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Frankfurter Stadtteil Enkheim : Kein Schutz vor Jahrhundertregen

Reif für den Sperrmüll: Viele Möbel aus den überschwemmten Häusern in Enkheim mussten entsorgt werden. Das stinkende Wasser, das aus den Kanälen gestiegen war, hatte sie verdorben. Bild: Lukas Kreibig

Vor gut einem Jahr setzte ein Unwetter den Frankfurter Stadtteil Enkheim unter Wasser. Anwohner fordern seitdem einen besseren Überschwemmungsschutz. Doch viel wird sich nicht ändern.

          Wenn die Tropfen in diesen Tagen wieder einmal heftig prasseln, wird mancher in Enkheim die Luft anhalten. Denn vor gut einem Jahr haben die Bewohner des Stadtteils erlebt, was Wasser anrichten kann, wenn es in Massen kommt: Im Juni 2016 liefen bei einem Unwetter weit mehr als 300 Keller voll. Auch manche Erdgeschosswohnung wurde überschwemmt. Das Wasser verdarb die Möbel, denn es war stinkende Brühe, die aus dem vollgelaufenen Kanal hochgestiegen war.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Innerhalb von vier Stunden regnete es in Enkheim 68 Liter auf jeden Quadratmeter, wie Roland Kammerer berichtet. Der Abteilungsleiter im Eigenbetrieb Stadtentwässerung rechnet vor, dass diese Menge einem Zehntel des Regens entspreche, der in einem ganzen Jahr falle.

          Gegenseitige Nachbarschaftshilfe

          Dass gerade Enkheim überschwemmt wurde, liegt daran, dass Wasser dort schlecht abfließen kann. Östlich des Wohnviertels liegt ein natürliches Feuchtgebiet, das Ried.

          Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass nördlich das Gelände stark ansteigt. Oben auf dem Hügel liegt Bergen, die andere Hälfte des Doppelstadtteils. Den Hang hinab flossen im vergangenen Juni Massen von Wasser, die die Flut unten in Enkheim zusätzlich steigen ließen. Der Fritz-Schubert-Ring, eine Straße, die von Bergen hinab nach Enkheim führt, verwandelte sich in einen Bach, wie sich Renate Müller-Friese erinnert. Die Ortsvorsteherin von der CDU hat es mit eigenen Augen gesehen – sie wohnt dort.

          Auch ein Jahr nach der Überschwemmung machen sich viele in Enkheim noch Sorgen, so wie Sandra Tenzera, die im Wohnviertel nahe der Triebstraße lebt. Das Wasser könne wieder einmal steigen, besonders wenn Gullys verstopft seien. Tenzera erinnert sich noch gut an die vollgelaufenen Keller. Nachbarn hätten sich gegenseitig geholfen und versucht, Pumpen zu organisieren. Denn die Feuerwehr sei überfordert gewesen.

          Seltenes Ereignis

          Auch ein junger Mann aus der Nachbarschaft denkt noch daran, wie das Schmutzwasser aus dem Kanal hochkam. Unter den Bewohnern des Stadtteils gebe es immer noch Unmut, auch weil Gerüchte umgingen, wegen eines Fehlers sei ein Rückhaltebecken nicht geöffnet worden, was die Flut verschlimmert habe. Außerdem müssten die Enkheimer künftig mehr für ihre Versicherung ausgeben.

          Die Ortsvorsteherin berichtet ebenfalls von den Schäden durch das Wasser, zum Beispiel an Musikinstrumenten, die im Keller des Volkshauses gelagert worden waren. Der Verwaltung macht sie allerdings keinen Vorwurf. Dem Unmut mancher Enkheimer hält sie entgegen, dass die Kanäle in Ordnung und ausreichend bemessen seien. Wenn es so stark regne wie nur einmal in 100 Jahren, müsse das hingenommen werden. Für ein so seltenes Ereignis könne das Abwassersystem nicht ausgelegt werden: „Das war einfach zu viel.“

          Kanäle auf Schwachstellen untersucht

          Dass so viele Keller vollgelaufen sind, lag zum Teil daran, dass in diesen Häusern keine Rückschlagventile eingebaut waren oder dass sie nicht funktionierten, wie Kammerer sagt. Solche Ventile verhindern, dass Wasser aus dem Kanal zurückläuft, wenn es sich dort staut. Die Hauseigentümer müssen sich selbst um deren Einbau und die Wartung kümmern. In anderen Fällen wurden Keller geflutet, weil das Wasser von der Straße durch Lichtschächte oder Garageneinfahrten hinabfloss. Bei der Gestaltung von Neubauten müsse diese Gefahr berücksichtigt werden, sagt Kammerer.

          Die Stadt hat nach dem großen Regen nichts am Abwassersystem in Enkheim verändert, wie der Entwässerungsexperte im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert. Ein neues Rückhaltebecken wurde nicht gebaut. Allerdings untersuchte der Eigenbetrieb die bestehenden Kanäle auf Schwachstellen und Schäden. Der Durchmesser der Abwasserrohre werde so kalkuliert, dass sie Regenmengen fassen könnten, wie sie einmal in drei bis fünf Jahren vorkämen, nicht aber einen Jahrhundertregen, sagt Kammerer. In einem solchen Fall fließe das Wasser über die Straße.

          Risiko in Kauf nehmen

          Beim Volkshaus Enkheim gibt es ein unterirdisches Rückhaltebecken, das überschüssiges Wasser aufnimmt. Von dort führt der „Rote Graben“, ein verrohrtes Gewässer, zum Main östlich von Fechenheim, in den es unter der Wasseroberfläche mündet. Ein weiterer Zweig des Grabens leitet überschüssiges Wasser aus dem Teich im Enkheimer Ried ab. Es fließt durch natürliches Gefälle bis zum Fluss, dort gibt es ein Pumpwerk, welches das Wasser in den Main befördert, wenn der Fluss Hochwasser führt.

          Nicht alle im Stadtteil haben Angst vor einer weiteren Überflutung. Alexander Peter rechnet zwar damit, dass er noch einmal einen so heftigen Regen wie vor einem Jahr erlebt, wie er sagt. Doch dafür hat er vorgesorgt: „Ich stelle nichts auf den Fußboden im Keller.“ Außerdem hat er wie von der Verwaltung empfohlen ein Rückschlagventil installiert, das gestautes Kanalwasser abhalten soll. Auch sonst spricht Peter gelassen über das Risiko in Enkheim: „Ich habe früher mal an der Mosel gewohnt, da gibt es anderes Hochwasser. Dagegen war das hier nichts.“

          Quelle: F.A.Z.

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