseits der Bauzäune ist es Alltag. Bauoberleiter Ulrich Gawlas hat 1979 seine erste Brücke gebaut; Joachim Möller reißt mit seiner Firma Möller und Essing seit mehr als zwölf Jahren Brücken ein. Sie und ihre Kollegen, wissen, was sie zu tun haben. Insgesamt arbeiten rund 40 Mann daran, dass die alte Brücke in dieser Woche abgetragen und die neue Brücke in der nächsten Woche eingeschoben werden kann. Schon seit April steht sie neben ihrer maroden Vorgängerin. Betreten kann man sie aber nur über ein Gerüst von der Baustelle aus.

          Aus der Ferne ist für die Schaulustigen schwer zu überblicken, was an den Ufern und auf den beiden Brücken passiert; wer was erledigen muss, damit das Bauwerk von 238 Metern Länge und 13 Metern Breite verschwinden kann. Wenn man sich auf der Baustelle umsieht, wird klar: Wichtig sind vor allem Kiebitz, Büffel und Atlas.

          Ein Titan auf dem Fluss

          Die Kiebitz liegt am Offenbacher Ufer. „Schifffahrtspolizei“ steht auf der Steuerkabine, in der ein junger Wasserbaumeister die Meldungen der Bauarbeiter entgegennimmt, die über Funk hereinknattern. Er entscheidet, wann Frachtschiffe unter der Brücke durchfahren dürfen und wann nicht. „Wir sperren nur so kurz wie nötig“, sagt er. Zwischen 45 Minuten und anderthalb Stunden – immer dann, wenn die Büffel auf die Flussmitte zusteuert.

          Die Büffel ist ein Schubboot von 15 Meter Länge, aber man kann sie leicht übersehen. Denn vor sich her schriebt sie einen Ponton, der so groß ist wie vier Tennisplätze. Auf ihm ist der Kran montiert, mit dem die Firma Hebo Maritime die Brückenstücke zum Ufer bringt. Ponton und Kran heißen Atlas – wie der Titan, der laut griechischer Mythologie den Himmel mit seiner Schulter stützt.

          500 Anstecker von Verdi im Fluss

          Verglichen mit dem Himmelsgewölbe scheinen die 20 bis 50 Meter langen Brückenstücke kaum der Rede wert. Wenn sie an dem mächtigen Kran baumeln, sehen sie auch gar nicht mehr massig und schwer aus. Aber sie sind es. Auf dem Rest der alten Brücken drückt ein Arbeiter scherzhaft mit beiden Händen gegen den Stahl, der neben ihm schwebt, als könne er ihn fortbewegen. Bauoberleiter Gawlas, der ihn von der neuen Brücke aus beobachtet, lacht. Auch wenn es für beide Alltag ist, so ganz hat sie die Faszination des Großen und Gewaltigen nicht verlassen. Auch Gawlas fotografiert jeden Schritt beim Bau der Brücke.

          Erinnern wird er sich an die Brücke aber vor allem wegen dem, was sie im Main gefunden haben. Nicht nur knapp 8500 Panzergranaten aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch Mopeds, Fahrräder, Einkaufswagen, einen Fiat und einen Lastwagen, Baujahr 1983 – mitten im Fluss habe der gelegen. Ach, ja: Und 500 Anstecker von Verdi. „Sie haben wohl in der Nähe gestreikt und die Anstecker in den Fluss geworfen“, vermutet Gawlas.

          Abriss Stück für Stück

          Um ihn herum wird nicht gestreikt, sondern überlegt und ausdauernd gearbeitet. Von sieben Monaten Verzögerung als Folge der Kampfmittelfunde haben sie vier Monate wieder hereingeholt. Jetzt sieht es so aus, als könnte Ende November der Verkehr wieder fließen. „Einen weiteren Winter hätte die Brücke vielleicht auch nicht überlebt“, sagt Gawlas. Eine Woche mit minus 15 Grad und man hätte sie für alle Fahrzeuge sperren müssen, vermutet er. Lastwagen mit mehr als 7,5 Tonnen durften sie schon seit 2010 nicht mehr befahren.

