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Frankfurt-Höchst Lärm ist eigentlich immer

 ·  Über die Königsteiner Straße in Frankfurt-Höchst fahren jeden Tag 27.000 Autos, sie ist vermutlich die lauteste Straße der Stadt. Auch Dreck und viele Unfälle gibt es dort. Und ein paar Anwohner.

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Fünf Finger hat die rechte Hand, fünf Gänge hat ein Auto. Für jeden Gang eine Fingerkuppe, die Marie Wolter sanft hebt und wieder senkt, ganz automatisch, bei jedem Auto, das an ihrem Wohnzimmerfenster vorbeifährt, immer wieder, wie im Zwang. Wenn sie spricht, tipp, tipp. Wenn sie ein Glas Wasser einschenkt, tipp, tipp, tipp. Wenn sie seufzt wegen des Lärms vor ihrem Fenster: tipp, tipp, tipp, tipp.

Wie es mit dem Lärm ist? Mittags um drei? Ach ja. Marie Wolter hat im Türrahmen stehend den Wollschal noch etwas fester um ihren Hals geschlungen. „Setzen wir uns, im Stehen ist es schwer zu ertragen.“ Am Wohnzimmertisch wird die Sache mit dem Lärm gleich etwas deutlicher. Die Gläser klirren zwar nicht im Schrank, dafür vibrieren die Fenster, wenn ein Lastwagen über die Königsteiner Straße fährt. Und es fahren viele Lastwagen, Autos und Busse vorbei, jeden Tag sind es 27.000 Fahrzeuge. Die Königsteiner Straße in Höchst ist damit einer der meistbefahrenen Verkehrswege und vermutlich die lauteste Straße Frankfurts. Ermittelt haben das die Stadt und das Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen. Für Frau Wolter und die anderen Anwohner ist das keine Neuigkeit.

Weitab von Zebrastreifen und Ampel

Dort, wo Frau Wolter mit ihrem Mann Walther wohnt, am oberen Ende des Frankfurter Abschnitts der Königsteiner Straße, ist die Straße vierspurig, zwei Spuren in jede Richtung, dazwischen ein paar Poller, damit die Fußgänger nicht auf die Idee kommen, weitab von Zebrastreifen und Ampel die Straße zu überqueren. Sie tun es trotzdem. Dort also, wo sowieso schon viel Verkehr ist, liegt auch noch die dreispurige Autobahnausfahrt Höchst. Wenn sich Frau Wolter aus ihrem Wohnzimmerfenster im ersten Stock lehnt, kann sie auf die Abfahrt blicken. Zum ersten Mal tat sie das bewusst, als sie den Strauß bunter Nelken auf ihren kleinen Balkon stellen wollte, den ihr die Kolleginnen zum letzten Arbeitstag geschenkt hatten.

Mit 58 Jahren musste sie in Rente, weil ihr das linke Knie so schmerzte, dass sie ihre Arbeit im Supermarkt nicht mehr schaffte. Die Schmerzen hatten Frau Wolter nervös gemacht, manchmal sei sie wie depressiv gewesen, manchmal über die Maßen gut gelaunt, sagt sie, launisch wie das Wetter im April. Ohne das viele Stehen im Supermarkt werde alles besser, versprach der Arzt. Aber dann öffnete Frau Knoll am ersten freien Tag das Wohnzimmerfenster und wusste: So wird das nun jeden Tag sein. Urlaub hätten sie bisher immer im Sommer gemacht, weil sie ja um den Lärm wussten und raus wollten aus der stickigen Wohnung, weil sie die Fenster bei dem Krach und Dreck nicht öffnen mochten. Frau Wolter hat selbst keine Erklärung, warum ihr der Lärm erst am ersten Rententag so richtig auffiel. Sie schüttelt den Kopf.

Später, am Abendbrottisch, erzählte Frau Wolter ihrem Mann von dem Lärm. „Aber Walther hat nur mit den Schultern gezuckt. Er hat damals ja noch gearbeitet, er hat von dem Lärm tagsüber nichts mitbekommen.“ Der Straßenlärm war schlimm - aber dass ihr Mann ihr nicht geglaubt hat, war für Frau Wolter noch viel schlimmer. Irgendwann in dieser Zeit wurden ihre Finger nervös und sie begann, wann immer ein Auto nach der Ampel hochschaltete, mit den Fingerkuppen leicht auf den Tisch zu tippen. Seither läuft auch der Fernseher schon am frühen Vormittag. Lärm gegen Lärm.

