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Forschende Mediziner : Nach dem Klinikdienst zur Nachtschicht ins Labor

Einblick in die Wissenschaft: Sammy Patyna schreibt seine experimentelle Doktorarbeit in der Frankfurter Pharmakologie. Bild: Cornelia Sick

Nur wenige Medizinstudenten interessieren sich für die Forschung. Niedrige Löhne und hohe Arbeitsbelastung wirken abschreckend. Die Unis überlegen, wie sie trotzdem Nachwuchs gewinnen.

          Den „Pipettier-Führerschein“ hat Sammy Patyna schon im Biochemiepraktikum gemacht, ziemlich zu Anfang seines Medizinstudiums. Im Pharmakologie-Labor, in dem er jetzt arbeitet, ist allerdings noch mehr Fingerfertigkeit beim Verfrachten winziger Flüssigkeitsmengen gefragt, als Patyna damals beweisen musste. Für seine Doktorarbeit untersucht er Blut- und Urinproben, um die Rolle bestimmter Fettverbindungen bei der Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes aufzuklären. Um Arzt zu werden, hat er erst Unmengen Theorie gepaukt und dann das Behandeln von Patienten geübt - Laborhandwerk spielte im Lehrplan keine große Rolle. Der Umgang mit Pipette, Zentrifuge und Mikroskop sei denn auch in den ersten Tagen „sehr ungewohnt“ gewesen, berichtet Patyna.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Man stellt sich anfangs doch ziemlich tolpatschig an“, gibt auch Christian Erbelding zu. Er hat seine Doktorarbeit, eine Auswertung von Behandlungsdaten, schon abgegeben - und stellt jetzt fest, dass auch Laborforschung spannend sein kann. Im Institut für Allgemeine Pharmakologie der Frankfurter Uni-Medizin isoliert er als Praktikant Zellen aus Mäuse-Nieren und friert sie für weitere Untersuchungen ein. Postdoktorand Alexander Koch zeigt ihm, wie man steril an der Laborbank arbeitet und Überstände sauber aus Zentrifugenröhrchen absaugt. „Wenn sie hierherkommen, können sie kaum was“, sagt Koch über die Studenten, ohne böse zu klingen. Die wiederum bescheinigen ihm, dass er sich viel Mühe mit ihnen gebe: Die Betreuung hier am Institut sei sehr gut, finden sie.

          Patyna und Erbelding gehören zu einer raren Spezies von Medizinstudenten: Sie interessieren sich für Forschung. Das tun viel zu wenig angehende Ärzte, wie jüngst das Fachmagazin „Beiträge zur Hochschulforschung“ feststellte. In dem Artikel zitieren die Autoren Erhebungen, denen zufolge 72 Prozent der Nachwuchsmediziner eine rein klinische Tätigkeit anstreben. Gerade einmal zwei Prozent können sich demnach vorstellen, rein wissenschaftlich zu arbeiten. Und nur ein Drittel der Befragten erwarte zumindest, dass ihr Studium sie befähige, Forschungsmethoden selbständig anzuwenden. Die fatale Folge sei, dass es zu wenig experimentelle Doktorarbeiten gebe und inzwischen ein Mangel an forschenden Ärzten bestehe, urteilen die Verfasser.

          60 bis 70 Wochenstunden in Arzt-Ausbildung investiert

          Im Grundsatz haben sie damit recht, meinen die Dekane der hiesigen Fakultäten. „Die Mediziner sind heute wenig wissenschaftsaffin“, sagt etwa Ulrich Förstermann, Wissenschaftlicher Vorstand der Mainzer Universitätsmedizin. Darunter leide vor allem die translationale Medizin, die Forschungsergebnisse für neue Therapien nutzbar mache. Wer sich als Jung-Arzt auf diesem Gebiet hervortun wolle, habe einen „harten, steinigen Weg“ vor sich. Er müsse seine Laborarbeit voranbringen und sich gleichzeitig um Kranke kümmern. Ohne Wochenend- und Nachtschichten sei das nicht zu schaffen, doch solchem Stress wollten sich immer weniger junge Menschen der „Generation Y“ aussetzen: Ihnen sei ein erfülltes Familienleben oft wichtiger, glaubt Förstermann.

          Sammy Patyna schätzt, dass er derzeit 60 bis 70 Wochenstunden in seine Arzt-Ausbildung investiert. Wie die meisten Nachwuchsmediziner hat er seine Doktorarbeit schon während des Studiums begonnen, jetzt ist er im achten Semester. Etwa acht Stunden in der Woche steht er im Labor, den Rest der Zeit ist er mit Praktika, Famulatur und Lernen beschäftigt. Chef des Instituts, in dem Patyna promoviert werden will, ist Josef Pfeilschifter, gleichzeitig Dekan des Frankfurter Uni-Fachbereichs Medizin. Der Pharmakologe kennt außer der zeitlichen Belastung noch einen weiteren Grund, der Medizinstudenten die Forschung verleidet: Arztstellen in Kliniken seien deutlich besser dotiert als Wissenschaftlerstellen an Instituten. „Das kann mehrere hundert Euro im Monat ausmachen.“

          Doktortitel ist nicht gleich Doktortitel

          Wer nach der Doktorarbeit eine Forscherkarriere anstrebt, liefert sich vollends den Unwägbarkeiten des Wissenschaftsbetriebs aus: Mittelbaustellen sind praktisch immer befristet, und nur die Besten haben irgendwann die Chance auf eine Professur. Praktizierende Ärzte müssen sich dagegen um ihr Auskommen in der Regel keine Sorgen machen: „Die finden alle einen Job“, sagt der Mainzer Medizin-Vorstand Förstermann.

