27.01.2012 · Wichtiger als alle Vorträge und Diskussionen auf dem Weltwirtschaftsforum sind die Partys danach. „Frankfurt meets Davos“ - da sind nicht nur die Größen der regionalen Wirtschaft.
Von Tim Kanning, Frankfurt/DavosSo leger sieht man Josef Ackermann selten. Der Chef der Deutschen Bank hat die Krawatte schon abgelegt und die obersten Knöpfe seines Hemds geöffnet, als Oberbürgermeisterin Petra Roth die Gäste zu Nader Malekis Veranstaltung „Frankfurt meets Davos“ begrüßt. Als Roth die geplante Finanztransaktionssteuer eine Gefahr für Frankfurt nennt, ist Ackermann der Erste, der klatscht.
Davos, 20 Uhr. Die Diskussionsrunden des Weltwirtschaftsforums sind für diesen Donnerstag vorbei, der kleine Bergort verwandelt sich in eine Partymeile. Nicht um dem Kongress beizuwohnen, so scheint es, sondern wegen dieser abendlichen ungezwungenen Plauderstunden bei Wein, Bier und Champagner kommen die Wirtschaftsbosse Jahr um Jahr in die tiefverschneiten Graubündner Berge. Der Mittelpunkt ist das Steigenberger Belvédère. Wie auf einem Messegelände ist jeder Quadratmeter des Luxushotels an der Promenade vermietet; Google, Pricewaterhouse Coopers, McKinsey und andere Unternehmen haben das Foyer, den Speisesaal, sogar das Schwimmbad des Hauses zu Feierflächen umgestaltet.
Und während andere große Unternehmen Holzbauten im Hof des Hotels errichten mussten, hat es der Frankfurter Veranstalter Maleki irgendwie geschafft, sich den kleinen Saal „Scaletta“ in dem komplett ausgebuchten Hotel zu sichern. 2007 habe er zugeschlagen, als die Londoner Börse wegen der aufziehenden Finanzkrise ihren Empfang abgesagt habe, erzählt er. Seither treffen sich hier jedes Jahr unter dem Titel „Frankfurt meets Davos“ Wirtschaftsvertreter nicht nur aus der Rhein-Main-Region mit Kunden, Kollegen und Bekannten - mit Unterstützung der Deutschen Börse.
Ackermann kommt seit Jahren, Roland Berger ebenso, und Roland Koch lässt es sich auch in diesem Jahr nicht nehmen, die Gäste vor der Frankfurter Skyline-Kulisse zu begrüßen, obwohl er ja inzwischen Vorstandschef von Bilfinger Berger in Mannheim ist. IHK-Präsident Mathias Müller unterhält sich mit Frank Riemensperger von Accenture, Cerberus-Chef David Knower und dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, Clemens Börsig. Lutz Raettig ist ebenso mit seiner Frau angereist wie McKinsey-Deutschland-Chef Frank Mattern, der mit Petra Roth über ihre Zukunftspläne spricht.
Außer den üblichen Canapés gibt es Wachteleier und Babykartoffeln mit Grüner Soße und Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat und Sauerkraut. Manch einer vermutet, dass es nicht zuletzt das bodenständige Essen ist, das viele Manager Jahr um Jahr in den Saal „Scaletta“ lockt.
Je später der Abend, desto lockerer die Gäste. Der scheidende RWE-Chef Jürgen Großmann kommt im offenen Lodenjäckchen, Ackermanns designierter Nachfolger Jürgen Fitschen trägt eine rote Blume am Revers. Irgendwann ist der Raum proppenvoll, an die 300 Gäste dürften sich um die Stehtische drängen. An vielen wird über die üblichen Frankfurter Themen gesprochen. Der Fluglärm scheidet jene, die am Lerchesberg wohnen, von den übrigen Gästen, die den wachsenden Flughafen als Frankfurts „wichtigstes Asset“ sehen. Das erwartete Nein der EU zur Börsenfusion sehen manche als Glücksfall für Frankfurt, andere als schlechtes Zeichen für jedes Unternehmen, das über internationale Zusammenschlüsse nachdenkt.
Börsen-Chef Reto Francioni kommt an diesem Abend nicht mehr auf den Empfang, obwohl sein Unternehmen Hauptsponsor ist und er selbst eigentlich als Gastgeber auf der Einladung steht. „Wichtige Gespräche“, heißt es von seinem Kommunikationschef. Angesichts der anstehenden Entscheidung aus Brüssel und der Tatsache, dass auch sein Gegenüber bei der Nyse, Duncan Niederauer, in Davos ist, glaubt man das auch.
Die Deutsche Börse hat sich für die Kongresswoche einen kleinen Laden auf der Promenade gemietet. Normalerweise werden dort Klamotten verkauft, jetzt sind die Schaufenster mit Bildern des Frankfurter Handelssaals und kleinen Bulle-und-Bär-Skulpturen geschmückt. Vor Jahren, so wird erzählt, habe sich Francioni noch einfach im Pulli in einem Café mit seinen Geschäftspartnern getroffen, doch seit in Davos auch immer mehr Politiker und Medienvertreter unterwegs seien, sei ein eigenes „Büro“ schon ganz sinnvoll.
Gegen halb elf leert sich der Saal „Scaletta“. Viele wollen noch einmal „bei Aserbaidschan vorbeischauen“, weil es da so guten Kaviar geben soll. Roth, Raettig und einige andere nehmen einen strategisch günstig gelegenen Stehtisch im Foyer in Beschlag. Ständig bleibt jemand stehen und sagt „ah, hier ist Frankfurt“. Irgendwann kommt der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber und bedauert, dass „Frankfurt meets Davos“ schon vorbei sei. Nun trifft der designierte UBS-Manager Frankfurt eben im Foyer, plaudert über seine Wohnungssuche in Zürich und darüber, dass er dort nun fünfmal so viel zahle wie in Frankfurt.
Es ist halb eins, als plötzlich Anshu Jain ins Belvédère kommt, der im Mai zusammen mit Fitschen Ackermann nachfolgen soll. Zu dieser Zeit wird auf der Google-Party schon zu Nirvana gerockt, die meisten Hemdsärmel sind längst hochgekrempelt und auch aus dem trockengelegten Schwimmbad, in das McKinsey geladen hat, dröhnen die Bässe. Für Freitagabend hat sich die Deutsche Bank die Halle reserviert. Petra Roth ist sehr stolz, dass Ackermann persönlich sie als Rednerin zu der Veranstaltung geladen hat. Für beide scheidenden Frankfurter Größen ist der Ausflug nach Davos schließlich eine Art Abschiedsreise.
Bodenständige Grüne Soße
Ellen Wild (paultheodor)
- 29.01.2012, 09:51 Uhr