Deutlich mehr Lastwagen passieren

Dann ging auch Walther Wolter in Rente, und plötzlich hörte auch er den Krach. Morgens, mittags, abends. „Schon ganz schön heftig. Lärm ist jetzt eigentlich immer“, sagt Herr Wolter heute. Aber: „Als ich in Rente ging, hat am anderen Ende der Königsteiner Straße ja auch eine neue Spedition eröffnet. Von da an sind deutlich mehr Lastwagen an unserer Wohnung vorbeigefahren.“ Frau Wolter neben ihm macht ein verkniffenes Gesicht. Aber sie weiß, wie sie ein bisschen Rache nehmen kann. Manchmal steht sie nun unvermittelt von ihrem Esszimmerstuhl auf, geht zum Fenster und reißt es auf. „Ich finde es stickig hier drin“, sagt sie dann, sommers wie winters. Als sie das erzählt und dabei fein lächelt, macht Walther Wolter ein verkniffenes Gesicht.

Schon oft hat das Ehepaar überlegt auszuziehen, nach 23 Jahren an der Königsteiner Straße. Zumindest den Sommer wollten sie woanders verbringen. „Mallorca“, sagen sie gleichzeitig, und ihre Gesichter leuchten. Warum also nicht weg von Lärm, Dreck und Stress? Gespart hatten sie schon seit vielen Jahren, doch dann wurde ihr Sohn arbeitslos. Eine Menge von ihrem Geld fließt nun jeden Monat an ihn, weil die Eltern ihren Sohn nicht im Stich lassen wollen. So sitzen die Wolters nun noch immer an ihrem Esszimmertisch im zweiten Stock, hinter sich der Fernseher, unter sich die Autos, wollen weg und können nicht.

133.000 Autos - am Tag

Die Königsteiner Straße ist knapp zehn Kilometer lang, nur zwei davon liegen in Höchst und Unterliederbach, die übrige Strecke führt über Sulzbach nach Bad Soden. Der längste Teil der Straße wurde Anfang des 19. Jahrhunderts geplant. Höchst entwickelte sich damals zu einem regionalen Verkehrsknoten zwischen Main und Taunus. Dementsprechend wurde die Königsteiner Straße als Chaussee angelegt, sie war also breit und schnurgerade. Mehr als hundert Jahre später begann der Ausbau der Schnellstraße nach Wiesbaden zur Autobahn. Höchst bekam eine Anschlussstelle, und der Verkehr nimmt bis heute rasant zu - auch weil das Main-Taunus-Zentrum so erfolgreich ist. Seit den siebziger Jahren ist der Verkehr dort um fast das Dreifache angestiegen, von 48.000 Autos täglich auf aktuell 133.000. Lärmmessungen haben 75 Dezibel am Tag an der Königsteiner Straße ergeben.

Ein paar Häuser weiter, die selbe Straße. Ein paar Winterblumen im Vorgarten, eine Frau und ein Mann sitzen am Esstisch, ihre Hand liegt in seiner. Die Wanduhr schlägt 15 Mal, langsam wird der Verkehr auf der Königsteiner Straße mehr. Julia Schubert und Tobias Sendt sind seit vier Jahren ein Paar, die Wohnung im Erdgeschoss ist ihre erste gemeinsame. „Wir haben die Wohnung an einem Sonntag besichtigt“, sagt Tobias, Maschinenbauingenieur mit kurzen braunen Haaren. „Das war ein Fehler.“ Julia, Anwaltsgehilfin mit langen blonden Haaren, nickt zuerst, sagt dann: „Aber es war unsere gemeinsame Entscheidung, die Wohnung zu nehmen.“ Nicht nur der Lärm stört sie. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde auf der Königsteiner Straße ein Kind von einem Auto angefahren und starb. An diesen Unfall erinnern sie sich noch alle hier. Julia Schubert sagt: „In dieser Gegend werde ich kein Kind erziehen“, und sie betont das Wort „ich“, indem sie dabei mit dem Finger auf sich zeigt. Tobias Sendt betrachtet seine gefalteten Hände auf dem Tisch. In den vergangenen Minuten hat er kaum mehr etwas gesagt, als seine Freundin berichtet hat, dass sie den Wecker gar nicht mehr stellen muss, weil pünktlich um 7.15 Uhr die Supermarkt-Laster am Schlafzimmerfenster vorbeifahren, und dass sie manchmal fünf Minuten braucht, nur um die Straße zu überqueren.

