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Fotoausstellung über Kriegsversehrte : Wunden, Schnitte, Narben

Berührende Bilder: Bryan Adams. Joe Townsend“, 2013, aus der Serie „Wounded: The Legacy of War“ Bild: Kunsthalle Mainz

Vom Krieg gezeichnet: Die Doppelausstellung von „Les Gueules Cassées“ und „Wounded - The Legacy of War“ des Rockmusikers Bryan Adams kann man nachdrücklich empfehlen. Zu sehen sind die Bilder in der Kunsthalle Mainz.

          Am Anfang stand der Blick aus dem Fenster. Ein nachgerade klassisches Motiv der Kunstgeschichte eigentlich, nur dass Thomas Trummer nicht etwa Künstler ist, sondern Direktor der Kunsthalle Mainz. Und erklärtermaßen künstlerisch auch nicht den geringsten Ehrgeiz hat. Doch wenn der Österreicher von seinem Büro im Mainzer Zollhafen nach draußen schaut, dann sieht er nicht nur die Hafenanlagen, die Baustelle oder das historische Weinlager. Vielmehr geht sein Blick weiter und über den Rhein.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und was er dort tagtäglich sieht, das sind die Kampfhubschrauber der Amerikaner, die den Fluss hinauf gedröhnt kommen, um dann abzudrehen in Richtung Erbenheim zum Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa. Das mag für die Bewohner der Region nicht eben weltbewegend sein, schließlich kennt man derlei Bilder hier schon seit Jahrzehnten. Und doch fing für Trummer als - neben Markus Schinwald - Co-Kurator der aktuellen Präsentation mit diesem Blick aus seinem Fenster alles an. Und mit der Frage, warum heute praktisch keine Bilder von Verwundeten etwa aus dem Irak oder Afghanistan in den Medien zu sehen sind, die doch meist nach Deutschland geflogen werden, während die Versehrten, Veteranen und Kriegskrüppel nach dem Ersten Weltkrieg ein beinahe alltäglicher Anblick waren.

          Aus dem Werk von Bryan Adams: Fotos versehrter Soldaten, aus der Ausstellung „Bryan Adams - Exposed“ Bilderstrecke
          Aus dem Werk von Bryan Adams: Fotos versehrter Soldaten, aus der Ausstellung „Bryan Adams - Exposed“ :

          „Zerschmetterte Gesichter“

          Herausgekommen ist mit der Gruppenschau „Les Gueules Cassées“ sowie mit Bryan Adams „Wounded - The Legacy of War“ eine nicht nur den Namen nach hochkarätige Doppelausstellung, die man nur nachdrücklich empfehlen kann. Dabei wollte Trummer „niemals eine Ausstellung zu diesem Thema machen“ oder sich, schlimmer noch, am Ende gar einreihen in den allgemeinen Jubiläumsreigen zum Thema 100 Jahre Erster Weltkrieg. Jedenfalls nicht mit einer historische Aufarbeitung. Und das ist die Schau mit dem drastischen französischen Titel der „Zerschmetterten Gesichter“ oder, wörtlich: „Fressen“ gottlob auch nicht geworden. Vielmehr setzt sie ganz auf die Perspektive der Kunst. Und der Gegenwart.

          Das gilt für alle elf eingeladenen Positionen, auch wenn zahlreiche Künstler wie Tacita Dean, die junge Französin Agnès Geoffray oder Peter Piller, der gefundene Postkarten von Blindgängern, wie sie die Soldaten seinerzeit von der Front nach Hause schickten, kommentarlos auf Posterformat aufgeblasen hat, bevorzugt mit gefundenen historischen Materialien arbeiten. Worum es aber geht, ist nicht ein Bebildern des Grauens, der „Stahlgewitter“ und also des historischen Geschehens. Es sind die Wunden, Schnitte, Narben, wie sie sich im Spiegel der aktuellen Kunst mal mehr, mal weniger gebrochen zeigen.

          Animierte „Kriegskrüppel“ von Dix

          Schinwald selbst, der Österreich vor drei Jahren auf der Biennale repräsentiert hat, ist mit seiner 2001 entstandenen Serie von digital bearbeiteten Lithographien des 19. Jahrhunderts in der Schau vertreten, auf denen die so stolz für die Kamera posierenden Honoratioren einer anderen Zeit merkwürdige Masken und Prothesen tragen, während William Kentridge mit „Zeno Writing“ die Geschichte von Italo Svevos Romanheld Zeno Cosini auf großer Leinwand in animierte Bilder übersetzt. Die gar nicht einmal heimliche Pointe der Ausstellung aber wartet noch auf den Betrachter. Dabei gehören die Aufnahmen des vornehmlich als Musiker weltbekannten Kanadiers Bryan Adams streng genommen gar nicht zu der Schau dazu.

          Doch schon während man noch gebannt vor Karlheinz Stockhausens „Quartett für vier Violinen und vier Helikopter“ steht, mit dem die Kuratoren das Erdgeschoss beschallen, kommt man allmählich wieder im Kontext der Welt des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts an. Und dann steht man, kaum hat man Otto Dix’ von Yael Bartana animierte „Kriegskrüppel“ im ersten Stock des Turms passiert, nur ein paar Treppen weiter gleichsam mittendrin im Bild. Genau vor Adams im vergangenen Jahr meist in Schwarzweiß aufgenommenen britischen Veteranen in klinisch weißen Räumen nämlich, denen nach ihren Einsätzen im Irak und in Afghanistan mal ein Arm und mal der Fuß fehlt oder die an beiden Beinen statt des Holzbeins früherer Zeiten moderne Prothesen tragen.

          Die Narben bleiben

          Und wenn man sich umdreht, weg von diesen unmittelbar berührenden, nie aber den Menschen vorführenden Bildern, sieht man durch das Panoramafenster genau jenes Bild, das Thomas Trummer vor Jahresfrist gesehen haben muss und mit dem die Arbeit an dieser Ausstellung begann: Tief unten, hinter dem Weinlager, wiegt der alte Vater Rhein die Hüften und fließt nun Richtung Westen, und am Horizont, am anderen Ufer, ahnt man schon den Flugplatz Erbenheim. Jetzt muss man nur ein bisschen warten, dann wird man sie bald hören. Und die Helikopter schweben vorbei wie jeden Tag an diesem Ort. Mag sein, die Schnitte, Wunden, Traumata des modernen Krieges sieht man nicht. Keine Frage aber, dass die Narben bleiben.

          Die Ausstellung in der Kunsthalle Mainz, Am Zollhafen 3-5, ist bis 8. Juni dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

          Quelle: F.A.Z.

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