Home
http://www.faz.net/-gzg-70i1b
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurt CDU droht Kampfkandidatur um Bundestagsmandat

 ·  Für den Wahlkreis im Osten Frankfurts interessieren sich drei Bewerber des Mittelstandsflügels. Der Arbeitnehmerflügel hingegen hat seinen Kandidaten schon erkoren.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Frankfurt. Joachim Gres ist dieser Tage nicht zu beneiden. Denn der Frankfurter Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung MIT hat ein Platzproblem. Genauer gesagt: Er und sein Parteiflügel können für die Bundestagswahl 2013 im Osten der Stadt nur einen Kandidaten aufstellen, es gibt aber mindestens drei Interessenten. Und so sagt Gres das, was ein kluger Chef in solch einer Lage sagen muss: „Wir sind in Gesprächen mit allen, die derzeit genannt werden.“ Außerdem weiß er, dass die interne Konkurrenz nicht zum Streit ausarten darf. Deshalb sagt er: „Wir werden das noch vor der Sommerpause klären.“ Mehr gibt Gres nicht preis.

Andere tun das. Zum Beispiel die drei MIT-Mitglieder, die auf einen Sitz im Bundestag für die Legislaturperiode von 2013 bis 2017 hoffen. Da ist zum einen Erika Steinbach, die Mandatsinhaberin. Die 68Jahre alte Frau, die als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen zu den wenigen weithin bekannten CDU-Mitgliedern gehört, die eine klar konservative Klientel ansprechen, wählt denn auch klare Worte. „Ich werde antreten. Ich habe mir das gründlich überlegt.“ Zwar meinen sich etliche in der Frankfurter CDU daran zu erinnern, dass die seit 1990 im Bundestag vertretene Steinbach vor vier Jahren gesagt habe, diese Wahlperiode sei ihre letzte. Einige wollen sogar wissen, Steinbach habe „meine allerletzte“ gesagt. Doch sie bestreitet das. Eine eventuelle Kampfkandidatur gegen andere Interessenten fürchtet sie nach eigenen Worten nicht. „Ich sehe das gelassen.“

Steinbachs Rückhalt nicht mehr so überwältigend

Das kann sie auch, denn die CDU hat in diesem Fall eventuell genauso viel zu verlieren wie Erika Steinbach. Das Mandat im Osten der größten hessischen Stadt zum Beispiel. Denn während Steinbach im Fall einer Nominierung für das Direktmandat auch auf einen sehr guten Listenplatz vertrauen könnte, würden andere Bewerber vermutlich so weit hinten landen, dass sie den Wahlkreis schon gewinnen müssten, um nach Berlin zu kommen. Schaffen sie das aber nicht, ist der Osten Frankfurts auf Bundesebene für die CDU fortan verwaist.

Fest steht aber auch, dass Steinbachs Rückhalt im Kreisverband, an der Basis vor allem, nicht mehr überwältigend groß ist. Viele nehmen ihr übel, dass sie nicht zu besonders vielen Veranstaltungen der Stadtteilverbände gehe. „Das kommt wirklich nicht gut an“, sagt einer aus der Parteiführung. Auch deshalb gibt es Widerspruch - und mittlerweile zwei weitere ernst zu nehmende Interessenten. Zum einen Bettina Wiesmann. Die Landtagsabgeordnete weiß, wie man Wahlkreise gewinnt: 2009 konnte sie sich in der Landtagswahl knapp mit 132Stimmen Vorsprung gegen den SPD-Bewerber Michael Paris durchsetzen - und das auch noch in einer Grünen-Hochburg. Das macht die vierfache Mutter, die als klug und eloquent gilt, aber auch als eine Frau, die sich an interne Absprachen zuweilen nicht hält, für den Kreisverband als Bewerberin interessant. Schließlich dürfte die politische Großwetterlage für die CDU auch im nächsten Jahr nicht eben blendend sein. Und gerade dann kommt es darauf an, dass ein Wahlkreiskandidat den Bürgern besonders sympathisch und kompetent erscheint.

Wiesmann äußert sich zurückhaltend. „Ich schließe eine Kandidatur nicht aus“, sagt sie bloß. Manch ein Parteifreund hält das Interesse der 45Jahre alten Unternehmensberaterin an einer Bundestagsbewerbung allerdings vor allem für einen Fluchtversuch. „Sie hat Angst, dass sie nächstes Jahr nicht wieder gegen Paris gewinnt“, lästert ein CDU-Mitglied. Beobachter halten es überdies für unwahrscheinlich, dass sich der MIT-Flügel geschlossen hinter Wiesmann stellen würde, falls dies bedeutete, sich gegen Erika Steinbach auszusprechen.

Vorsitzender der Jungen Union zeigt auch Interesse

Der Dritte in der Interessen-Gemeinschaft ist der Jüngste. Ulf Homeyer, Vorsitzender der Jungen Union, sitzt erst seit gut einem Jahr in der CDU-Römerfraktion. Nicht wenige finden, dass er sich noch etwas gedulden sollte, bevor er nach Berlin strebt. Andere wiederum halten ihn für ein so großes Talent, dass sie den 30Jahre alten Investmentbanker am liebsten schon nächstes Jahr ins Rennen schicken würden. Homeyer sagt: „Ja, ich habe grundsätzlich Interesse. Aber es wäre noch verfrüht, sich festzulegen.“ Dass er dieses Interesse signalisiert hat, dürfte ihm positiv ausgelegt werden, weil es Engagement und Ehrgeiz beweist. Sollte Homeyer es aber wagen, gegen Steinbach und auch gegen den erklärten Willen der MIT-Mehrheit um eine Kandidatur zu kämpfen, dürfte er im Fall einer Niederlage für eine Weile ohne Chance auf höhere Aufgaben sein. Die Mittelstandsvereinigung ihrerseits wird es sich kaum leisten können, die Abstimmung offen zu lassen, also keine eigene Präferenz zu zeigen. Denn das würde zumindest dem Vorsitzenden Gres als Führungsschwäche ausgelegt werden.

Ganz anders ist die CDU-Lage für den Wahlkreis im Westen Frankfurts, für den nach der ausgeklügelten parteiinternen Arithmetik der arbeitnehmernahe CDA-Flügel einen Kandidaten vorschlagen darf. Mandatsinhaber ist seit 2009 der Politologe Matthias Zimmer, der zugleich CDA-Landesvorsitzender ist. Er will wieder antreten und kann sich zurücklehnen: Sein Flügel steht geschlossen hinter ihm, von einem Gegenkandidaten ist bisher nichts bekannt. „Ich glaube, dass ich im Deutschen Bundestag noch einiges leisten kann“, meint Zimmer, der nach eigenen Worten keinen Wunschpartner für den Wahlkreis im Osten hat. „Ich arbeite mit Erika Steinbach sehr gut zusammen. Das würde ich aber auch mit einem der anderen tun.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1977, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Der Krach als Chart

Von Helmut Schwan

Gründlichkeit vor Schnelligkeit - das Prinzip hat sich bewährt. Ein großer Wurf wird mit der Norah-Studie aber nur gelingen, falls die Resultate zu gesicherten Grenzwerten und einem neuen Schutzkonzept führen werden. Mehr