Wenig später im kleinen Vorgarten, Julia ist drinnen geblieben, findet Tobias seine Worte wieder. Ein Auto überholt hupend ein anderes. Tobias wirkt bedrückt. Er wollte immer Kinder, Julia wollte das früher auch einmal, wie er sich zu erinnern meint. Doch jetzt sage sie immer diesen Satz, dass sie an dieser lauten und gefährlichen Straße keiner Kinder erziehen wolle. „Dabei wollte sie die Wohnung so sehr.“ Tobias denkt im Moment viel darüber nach. Denn wie es weitergehen wird, weiß er nicht. Sie haben einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Tobias würde gern etwas gegen den Lärm unternehmen, auch wenn er weiß, dass das kaum gehen wird. Einmal hatte er Julia vorgeschlagen, zu dem Treffen einer Bürgerrunde zu gehen, in der Anwohner der Königsteiner Straße gemeinsam überlegen, was man tun kann. Julia war dagegen, also ging Tobias nicht hin.

Die Zentrale dieser kleinen Bürgerbewegung liegt im zweiten Stock des Hauses Nummer 175. Vor Wolfgang Stillger liegt ein Stapel mit Papieren. Es sind Lärmstudien, offene Briefe und Regierungsanfragen. Stillger gehört das Haus, es ist sein Elternhaus, er ist hier aufgewachsen. Das Haus stand schon, als es die Autobahn noch nicht in ihrer heutigen Form gab. Stillger wohnt mit seiner Frau im zweiten Stock, im Erdgeschoss lebt ihre Tochter. Wolfgang Stillger ist ein ruhiger Mann, der die Argumente aller kennt und respektiert. Und er ist der einzige in dieser Geschichte, der seinen Ärger auch öffentlich macht, dessen richtiger Name und dessen Adresse in der Zeitung erscheinen dürfen.

Er hat ähnliche Sorgen wie die anderen Anwohner auch. „Vor allem im Sommer ist es furchtbar.“ Dann sei es in der Wohnung wie in einer Sauna, weil man die Fenster nicht öffnen könne. Jetzt, an einem Donnerstagvormittag nach der Rushhour, sind auf der Königsteiner Straße vergleichsweise wenige Autos unterwegs, und in der Wohnung ist es ruhig. Schallschutzfenster? Herr Stillger winkt ab. „Natürlich, das ist doch das Mindeste.“

Blitzer verlangsamen Verkehr zum Teil

Stillger will nicht die Autobahnausfahrt dichtmachen, auch nicht das Main-Taunus-Zentrum schließen. Er fordert ein Tempolimit auf der Königsteiner Straße, 30 Stundenkilometer in den Teilen mit dichter Wohnbebauung fände er gut. Die Autofahrer, sagt Stillger, würden dadurch nicht langsamer vorankommen, sondern sogar schneller, weil das häufige Bremsen wegfalle. Die Blitzer, die die Stadt kurze Zeit nach dem tödlichen Unfall mit dem Kind aufgestellt hat, verlangsamten vor allem den Verkehr auf der anderen Straßenseite. Auf Stillgers Seite dagegen bremsen die Fahrer einige Meter vor seinem Haus ab, und hinter dem Blitzer, also unter seinem Esszimmerfenster, wird wieder beschleunigt. Deswegen müsse noch mehr getan werden, fordert er. „Na klar, da sind wir doch alle Egoisten.“ Nun hat auch der Ortsbeirat ein Verkehrskonzept für die Königsteiner Straße gefordert. Ob es kommen wird, weiß weder Herr Stillger noch sonst jemand.

An einem Eckhäuschen steht noch ein Name auf dem Klingelschild, aber hier wohnt schon seit drei Monaten niemand mehr. Uschi Donnermark ist geflüchtet, auch wenn sie es nicht so nennt. Sie ist an eines der anderen Enden der Stadt gezogen, nach Nieder-Eschbach. Hier ist es ruhig, ländlich beinahe. Frau Donnermark kann jetzt wieder beschreiben, wie die Vögel morgens singen. An der Königsteiner Straße ist sie dennoch ab und zu, denn dort wohnen viele ihrer Freunde und Bekannten. Und noch eine andere Verbindung ist geblieben. Durch Frau Donnermarks Träume fahren noch immer die Lastwagen.

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Von Mechthild Harting

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