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Frankfurt Marathon „Haltet durch, is nich mehr weit!“

30.10.2011 ·  Ob zu Fuß oder mit der Straßenbahn: Beim Frankfurt Marathon erreichen fast alle Athleten ihr Ziel.

Von Christian Schneebeck, Frankfurt
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Normalerweise laufe er einhundert Kilometer, manchmal gar 24 Stunden am Stück, die Distanz sei für ihn also kein Problem, sagt Rolf Keßler selbstbewusst. Der Münchner lässt sich eine halbe Stunde vor Beginn des Frankfurt Marathon inmitten sichtlich angespannter Konkurrenten lachend im Clownkostüm fotografieren. Über die ungewöhnliche „Sportkleidung“ will er auf sein ernstes Anliegen aufmerksam machen: Keßler sammelt gemeinsam mit drei Freunden während des Laufs Spenden. Als der Startschuss fällt, steht er plötzlich neben dem späteren Sieger Wilson Kipsang aus Kenia, nur wenige Meter entfernt von der Äthiopierin Manitu Daska, die als erste Frau die Ziellinie erreichen wird. Es ist ein Sinnbild für das, was den Frankfurter Lauf ausmacht: Die Mischung aus Hochleistungs- und Breitensport.

Weiteres unverkennbares Markenzeichen ist sein in jeder Hinsicht bunt gemischtes Teilnehmerfeld. Schon am Start erblickt man Fahnen und Transparente aus aller Herren Länder. Die Oberhand hat nach dem Augenmerk Finnland, dabei heißt es von offizieller Stelle, neben Deutschen seien vor allem Läufer aus Frankreich und Italien angereist. Mika Kovalainen ist zwar Finne, fühlt sich aber in hessischen Gefilden mittlerweile längst heimisch. Er wartet mit einer Tröte in den Landesfarben Finnlands etwa drei Kilometer vom Start entfernt auf seine Frau Anja. Jedes Jahr kommen die beiden eigens für den Marathon aus Helsinki an den Main. „Heute muss ich wegen einer Knieverletzung leider zuschauen“, sagt er.

Wer keine eigenen Anhänger mitgebracht hat, wird vielerorts von Musikgruppen angespornt

Wenige Kilometer weiter erreicht das Feld die Hauptwache, wo Tausende eines der zahlreichen Streckenfeste feiern. Jeder Athlet wird lautstark gefeiert. Auf der großen Videoleinwand verfolgen manche derweil gebannt den weltrekordverdächtigen Lauf der afrikanischen Favoriten. „Lauft, ihr weißen Kenianer“ ist passend dazu auf einigen Transparenten zu lesen. Wer sich im Trubel Gehör verschaffen will, bleibt etwas abseits der großen Plätze. So machen es auch Volker und Heike Kühn aus Erfurt mit ihrem Sohn Robert. Sie halten in der Taunusstraße Ausschau nach Schwiegertochter „Bine“, die an der Staffel teilnimmt. „Haltet durch, is nich mehr weit!“ heißt es auf einem eigens bemalten Schirm, den die lauten Rasseln in ihrer motivierenden Wirkung noch übertreffen. Als Bine kommt, vergisst sie Zeiten und Positionen kurzerhand und fällt ihrer Familie in die Arme.

Wer keine eigenen Anhänger mitgebracht hat, wird vielerorts von Musikgruppen angespornt. Und von einer der zahlreichen Verpflegungsstellen. Am Rathenauplatz füllen ehrenamtliche Helfer unermüdlich Becher um Becher. Mit jedem Schritt gen Ziel wird das Angebot reichhaltiger: Zunächst gibt es nur Wasser, bei Kilometer 35 bietet eine Station von Kaffee und Tee über Bananen bis zu Cola alles, was müde Läufer munter macht - gegen Zuckermangel und einsetzende Ermüdung, wie ein Helfer betont.

Nicht nur verbissene Gesichter

Als kurz vor zwölf Uhr die Topfavoriten auf die Mainzer Landstraße gen Innenstadt einbiegen, wird klar, dass auch der Spitzensport an diesem Tag in Frankfurt zu seinem Recht komm. Den größten Jubel erntet Jan Fitschen, erwartungsgemäß schnellster deutscher Teilnehmer.

Keßler und seine Mitstreiter sind derweil noch in Höchst unterwegs, nicht zuletzt, weil sie immer wieder anhalten: Die Lauf-Aktivisten lassen sich mit etlichen Zuschauern ablichten und sprechen hin und wieder auch länger mit Spendern. „So macht das Laufen viel mehr Spaß - und die Menschen sehen nicht nur ernste und verbissene Gesichter“, schmunzelt Keßler, womöglich dankbar für die willkommenen Verschnaufpausen. Ein Ärgernis seien nur die wenigen Zeitgenossen, die einige Kilometer in der Straßenbahn säßen, um dann unauffällig ins Feld zurückzukehren. Schließlich wird ein zum Fahrer gewordener Läufer beim Abkürzen ertappt. Kurzerhand folgen ihm rund zwanzig seiner ehemaligen Konkurrenten, die nun per Straßenbahn zum Zieleinlauf unterwegs sind, und stellen den Mann zur Rede.

Die Ankunft in der Festhalle hält, was sie verspricht. Nach drei bis vier Stunden erreichen die meisten Läufer das Ziel. Sie werden vom einem euphorischen Publikum und mit lauter Musik empfangen und müssten eigentlich das Gefühl haben, in einer Diskothek gelandet zu sein. Viele stoßen spontane Jubelschreie aus, andere verteilen lieber Handküsse. Nach dreieinhalb Stunden passiert auch Rolf Keßler klammheimlich die Ziellinie. Wie es sich für einen Clown gehört: mit einem Lächeln.

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