Im Viertel spricht man inzwischen von der heimlichen Freßgass’. Gerade in jüngster Zeit hat sich viel getan. Nicht nur an der Unteren Berger Straße zwischen Bethmannpark und Höhenstraße, dem Vorzeigestück der mit drei Kilometern längsten Frankfurter Einkaufsmeile, sondern auch darüber hinaus, das heißt im mittleren Teil, der wegen seiner vielen Handyläden und Billigbäckereien von der Premiumzone deutlich abfällt. Ganz oben, bei den Apfelweinkneipen, ist die Berger ohnehin Partyzone pur.
Und die Gastronomie legt weiter zu. Dort, wo bisher ein Fachgeschäft für Senioren große Handys verkaufte, werden jetzt Möhren und Paprika in der „Salatschmiede“ geschnippelt. Weiter unten sorgt das koreanische Restaurant „Sonamu“ mit einer auffälligen Holzfassade und einer sehr reduzierten Speisekarte für Aufmerksamkeit. In einer ehemaligen Bankfiliale dreht sich das Laufband von „Sushi-Circle“. „Les Donadel“ heißt ein neues Feinkostgeschäft für Fleisch, Wurst und Käse aus Frankreich, das etwas abseits in einem Hinterhof liegt. Und das neue „Bernemer Fischlädchen“, eine Kombination aus Restaurant und Imbiss, verkauft Austern, das Stück für 2,90 Euro.
Die Gastronomie gewinnt die Oberhand
Für die Untere Berger Straße lässt sich feststellen: Hier findet man einerseits noch alteingesessene Geschäfte wie Betten-Nöll, Schwarz Pelze, Raumdekor Schwarz, die Buchhandlung Ypsilon oder Zoo Gärtner. Auch ein paar interessante Mode-Adressen - Number Seven, Tulu, Bailly Diehl oder Heyhey - gehören zum Berger-Straßen-Programm. Drei Neuzugänge für schönes Wohnen - Sofa&Co., Wohnraum, Reining & Werth - sprechen dafür, dass die Klientel im beliebten Wohnviertel, das hier korrekt unter der Bezeichnung Nordend-Ost läuft, schicker und kaufkräftiger wird.
Es fällt allerdings auf, dass bei Mieterwechseln die Gastronomie die Oberhand gewinnt. In den ehemaligen Buchladen Kontext ist nach aufwendigem Umbau das Restaurant Joel eingezogen. Nachmieter vom Schuhgeschäft Escape Futura wird die Wiesbadener Bio-Bäckerei Kaiser, die hier im Oktober eine neue Vorzeigefiliale mit Frühstück und Mittagstisch, Vollkornsnacks und monatlichen Kulturveranstaltungen eröffnen wird. Geplant sind je 30 Sitzplätze draußen und drinnen.
„Tortilla meets Äppler“
In eine ähnliche Richtung mit Außenbewirtung geht das Konzept von Oliver Mayer, Chef der Frankfurter Bäckereikette Mayer und des Brasserie-Konzepts La Maison du Pain. Allerdings ruht der Umbau der ehemaligen Bäckerei-Filiale seit langem. Auch woanders stellen Geschäftsleute immer öfter Tische und Stühle vor die Tür. Bei Reining & Werth kann der Kunde nicht nur Blumentöpfe, Wein und Gläser kaufen, sondern auch Kaffee trinken und Törtchen essen, weshalb das Geschäft den Zusatz Genusshaus im Namen hat. Im ebenfalls originell eingerichteten Feinkost-Geschäft „Tortilla meets Äppler“ serviert Désirée Piniella spanische Tapas mit Grüner Sauce vor der Tür. Längst führten Unternehmen ihren Besuch aus dem Ausland nicht mehr in Sachsenhausen aus, sondern auf der Berger, meint Helmut Schäfer, Mitinhaber von Reining & Werth.
Diese Entwicklung sehen Einzelhändler mit gemischten Gefühlen. Wenn die Leute nur noch zum Essen und Trinken an die Berger kommen, haben die anderen Geschäfte ein Problem, nicht zuletzt auch wegen der Parkplatznot im Viertel. Die Straße stoße allmählich an ihre Grenzen. „Noch stimmt die Mischung, aber viel mehr darf es nicht werden“, sagt Ernst Schwarz, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Untere Berger Straße. Die Straße habe nach wie vor einen guten Ruf, aber als Einzelhandelsstandort sei sie überschätzt, das gelte vor allem am Nachmittag, sagt der Interessenvertreter, der inzwischen ein Pelzgeschäft am Dornbusch betreibt, sein Amt gleichwohl noch innehat - Schwarz Pelze an der Berger ist sein Elternhaus. Schwarz ist auch aus einem anderen Grund nicht einverstanden mit der Situation. Viele Parkbuchten würden zu Sommer-Sitzplätzen umfunktioniert.
Bei den Mieten geht es bunt durcheinander
Zudem fällt auf, dass auch Franchiser allmählich ihre Fühler Richtung Untere Berger ausstrecken. Ein grell-bunter Bubble-Tea-Shop ist schon da (zuvor ein Damenmodegeschäft für große Größen). Und die schöne und gut besuchte Chili-Küche von Anja Gutfleisch („Chili-Queen“), die nach knapp vier Jahren aufgehört hat - es sei „Zeit für neue Abenteuer“, heißt es auf der Homepage - wird in einen Yoghurt-Shop umgebaut. Ein anderer Ableger des neuen Trendprodukts, die Filiale „Yoyogurt“ an der oberen Berger, lässt für die Einrichtung nichts Gutes erahnen. Die Franchiser in der Gastronomie sind nicht viel besser als die Billigheimer der Modebranche. Und vermutlich ist es auch nur eine Frage der Zeit, wie lange das eine oder andere Konzept durchhält.
Bei den Mieten an der Berger geht es nach Berichten aus der Branche bunt durcheinander, in der Spitze werden aber auch hier wie an der Schweizer Straße inzwischen 50 Euro für den Quadratmeter gezahlt. Das können sich Gastronomen offenbar eher leisten als Textiler. „Die Anzahl der Bons in der Gastronomie ist deutlich höher“, sagt Christopher Wunderlich, Leiter des Frankfurter Einzelhandel-Immobiliengeschäfts beim Maklerunternehmen Jones Lang LaSalle, mit Blick auf den Umsatz. Laut Wunderlich ist die Nachfrage nach Fläche in Frankfurt von Seiten der Gastronomie deutlich stärker als die aus dem Einzelhandel. Für die Berger Straße stellt er fest: „Die Lokalitäten sind alle weitestgehend gut besucht.“ Nachteile durch den Zuwachs in jüngster Zeit kann er nicht erkennen. Wichtig sei, dass ein Mix aus Gastronomie und Einzelhandel langfristig erhalten bleibe.
Eine Drogerie „geht immer“
Darüber entscheiden auch Vermieter wie Kilian Bumiller, der mehrere Häuser an der Berger besitzt. Ihm gehört auch die ehemalige Schlecker-Filiale, die seit ein paar Wochen leer steht. Etwa 350 bis 400 Quadratmeter Fläche stehen für den Nachmieter bereit. Das könne wieder eine Drogerie sein („Das geht immer“) oder auch „etwas Nahversorgungsorientiertes“, meint der Immobilienvermarkter - so sich denn nicht noch „etwas ganz Originelles“ finde.