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Forensischer Gutachter im Gespräch Ich bin Arzt und kein Prophet

Warum quält ein Sadist andere, warum tötet einer? Wie muss er dafür büßen? Lothar Staud ist forensischer Psychiater. Als Gerichtsgutachter beurteilt er, ob Straftäter ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gehören. Ein Gespräch über Schuld und Reue, Verantwortung und Fehler.

© Eilmes, Wolfgang Etwa drei Stunden spricht Lothar Staud in seiner Praxis in Bad Vilbel mit seinen Probanden. Manchmal vereinbart er dann einen weiteren Termin, oft weiß er aber auch nach dem ersten Gespräch schon Bescheid.

Herr Staud, gibt es das Böse im Menschen?

Daran habe ich keinen Zweifel. Es gibt Menschen, die immer ihren Zorn geschluckt haben. Und plötzlich greifen sie nach einem Reizwort zum Messer und schneiden ihrer Frau den Hals durch. Die stellen dann überrascht fest, dass ihre Hände voller Blut sind. Bei diesen Menschen unterstelle ich Schicksal und ein Ausgeliefertsein an eine Charaktereigenschaft. Es gibt aber auch Menschen, die sich einfach dazu entschließen, sich immer für sich zu entscheiden - auch dann, wenn es auf Kosten anderer geht. Ich weiß von Kindern, die von reichen Eltern aus Heimen adoptiert wurden. Und die holten dann später jemanden, der die Eltern umbringt, um früher ans Erbe zu kommen. Das Böse gibt es schon.

Ist es Ihre Aufgabe, das zu erkennen?

Nein. Das Werturteil ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft und der Richter. Meine Aufgabe ist es, zu erkennen, ob jemand bei der Begehung einer Tat krank war.

Wie geht das?

Es gibt zum Beispiel Schizophrene, die haben eine doppelte Buchführung. Sie sind zwar von ihrem Wahn überzeugt, versuchen aber, die Dinge so darzustellen, wie es der Gesunde erwartet. Das bekommt man nur heraus, wenn man lange mit jemandem redet. Dann gibt es aber solche, die so schwer gestört sind, dass es für sie nichts außer dem Wahn gibt. Es gab in Darmstadt mal einen Mann, der glaubte, an der Farbe der Krawatten die Illuminaten zu erkennen, die es umzubringen galt. Da habe ich mal auf die Uhr geschaut, um zu erfahren, ab wann für mich klar war: Der Mann ist völlig verrückt, und die Gesellschaft muss vor ihm geschützt werden. Das waren in diesem seltenen Fall nur sieben Minuten.

Schizophrene zeigen kaum Empathie

Wenn jemand eine Straftat begangen hat und krank ist, dann ist das ein Strafmilderungsgrund. Könnte ich Ihnen vorspielen, ich würde glauben, dass die Illuminaten alle rote Krawatten trügen und ich sie umbringen müsse?

Ich hatte mal einen Psychologen zu begutachten, der zwanzig Jahre zuvor zwei junge Frauen umgebracht hatte. Der hat versucht, mir eine Schizophrenie vorzumachen. Ich habe zu ihm gesagt, er soll mir mal genau beschreiben, was die Stimmen zu ihm sagen. Die Stimmen, die Schizophrene hören, haben meistens eine kurze Grammatik. Also: „Steh auf!“ Oder: „Bring ihn um!“ Der Psychologe dagegen redete von ganz langkettigen Sätzen, die er angeblich hören würde. Ein weiteres Zeichen dafür, dass jemand wirklich Stimmen hören könnte: Er schaut im Gespräch ab und zu mal kurz nach links oder nach rechts, also dahin, wo er gerade die Stimme gehört hat. Auch zeigen Schizophrene kaum Empathie oder andere soziale Regungen. Das kann von Gesunden nicht lange imitiert werden. Ich merke im Laufe der Zeit also schon, dass mich jemand reinlegen will.

Werden Sie oft belogen?

Ja.

Wie finden Sie heraus, dass jemand lügt?

Ich würde nie in ein Gutachten reinschreiben, dass jemand lügt. Das zu beurteilen ist Sache des Richters. Ich schreibe: Das, was jemand gesagt hat, ist mit meinen klinischen Erfahrungen nicht zu vereinbaren. Der Täter darf lügen, das steht ihm im Strafrecht zu. Er verspielt damit nur den Strafmilderungsgrund eines offenen Geständnisses. Lügen sind von Bedeutung, wenn ich eine Prognose über künftige Taten abgeben soll. Wenn jemand sagt, er habe nie im Leben Frauen an Heizkörper gefesselt, aber das Gericht hat ihn deshalb verurteilt, dann kann ich davon ausgehen, dass er seine begangene Tat nicht verarbeitet hat.

Wenn jemand seine Tat bereut, wird er häufig milder verurteilt. Was ist echte Reue?

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