Der ältere Mann bleibt stehen, als er Gesprächsfetzen auffängt. „Ach, nehmen Sie Abschied von den Bäumen?“, fragt er. Mehr als hundert wolle die Stadt doch fällen. Dabei habe sie sich 20 Jahre nicht um den zentral gelegenen Park gekümmert, ihn nicht gepflegt, Personal abgezogen. Und nun greife sie plötzlich durch. „Ob das nötig ist?“, fragt sich der Passant, der regelmäßig in der beliebten Grünanlage seinen Hund ausführt, es sei doch schade um jeden Baum.
Präziser hätten es auch die Bürgerinitiativen nicht formulieren können, die sich zusammengeschlossen haben, weil sie sich von der Sanierung, wie sie das Grünflächenamt plant, überrumpelt fühlen. „Wir wollen richtig, vollständig informiert werden“, fordert Rudolf Dederer von der Aktionsgemeinschaft Westend. Linken-Politikerin Gisela Becker, die für die Initiative „Rettet die Bäume - Rettet die Wallanlagen“ spricht, ergänzt: „Es muss einen ergebnisoffenen Planungsprozess geben.“
Gemeinsam drängen sie auf eine öffentliche Diskussion und eine „Begehung“. Das Grünflächenamt solle seine gesamte Planung offenlegen samt einer Markierung an allen Bäumen, die gefällt werden sollten. Schließlich liege dem Amt bereits ein Baumkataster vor. Es gibt ein denkmalpflegerisches Gutachten, das die gärtnerische Historie des einst von den Rothschilds angelegten Parks aufarbeitet, ein sogenanntes Parkpflegewerk. Erstellt hat es die Frankfurter Gartendenkmalpflegerin Barbara Vogt. Und es gibt die Planung für eine Grunderneuerung des rund 20 Hektar großen Parks durch den Züricher Landschaftsarchitekten Guido Hager, dessen Büro die europaweite Ausschreibung für die Parksanierung gewonnen hat.
2,9 Millionen Euro will die Stadt von 2013 an in den historischen Park investieren. Im Oktober hatte das Grünflächenamt das Parkpflegewerk und Hagers Pläne erstmals dem Ortsbeirat präsentiert. Zum Leidwesen der Bürgerinitiativen habe dieser den Entwurf „weitgehend abgenickt“. Kritik und Verbesserungsvorschläge gibt es zu den Wegeverläufen, dem Standort der Hundeauslauffläche und der geplanten Ausstattung der Spielplätze.
Den Bürgerinitiativen geht es hingegen um mehr, um den Umgang mit dem Grün. Die Vorstellung Hagers, „einen helleren, lockeren, freundlicheren und mit blühenden Sträuchern ausgestatteten Park zu schaffen“, hat sie hellhörig werden lassen. Endgültig aufgeschreckt wurden sie von Hagers Entwurf, wonach 165 der rund 2600 Bäume im Grüneburgpark gefällt weren müssten. Das wäre ein Zwanzigstel der Parkbäume; allerdings will Hager auch 130 neue Bäume pflanzen.
Ein „Kahlschlag“ wird befrüchtet
Mit Blick auf die befürchteten Fällungen fordern Becker und die Fraktion der Linken im Römer ein ökologisches Gutachten für den Park. Schließlich stehe der von 1845 an entstandene Park, den in wesentlichen Teilen der Frankfurter Gartenkünstler Heinrich Siesmayer angelegt hat, nicht nur unter Denkmalschutz; er sei zudem Landschaftsschutzgebiet. Mithin müsse auch das Ökosystem beachtet werden. Der Naturschutz des gesamten Bewuchses, mit Wiesen, Büschen, Bäumen, die Tierwelt inbegriffen, habe Vorrang.
Einen „Kahlschlag“ fürchtet Becker, bliebe es bei der bisherigen Planung. „Das Ergebnis wird furchtbar sein“. Auch Dederer sieht die Gefahr, dass, sollte erst einmal von der Stadt der Auftrag zum Abholzen erteilt sein, dann „rigoros mit der Kettensäge vorgegangen wird“, statt behutsam die Sanierung über mehrere Jahre zu strecken.
„Der Grüneburgpark hat viele, viele Bäume“
Dabei hat Dederer, anders als Becker, viel Verständnis dafür, dass zur Grunderneuerung eines englischen Landschaftsgartens - als solcher ist der größte Teil des Parks von Siesmayer in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts angelegt worden - auch gehört, Bäume zurückzuschneiden und wild gewachsene Gehölze zu entfernen. Erst durch die sogenannten Sichtachsen eröffne sich dem Besucher wieder ein wunderbarer Blick, sagt Dederer. Er ärgert sich, dass gerade dieser Begriff für viele in den Bürgerinitiativen zum „Kampfbegriff“ geworden ist.
Selbst die Ankündigung der Stadt, mehr als 100 Bäume zu fällen, schreckt Dederer nicht. „Der Grüneburgpark hat viele, viele Bäume“, sagt er, möglicherweise vertrüge er sogar die geplanten Fällungen. Dederer bezeichnet sich selbst als „Liebhaber des englischen Landschaftsgartens“. Zu dieser Parkgestaltung gehörten die Pflanzung unterschiedlicher Baumarten, das Wechselspiel aus Bepflanzung und Freiräumen, die großen Wiesen. Aus diesem Zusammenspiel entstehe das Gesamtbild des Grüneburgparks als eines „wunderschönen Landschaftsgartens“.
Eine grundsätzliche Debatte wird gefordert
Dederer liegt damit, zumindest bei der Parkgestaltung, mit dem Grünflächenamt und dem vom Amt beauftragten Züricher Büro auf einer Linie. Doch Dederer ärgert sich, dass die Stadt den Park hat erst so weit „verlottern“ lassen und nun versuche, ihn in einer Art Hauruckaktion wieder in Ordnung zu bringen. Vor allem fürchtet er, dass sich die Stadt nach der Sanierung wieder nicht ausreichend kümmern werde. Die Kommune stelle nur noch Geld für Investitionen zur Verfügung, aber kaum etwas für die Pflege. „Das ist der Skandal.“
Dass die Grundsanierung im Grüneburgpark notwendig ist, weil die Stadt den historischen Park nicht ausreichend gepflegt hat, bestätigte die stellvertretende Leiterin des Grünflächenamts, Heike Appel, im Ortsbeirat. Die Wege seien schlecht, und der Park sei in Teilen zugewachsen, konstatierte sie im Herbst. Die Gartendenkmalpflegerin Vogt ging auf einer Veranstaltung der Bürgerinitiativen noch weiter: Die Stadt habe in den vergangenen 20 bis 30 Jahren die „sachgemäße Pflege des Grüneburgparks als Gartendenkmal nicht gewährleistet“. Vielleicht auch nicht gewährleisten können, ergänzt Vogt auf Nachfrage, dem Grünflächenamt fehlten Mittel und Personal. Geleistet werden könne eine Minimal-Pflege nach der Devise „Mähen geht immer“. Doch Bäume müssten fachgerecht geschnitten, alte sachkundig ersetzt, ein Gesamtkonzept verfolgt werden. Gute Pflege brauche Kontinuität.
Die Bürgerinitiativen fordern eine Diskussion über die Zukunft des Grüneburgparks, aber auch eine grundsätzliche Debatte über Wertschätzung und Pflege der großen Frankfurter Parks. Die Stadt könne doch so stolz auf ihre historischen Gärten, auf ihre Geschichte sein, sagt Dederer, und Becker ergänzt: „Wir wollen das Bewusstsein fürs Grün stärken, die Stadt anstacheln, sich mehr anzustrengen.“