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Frankfurt-Buch von Genazino : Neues vom Nachtleben der Mäuse

Aufmerksamer Beobachter seiner Stadt: Wilhelm Genazino unterwegs in Frankfurt Bild: Röth, Frank

Wilhelm Genazino hat ein Frankfurt-Buch herausgebracht. „Tarzan am Main - Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ handelt vom Flanieren und Schreiben.

          Hässlich, abstoßend, ordinär, spießig. Wilhelm Genazino hält gewissenhaft fest, wie Frankfurt gerne genannt wird, die seltsame Scheinriesenstadt, die vom Flugzeug aus erst in Wiesbaden und Hanau zu enden scheint, deren Wolkenkratzermitte sich nach der Landung aber in wenigen Minuten durchqueren lässt. Wie es anders geht, zeigt der Schriftsteller in „Tarzan am Main“. Sein neues, seit gestern erhältliches Buch hat Genazino zu seinem siebzigsten Geburtstag in der vergangenen Woche vorgelegt, am 4. Februar präsentiert er es von 19.30 Uhr an im Literaturhaus. In den prägnanten Skizzen dieser „Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ hat auch Genazino selbst einiges zu sagen zur „Problemzone“ Hauptwache und zur Zeil, für ihn „Frankfurts vielleicht heikelstes Kapitel“, einst „eine Art Abstellplatz für ältere Kaufhäuser“, mittlerweile aufgehübscht, aber noch immer nicht schön. Und daher bestes Beispiel für die These des Autors, die Dynamik des Kapitals führe zwar zum fortlaufenden Stadtumbau, sei aber nicht darauf angelegt, zu gefallen.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für den Schriftsteller ist die Stadt gerade darum geeignetes Terrain. „Das Umhergehen in vollständig kommerzialisierten Umgebungen macht uns zu Minimalisten des Sehens, die sich schon mit kleinen Entdeckungen zufriedengeben müssen.“ Das Buch vom ästhetisch genügsamen, aber entdeckungsfreudigen Spaziergänger durch Frankfurts Baustellen erlaubt es diesem zurückhaltenden Schriftsteller daher auch, ein wenig von sich selbst und seinem Schreiben zu sprechen, ohne davon viel Aufhebens machen zu müssen.

          Von Baum zu Baum

          Sich selbst beobachtet Genazino so genau wie seine Stadt. Der Tarzan des Titels ist er selbst, der als zehn Jahre alter Junge im zerstörten Mannheim mit dem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des nächsten Krieges rechnet, vorher auswandern will und in den Comics seines Freundes Günter täglich davon liest, wie Tarzan sich an langen Lianen von Baum zu Baum schwingt. „Das wollte ich im Dschungel genauso machen. Wir würden uns eine Baumhütte bauen, dort würden wir den Krieg überleben.“

          Wilhelm Genazino in seiner Wohnung im Frankfurter Westend

          Später zieht der Schüler, der sich einen Stock als Waffe schnitzt, wegen eines Redakteurspostens bei der Satirezeitschrift „Pardon“ nach Frankfurt, kein Herr des Großstadtdschungels, sondern Angestellter in der typischen Angestelltenstadt, der darüber nachdenkt, einen Roman über seinen Vater zu schreiben, den Arbeiter, den er seit dem Krieg nur noch verängstigt und anpassungsbereit erlebt hat. „Der Angestellte dagegen spekuliert, spintisiert und illusioniert, er lebt öfter in Möglichkeiten als in Realitäten.“ Damit ist er verwandt mit dem Romanautor, der die Gegebenheiten der Wirklichkeit ebenfalls umherrückt und neu verbindet. In ihn verwandelt sich Genazino endgültig, nachdem er entlassen worden ist und sich einige Jahre als freier Autor für den Hessischen Rundfunk durchgeschlagen hat.

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