          Während des Abbruchs stehen auf der alten Brücke ein Mann der Firma Hebo, der dem Kranführer Anweisungen gibt, und Arbeiter der Abrissfirma Möller, die Stücke mit einem Schweißbrenner abtrennen, sobald der Kran sie gepackt hat. In die Fahrbahn haben sie Löcher geschlagen, durch die der Kran seine Ketten herablässt, damit sie unten mit Querstreben verbunden werden. Die Querstreben werden auf einem kleinen Boot mit Ponton herbeigeschafft. Der Chef der Abrissfirma Möller steuert es selbst. Weil er den Motorbootführerschein habe, sagt er. Und weil alles gut klappe und er sich den Spaß gönne, zum großen Kran an die Brücke zu fahren.

          Soll 80 bis 100 Jahre halten

          Wenn er nicht auf dem Wasser ist, findet man Möller am Frankfurter Ufer auf dem Platz der Rudergesellschaft Udine. Neben die grünen Bauwagen und den Grill der Ruderer hat er einen grauen Bauwagen aufstellen lassen, in dem seine Arbeiter Kaffee trinken und Pausenbrote essen. Auf dem Platz der Udine kommen auch die Brückenstücke an. Zwei Bagger nehmen sie auseinander. Sie haben keine Tiernamen, aber man würde ihnen gerne welche geben, wenn sie mit schnabelartigen Zangen gierig nach Brückenstücken greifen, sobald der Kran sie ihnen entgegen senkt. Und wie sie später Metallstreben aus den Schrottbergen zupfen, als wären sie Geier und die Brücke Aas.

          Die Bagger sind so schnell, dass man ein Brückenstück nicht mehr erkennen kann, wenn nach ein paar Stunden das nächste kommt. In der einen Ecke liegt bröseliger Beton, in der anderen Stahl. Von dort werden die Reste zum Recycling abtransportiert. 61Jahre Brückengeschichte gehen zu Ende. Und für die meisten Zuschauer ein einmaliges Spektakel. Denn die neue Brücke soll 80 bis 100 Jahre halten.

          Weitere Themen

          So stimmt die Stimme Video-Seite öffnen

          Eine Sprechtrainerin erklärt : So stimmt die Stimme

          Heidi Puffer ist auf der Suche. Das, was sie zu finden erhofft, ist nicht zu sehen, wohl aber zu hören. Denn immer dann, wenn Puffer eingeschaltet wird, droht auch der hörbare Rest in monotonem Einklang zu verschwinden.

          Der leise Indexfonds-Vermittler

          Vaamo im Fünften Jahr : Der leise Indexfonds-Vermittler

          Vaamo war mit seiner Finanz-App früher am Markt als Konkurrenten. In der Öffentlichkeit macht das Fintech aber vergleichsweise wenig von sich reden. Auf Kundenfang ist im Netz - aber nicht nur.

          Frankfurt hat einen neuen Weihnachtsbaum Video-Seite öffnen

          Trubel auf dem Römer : Frankfurt hat einen neuen Weihnachtsbaum

          Zahlreiche Schaulustige warteten auch dieses Jahr am Römer auf den Frankfurter Weihnachtsmarkt. Das 30 Meter hohe Prachtexemplar kommt diesmal aus dem Spessart. Auch die Einsatzkräfte zeigten sich zufrieden. Das Aufstellen gelang reibungslos.

          Topmeldungen

          Warum Italien stur bleibt : Vier Gründe für den Trotz

          Rom bleibt stur und will, dass der Haushaltsentwurf bleibt, wie er ist. Für die trotzige Haltung gibt es vier Gründe. Doch auch die EU hat wenig Anlass, ihre Position zu ändern.

          Personalkrise im Weißen Haus : Feuert Trump die nächste Ministerin?

          Donald Trump hat gerade erst Justizminister Sessions rausgeworfen. Nun soll angeblich auch Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen gehen. Das könnte jedoch zu einem Showdown im Weißen Haus führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.