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Frankfurt Handzahme Nager erobern die Nidda

Der Biber im Frankfurter Stadtteil Bonames hinterlässt bisher nur seine Bissspuren, zeigt sich aber nicht. Andere schwimmende Nagetiere schon: Die Nutrias kommen in großer Zahl, sobald sie gefüttert werden. Und sie sind äußerst zutraulich.

© Rüchel, Dieter Vergrößern Zu Wasser und zu Land: Nutrias an der Nidda, eine Mutter mit Jungtier

Für manche Frankfurter gehört es längst zum festen Bestandteil des Sonntagsspaziergangs, an die Nidda zu gehen, um Nutrias zu füttern. Die ursprünglich aus Südamerika stammenden Nagetiere sind äußerst zutraulich, fast handzahm und lassen sich von Passanten gerne mit Möhren versorgen, tummeln sich auf Rasenflächen, um in aller Ruhe das Gras abzufressen. „Wehrhaft sind sie aber schon“, warnt Andreas Malten, Zoologe beim Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg, und weist auf die durchaus beachtlichen Nagezähne hin, die eine auffällige orangefarbene Färbung haben. Eine Gefahr geht Malten zufolge von den eingewanderten Pflanzenfressern aber nicht aus, weder für den Menschen, aller Voraussicht nach auch nicht für andere Tiere oder die Umwelt insgesamt. Denn eine Plage sind sie noch lange nicht: ein starker Winter und ihr Bestand ist auf einen Schlag drastisch dezimiert.

Mechthild Harting Folgen:  

Wie viele dieser Tiere es an der Nidda gibt, ist nicht bekannt. 600 Nutrias sind im vergangenen Jahr in Hessen geschossen worden; die Nager dürfen das ganze Jahr gejagt werden. Malten kennt die Tiere seit Ende der neunziger Jahre aus dem zweitgrößten hessischen Naturschutzgebiet, dem Mönchbruch, vermutlich sind sie seitdem auch an der Nidda zu finden. Es gebe keine Aufzeichnungen, sagt Malten, der einer der drei Biologen ist, die im Auftrag der Stadt für die Biotopkartierung Frankfurts zuständig sind - ein Vorhaben, das seit 1985 vorangetrieben wird.

Nutrias sind keine Biber

Die ersten eingewanderten Nutrias stammen nach Angaben der Fachwelt aus Pelzfarmen in Frankreich, wo Tiere ausgebüxt sind oder bewusst freigelassen wurden. Ein deutliche Vermehrung sollen die Tiere nach der Wende erfahren haben: Im Osten Deutschlands seien einst Hunderte Nutriafarmen betrieben worden. Nach der Wiedervereinigung wurden sie aufgegeben und die Tiere freigelassen.

Häufig werden die Nutrias, die sich gerne an den Nidda-Altarmen und dort in Schilf und Röhricht aufhalten, mit dem deutlich größeren Biber oder mit dem nur halb so großen Bisam verwechselt. Die Nutria, die mitunter auch als Biberratte bezeichnet wird, ist ohne Schwanz rund 40Zentimeter groß und wird acht bis zehn Kilogramm schwer. Ein Biber bringt dagegen das Doppelte auf die Waage. Vor allem ist die streng geschützte Art nachtaktiv und so scheu, dass man davon ausgehen kann, dass kein Passant einen Biber zufällig in der Nidda schwimmen sieht. Dafür sind allerdings die Folgen seines Wirkens am Ufer umso augenscheinlicher, insbesondere erkennt man die typisch abgenagten Bäume am Fluss.

Derzeit keine Fischotter in Hessen

Nutrias nutzen den Uferbereich auch, um sich dort Gänge und Höhlen zu bauen, oder sie schaffen sich Plattformen als Ruheplatz. Aber sie sind keine so geschickten Baumeister wie die Biber. Manche Gegner der Nutrias fürchten allerdings, dass die Tiere mitunter Flächen für sich nutzen, die sich Wasservögel als Nester gebaut haben, und die Nager dadurch deren Brut zerstören und etwa Haubentaucher, Bless- oder Teichhühner vertreiben. Anderenorts sind es nach Angaben von Malten häufig die Landwirte, die sich von den Nagern gestört fühlen, da sie die Ufer so stark unterhöhlen können, dass Trecker abrutschen oder sich festfahren. Gemeinsam mit dem aus Nordamerika stammenden Bisam gelinge es ihnen durchaus, Uferbereiche vollständig zu durchwühlen und zu destabilisieren. In Niedersachsen seien Nutrias besonders stark vertreten. Dort, so Malten, sind im vergangenen Jahr allein 16000Tiere geschossen worden.

Malten kennt auch Anrufe aus der Bevölkerung, die an der Nidda einen Fischotter gesehen haben wollen. Doch den streng geschützten Fischotter gibt es derzeit gar nicht Hessen, „noch nicht“, sagt Malten. Das Tier aus der Familie der Marder hat einen viel schmaleren Kopf als die Nutrias. Der Zoologe vermutet, dass die meisten statt eines Fischotters einen „Mink“, einen amerikanischen Nerz, gesehen haben, der ebenfalls ein guter Schwimmer ist, aber sich nicht wie die Nutrias mit Rohrkolben und Gras zufriedengibt, sondern Mäuse und gerne Bisams verzehrt.

Bitte nicht füttern!

Übrigens ist das deutlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Biber, Nutria und Bisam - neben den erheblichen Größenunterschieden - die Art ihrer Schwänze. Hat der Biber eine sogenannte Kelle, einen breiten, flachen, ledrigen Schwanz, so hat die Nutria einen kreisrunden und der Bisam einen seitlich abgeplatteten.

Das Vorhandensein dieser vielen eingewanderten Arten, der sogenannten Neozoen, zu denen auch die Nilgans gehört, hält der Zoologe Malten für weniger bedenklich als die Angewohnheit der Bevölkerung, die Tiere zu füttern. Gleichgültig, ob Taube oder Nutria: Die Tiere rotteten sich über das Füttern zu stark an einzelnen Stellen zusammen, sonderten vermehrt Kot ab und förderten damit die Übertragung von Krankheiten. Das sei besonders für Tiere gefährlich. Das Füttern sei kein Beitrag zum Arten- oder Naturschutz, warnt der Fachmann. Auf diese Weise erreiche man lediglich die „hoch anpassungsfähigen Arten“, nicht aber Besonderheiten wie etwa den selten gewordenen Teichrohrsänger.

Mehr zum Thema

Besondere Tiere im Stadtgebiet können dem Umwelttelefon der Stadt unter der Nummer 069/21239100 oder dem Zoologen Andreas Malten unter der E-Mail-Adresse amalten@senckenberg.de gemeldet werden.

Quelle: F.A.Z.

 
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