Home
http://www.faz.net/-gzg-7777v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Frankfurt-Höchst Lärm ist eigentlich immer

Über die Königsteiner Straße in Frankfurt-Höchst fahren jeden Tag 27.000 Autos, sie ist vermutlich die lauteste Straße der Stadt. Auch Dreck und viele Unfälle gibt es dort. Und ein paar Anwohner.

© Rosenkranz, Henner Vergrößern Vielbefahren und laut: die Königsteiner Straße in Frankfurt-Höchst

Fünf Finger hat die rechte Hand, fünf Gänge hat ein Auto. Für jeden Gang eine Fingerkuppe, die Marie Wolter sanft hebt und wieder senkt, ganz automatisch, bei jedem Auto, das an ihrem Wohnzimmerfenster vorbeifährt, immer wieder, wie im Zwang. Wenn sie spricht, tipp, tipp. Wenn sie ein Glas Wasser einschenkt, tipp, tipp, tipp. Wenn sie seufzt wegen des Lärms vor ihrem Fenster: tipp, tipp, tipp, tipp.

Wie es mit dem Lärm ist? Mittags um drei? Ach ja. Marie Wolter hat im Türrahmen stehend den Wollschal noch etwas fester um ihren Hals geschlungen. „Setzen wir uns, im Stehen ist es schwer zu ertragen.“ Am Wohnzimmertisch wird die Sache mit dem Lärm gleich etwas deutlicher. Die Gläser klirren zwar nicht im Schrank, dafür vibrieren die Fenster, wenn ein Lastwagen über die Königsteiner Straße fährt. Und es fahren viele Lastwagen, Autos und Busse vorbei, jeden Tag sind es 27.000 Fahrzeuge. Die Königsteiner Straße in Höchst ist damit einer der meistbefahrenen Verkehrswege und vermutlich die lauteste Straße Frankfurts. Ermittelt haben das die Stadt und das Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen. Für Frau Wolter und die anderen Anwohner ist das keine Neuigkeit.

Weitab von Zebrastreifen und Ampel

Dort, wo Frau Wolter mit ihrem Mann Walther wohnt, am oberen Ende des Frankfurter Abschnitts der Königsteiner Straße, ist die Straße vierspurig, zwei Spuren in jede Richtung, dazwischen ein paar Poller, damit die Fußgänger nicht auf die Idee kommen, weitab von Zebrastreifen und Ampel die Straße zu überqueren. Sie tun es trotzdem. Dort also, wo sowieso schon viel Verkehr ist, liegt auch noch die dreispurige Autobahnausfahrt Höchst. Wenn sich Frau Wolter aus ihrem Wohnzimmerfenster im ersten Stock lehnt, kann sie auf die Abfahrt blicken. Zum ersten Mal tat sie das bewusst, als sie den Strauß bunter Nelken auf ihren kleinen Balkon stellen wollte, den ihr die Kolleginnen zum letzten Arbeitstag geschenkt hatten.

Mit 58 Jahren musste sie in Rente, weil ihr das linke Knie so schmerzte, dass sie ihre Arbeit im Supermarkt nicht mehr schaffte. Die Schmerzen hatten Frau Wolter nervös gemacht, manchmal sei sie wie depressiv gewesen, manchmal über die Maßen gut gelaunt, sagt sie, launisch wie das Wetter im April. Ohne das viele Stehen im Supermarkt werde alles besser, versprach der Arzt. Aber dann öffnete Frau Knoll am ersten freien Tag das Wohnzimmerfenster und wusste: So wird das nun jeden Tag sein. Urlaub hätten sie bisher immer im Sommer gemacht, weil sie ja um den Lärm wussten und raus wollten aus der stickigen Wohnung, weil sie die Fenster bei dem Krach und Dreck nicht öffnen mochten. Frau Wolter hat selbst keine Erklärung, warum ihr der Lärm erst am ersten Rententag so richtig auffiel. Sie schüttelt den Kopf.

Später, am Abendbrottisch, erzählte Frau Wolter ihrem Mann von dem Lärm. „Aber Walther hat nur mit den Schultern gezuckt. Er hat damals ja noch gearbeitet, er hat von dem Lärm tagsüber nichts mitbekommen.“ Der Straßenlärm war schlimm - aber dass ihr Mann ihr nicht geglaubt hat, war für Frau Wolter noch viel schlimmer. Irgendwann in dieser Zeit wurden ihre Finger nervös und sie begann, wann immer ein Auto nach der Ampel hochschaltete, mit den Fingerkuppen leicht auf den Tisch zu tippen. Seither läuft auch der Fernseher schon am frühen Vormittag. Lärm gegen Lärm.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Autofreie Quartiere Vor dem Einzug muss das Auto weg

Immer mehr Bauträger und Städte entwickeln autofreie Quartiere. Das Interesse an dieser Wohnform ist groß. Die Gefahr zu scheitern aber auch. Mehr Von Nadine Oberhuber

18.02.2015, 09:46 Uhr | Finanzen
Nantes Flüchtlinge besetzen französisches Pfarrhaus

Etwa sechzig Flüchtlinge aus Ostafrika haben in der westfranzösischen Stadt Nantes ein Pfarrhaus besetzt, um nicht auf der Straße leben zu müssen. Anwohner und Hilfsorganisationen unterstützen die Asylbewerber in ihrem Alltag. Mehr

05.01.2015, 15:10 Uhr | Gesellschaft
Im Gespräch: Thorsten Schäfer-Gümbel Fühle mich veräppelt, wenn ich morgens im Stau stehe

Als Oppositionsführer im Landtag hat Thorsten Schäfer-Gümbel die Aufgabe, die Landesregierung zu kontrollieren und zu kritisieren. In Fragen der Infrastruktur hat er zurzeit besonders viel zu rügen. Mehr

27.02.2015, 10:15 Uhr | Rhein-Main
Griechische Architektur Minimalistische Villa mit Meerblick auf der Insel Aegina

Athener, die es sich leisten können, dem Lärm der griechischen Hauptstadt Athen zu entfliehen, lassen sich gerne auf einer der westlich vorgelagerten Inseln nieder. Ein Inselbesuch beim Künstler Costas Varotsos und seiner Frau Eleni Sfakianaki, die als Architektin das Haus, in dem sie heute wohnen, selbst entworfen hat. Mehr

13.02.2015, 20:07 Uhr | Stil
Immobilien Im Häuserkampf

Altmieter verlangen noch stärkere Rückendeckung gegen Luxussanierungen und steigende Wohnkosten. Die Politik liefert – und greift damit tief in die Rechte der Hauseigentümer ein. Das schadet am Ende der ganzen Stadt. Mehr Von Judith Lembke

01.03.2015, 09:06 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.02.2013, 18:49 Uhr

Blockupy und die Gewalt

Von Helmut Schwan

Es gibt Grüppchen im Netz, die planen vollmundig die Stilllegung der EZB-Eröffnung. Für die Polizei entwickelt sich dieses Gewaltpotential zu einer doppelten Herausforderung. Aber auch die Blockupy-Bewegung ist hier gefragt. Mehr 7