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„Frankfurt liest ein Buch“ : Eine Liebesgeschichte

Eine Stadt, eine Frau: Silvia Tennenbaum vor der Alten Oper. Bild: Fricke, Helmut

Silvia Tennenbaum eröffnet in der Deutschen Nationalbibliothek das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“.

          Es gibt Augenblicke, die unwirklich wirken. Einen dieser Momente erlebt Silvia Tennenbaum auf der Eröffnungsfeier des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“. Knapp zwei Stunden lang hat die heute auf Long Island lebende Schriftstellerin, die vor 84Jahren in Frankfurt zur Welt kam, in der Deutschen Nationalbibliothek zehn bekannten Frankfurtern zugehört. Sie haben Ausschnitte aus „Straßen von gestern“ vorgetragen, dem Roman über das jüdische Leben im Frankfurt der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, den Tennenbaum 1981 im amerikanischen Exil veröffentlichte. Bis Ende des Monats ist ihm das Literaturfestival gewidmet, das der Verein „Frankfurt liest ein Buch“ mit Unterstützung der Stadt seit 2010 veranstaltet. Während der Lesung, sagt Tennenbaum, sei es ihr so vorgekommen, als habe jemand anders das Buch geschrieben. Im Alter von acht Jahren habe sie Frankfurt verlassen müssen. „Nun beschäftigt sich meine ganze Heimatstadt mit mir.“

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ob auch die Freunde der Lyrik von Günter Grass zu dem Roman greifen, in dem Juden in Palästina noch keine Bedrohung des Weltfriedens darstellen, sondern nur eine sichere Zuflucht vor den Deutschen gefunden haben, mag dahingestellt sein. Auf dem Podium aber sitzen die, auf die es ankommt. Im Mai 1933 entlässt die Frankfurter Oper Silvia Tennenbaums Stiefvater Hans Wilhelm Steinberg, der seit 1929 Generalmusikdirektor war. Nun ist unter den Vorlesern des Abends Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt.

          Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt

          Seit 1983, dem Jahr der deutschen Erstveröffentlichung des Romans, ist Tennenbaum regelmäßig in ihre Geburtstadt zurückgekehrt. Lange habe sie, „still und einsam“, eine „Liebesgeschichte“ mit Frankfurt mit sich herumgetragen. Aus dem Buch,dem Zeugnis dieser Liebesgeschichte, lesen in der Nationalbibliothek die Schriftstellerinnen Monika Held und Mirjam Pressler, Kulturamtsleiterin Carolina Romahn, Gerhard Frölich und Frank Lehmann vom Hessischen Rundfunk sowie Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der, ebenso wie Lehmann, große Vorleserqualitäten offenbart.

          Der Saal ist, wie immer zur Eröffnung von „Frankfurt liest ein Buch“, bis auf den letzten Platz besetzt, für die Zuspätgekommenen, die in der Cafeteria zuhören, gibt es einen Solidaritätsapplaus. In den beiden ersten Jahren des Festivals, sagt Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), seien Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12“ und Wilhelm Genazinos „Abschaffel“ nicht nur gelesen worden, man habe in der Stadt über die Bücher auch viel gesprochen. Er sei daher überzeugt, dass die gemeinsame Lektüre von „Straßen von gestern“ vielen Frankfurtern zeige, wie sie der Geschichte des 20. Jahrhunderts gedenken könnten.

          Tennenbaum spricht das Schlusswort

          Das gemeinsame Frankfurter Erinnern beginnt in den Momenten, in denen das Publikum so unterschiedliche Passagen wie die hört, in denen Tennenbaum davon berichtet, wie das Städel in den späten dreißiger Jahren seine Sammlung für moderne Kunst schließt oder der Freund einer der Hauptfiguren seine zukünftige Schwiegermutter mit Klatsch über die Ensemblemitglieder von Oper und Schauspiel unterhält. Da passt es, dass unter Tennenbaums Vorlesern auch Städel-Direktor Max Hollein und Schauspielintendant Oliver Reese sind.

          Nachdem die Schriftstellerin Alissa Walser vorgelesen hat, wie Andreas Wertheim im Herbst 1941 in seinem Elternhaus im Westend verhaftet und deportiert wird, spricht Tennenbaum das Schlusswort. Sie erinnert an die Juden Frankfurts, die sich aus dem Ghetto aufmachten, bereit, an die Gültigkeit ihrer Bürgerrechte zu glauben. Sie hätten Frankfurt geliebt, viele von ihnen noch im Exil: „Ihnen ist dieses Fest ein Denkmal.“

          Quelle: F.A.Z.

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