          Was tun, um junge Leute trotzdem für die Forschung zu begeistern? Einig sind sich die Dekane, dass die Lust auf Wissenschaft früh geweckt werden sollte. „Es muss im ersten Semester losgehen“, fordert der Mainzer Medizin-Prodekan Stephan Letzel. Leicht gesagt, angesichts eines verschulten Lehrplans, der Medizinstudenten erst einmal mit naturwissenschaftlichen Grundlagen traktiert. Später im Studium gibt es mehr Chancen, mit dem Fortschritt in Berührung zu kommen, doch sie werden oft nicht genutzt. In Mainz etwa gibt es drei Wahlpflichtwochen, und nur drei Prozent der Studenten verbringen sie in einer Forschungseinrichtung. Das soll sich jetzt ändern: Zumindest eine Woche Forschungsaufenthalt wird laut Förstermann demnächst für alle vorgeschrieben.

          Um wirklich tief in die Wissenschaft einzutauchen, dient üblicherweise die Doktorarbeit. In der Medizin aber stimmt das nur bedingt. Auch wenn es den Frankfurter Dekan Pfeilschifter ärgert, dass Dissertationen in seinem Fach pauschal eine schlechtere Qualität unterstellt wird, dürfte doch der Anteil der Arbeiten, die nur um des Titels willen verfasst werden, deutlich höher sein als in anderen Fächern. „Viele Studenten wollen nicht qualifiziert promovieren, sondern wünschen sich den Doktor zur Erhöhung ihrer beruflichen Attraktivität“, sagt Wolfgang Weidner, Dekan des Gießener Uni-Fachbereichs.

          Promotionsquote bei den Medizinern sinkt

          In Mainz ist nur ein Drittel der Doktoranden in einem Labor tätig, die anderen werten oft Behandlungsdaten aus. Auch das kann wissenschaftlich relevant sein, aber wer eine gute Note will, bemüht sich besser um ein experimentelles Projekt - auch wenn die Ansage nicht überall so klar ist wie in Frankfurt. Dort gibt es laut Pfeilschifter ein „magna cum laude“ nur für Laborarbeiten; für ein „summa cum laude“ wird eine Erstautoren-Publikation in einem renommierten Fachjournal erwartet.

          In Frankfurt und Mainz wollen die Dekane den Anteil der praktischen Dissertationen erhöhen, und Pfeilschifter findet es auch nicht schlimm, dass die Promotionsquote bei den Medizinern generell sinkt. In Frankfurt betrage sie jetzt nur noch 50 Prozent, früher habe sie bei über 80 Prozent gelegen. Aus Gießen berichtet Dekan Weidner Ähnliches.

          Um die Qualität der Arbeiten zu steigern, setzen die Fakultäten immer öfter auf strukturierte Programme: Dort ist die Betreuung der Doktoranden meist besser organisiert, und sie besuchen zusätzlich zu ihrer Arbeit Fortbildungskurse. Wenig Anklang findet dagegen die Idee, für forschungsaffine Nachwuchsmediziner eigene Studiengänge zu schaffen. „Solche Versuche gab es schon, die sind alle schiefgegangen“, meint der Mainzer Professor Förstermann.

          Verstehen, „wie Wissen generiert wird“

          Auch für Marline Gebert wäre so ein Angebot nicht verlockend gewesen - obwohl sie zur Gruppe der praktisch forschenden Doktoranden gehört. Die 27 Jahre alte Medizinerin hat ihre Dissertation in Pfeilschifters Pharmakologie-Institut inzwischen fast abgeschlossen. „Ich will auf jeden Fall Ärztin bleiben“, der Kontakt zu den Patienten sei ihr wichtig, macht sie deutlich. Für die Laborarbeit hat sie sich aus zwei Gründen entschieden. Zum einen wollte sie aus eigener Anschauung verstehen, „wie Wissen generiert wird“. Zum anderen hofft sie, dass ihr die Forscher-Erfahrung später im ärztlichen Alltag helfen wird - zum Beispiel dann, wenn es darum geht, Studien richtig zu beurteilen.

          Gebert bekam für ihre Arbeit ein Stipendium in Höhe von 770 Euro im Monat. Als Ärztin in der Klinik hätte sie mehr verdient, wie sie weiß. Doch der Einblick in die Wissenschaft wiegt für sie den finanziellen Nachteil auf. „Ich bereue es nicht, dass ich mit der Arbeit im Labor den anstrengenderen Weg gewählt habe.“

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