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Frankfurt im 18. Jahrhundert Vom Palasthotel bis zur „Schützenliesl“

Auch das alte Frankfurt hat Touristen aus aller Welt angelockt - allerdings nicht wegen seiner Skyline, sondern wegen der pittoresken Altstadt, der zahllosen gemütlichen Gaststätten und mondänen Hotels. Eine neue Ausstellung zeigt diese untergegangene Welt.

Es gab Zeiten, da Touristen aus aller Welt nicht nach Heidelberg oder Rothenburg ob der Tauber pilgerten, um das alte, unverfälschte Deutschland kennenzulernen, sondern nach Frankfurt. Dort konnten sie das größte mittelalterliche Fachwerkensemble weit und breit bewundern, und auch sonst war die Mainmetropole mit ihren Attraktionen bis zum Zweiten Weltkrieg ein wahrer Touristen-Magnet, der allenfalls von München und Berlin übertroffen wurde. Die vielen Gäste fanden in der Stadt Unterkunft und Bewirtung aller Art, vom einfachen Gasthof bis zur Luxusherberge. Und an jeder Ecke fand sich ein Wirtshaus, ein Café oder ein Restaurant.

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Im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs ist dieses gastronomische Universum mit seinen urigen Altstadtkneipen und modernen Innenstadtlokalen, gediegenen Pensionen und mondänen Hotels, verrufenen Amüsierschuppen und berühmten Groß-Varietés untergegangen. In der Ausstellung „Von Kaschemmen und Nobelherbergen“ lässt der Kurator Helmut Nordmeyer diese verschwundene Welt jetzt im Institut für Stadtgeschichte noch einmal auferstehen - und der Betrachter kann kaum glauben, dass das heute so nüchtern-sachliche Banken- und Finanzzentrum mit seinen zahllosen Architektursünden einmal eine Stadt der verwinkelten Fachwerkhäuser und bürgerlichen Prachtpaläste gewesen ist.

Schopenhauer kehrte oft im „Englischen Hof“ ein

Dort, wo heute die Menschen einkaufen, befand sich im 18. Jahrhundert die noble Hotelmeile der Stadt: An der Zeil standen der „Römische Kaiser“ und das „Rote Haus“, ergänzt von Luxushotels am Roßmarkt. Dort befand sich unter anderem der „Englische Hof“, wo Arthur Schopenhauer seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Und an der Stelle, wo heute der Kaufhof steht, stand damals noch der „Weidenhof“, den Cornelia Schellhorn in ihre Ehe mit dem Schneidermeister Friedrich Georg Goethe einbrachte. Der Gasthof warf so viel ab, dass des Schneidermeisters Sohn, Johann Kaspar Goethe, der Vater des großen Dichters, nie mehr zu arbeiten brauchte.

Entscheidende Impulse gab dem Frankfurter Fremdenverkehrswesen seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn. Zwischen dem neuen Hauptbahnhof, der Gallusanlage und dem Untermainkai wurden zwischen 1888 und 1914 zahllose neue Hotels und Gaststätten eröffnet. Der neuen Konkurrenz fielen Traditionshäuser wie der „Russische Hof“ an der Zeil zum Opfer. Doch fast alle in diesem Gründerzeit-Bauboom errichteten Luxushäuser, beispielsweise das neobarocke „Palasthotel Fürstenhof-Imperial“, das 1992 durch den damals noch unbescholtenen Immobilieninvestor Jürgen Schneider umfangreich saniert wurde, haben die Fährnisse der Zeit nicht überstanden. Überlebt hat allein der zwischen 1874 und 1876 errichtete „Frankfurter Hof“ an der Kaiserstraße.

Die großen Hotel um den Hauptbahnhof sind verschwunden

Dem Erfolg des Hauptbahnhofs als eines dem am höchsten frequentierten Bahnhöfe Deutschlands verdankte auch das ihm gegenüber liegende, 1905 eröffnete „Schumanntheater“, in dem bis zu 5000 Besucher Platz fanden, seine Existenz. Es überstand den Krieg, wurde dann aber 1960 abgerissen und durch einen Bürokomplex ersetzt. Verschwunden sind leider auch das „Carlton“, der neue „Englische Hof“, das „Bristol“ und andere große Hotels rund um den Hauptbahnhof. Nicht schade ist es dagegen um den „Kölner Hof“ an der Südseite des Bahnhofs, dessen Besitzer schon um die Jahrhundertwende damit warb, dass sein Haus „judenrein“ sei.

Außer dem „Haus Wertheim“ am Fahrtor, das schon vor dem Ersten Weltkrieg gastronomisch genutzt wurde, hat fast kein Fachwerkhaus die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg unbeschädigt überstanden. Rekonstruiert wurde das Gebäude des „Schwarzen Stern“ neben der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg. Ansonsten ist vom Kneipenviertel zwischen Römer und Dom nichts mehr übrig: keine „Alte Dorfschmiede im Roseneck“, keine „Weinstube zum Domkeller“, keine „Weiße Eule“. Verschwunden sind ebenso die Kaschemmen und Spelunken im Westen der Altstadt wie zum Beispiel die „Schützenliesl“ an der Karmelitergasse, wo Prostituierte und andere Personen fragwürdigen Ansehens verkehrten.

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Für seine käuflichen Damen war übrigens auch Bornheim, das fröhliche Dorf im Frankfurter Norden, lange berühmt. Dort, an der oberen Berger Straße, hat sich die „Weiße Lilie“ gehalten, ein Traditionslokal, in dem die Sozialdemokraten 1894 nach den Sozialistengesetzen Bismarcks ihren ersten Parteitag abhielten. Auch das „Schmärrnche“ und der „Bornheimer Ratskeller“ sind noch in Betrieb, Letzterer allerdings in einem wieder aufgebauten Gebäude.

An die große Zeit der Main-Gastronomie erinnert heute auch noch das Nizza, jene vom Stadtgärtner Sebastian Rinz geschaffene Grünanlage, deren reiche Blütenpracht Assoziationen an die französische Riviera erweckte. Gegenüber diesem Kleinod ging im Sommer der Mosler’sche Betrieb vor Anker, eine auf Pontons gelagerte Badeanstalt mit mehreren Schwimmbecken, einer Rollschuhbahn und Volleyballplätzen. Nebenan auf dem Restaurantschiff „Elsa“ konnten die Schwimmgäste speisen und Erfrischungen zu sich nehmen. Wie überall in Frankfurt galt auch hier das Motto: „Keiner soll hungern und dürsten.“

Die Ausstellung „Von Kaschemmen und Nobelherbergen“ ist im Institut für Stadtgeschichte, Münzgasse 9, bis zum 23. Juni zu sehen. Zur Schau ist im Sutton-Verlag das vom Kurator Helmut Nordmeyer herausgegebene, gleichnamige Buch mit dem Untertitel „Gastronomie in Alt-Frankfurt“ erschienen. Es kostet 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 17:00 Uhr

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Von Matthias Alexander

Keine Smileys in E-Mails mehr. Schluss mit hässlicher Polystyrol-Wärmedämmung an Frankfurter Häusern. Und bitte, keine abgelesenen Reden mehr im Römer. Ein paar Wünsche zu Weihnachten. Mehr 6