03.02.2012 · Im Frankfurter Portikus ist die Ausstellung „Mengele’s Skull - The Advent of a Forensic Aesthetics“ zu sehen. Als Genre ist sie ziemlich ungewohnt.
Von Konstanze Crüwell, FrankfurtAls Genre ziemlich ungewohnt ist die Ausstellung „Mengele’s Skull“ („Mengeles Schädel“), die am Freitag im Frankfurter Portikus eröffnet wurde. Vorgestellt wird ein gleichnamiges Buch mit dem erklärungsbedürftigen Untertitel „The Advent of a Forensic Aesthetics“ („Der Aufstieg der forensischen Ästhetik“). Die Autoren, Eyal Weizman, Architekturprofessor an der Londoner Goldsmith Universität, und Thomas Keenan, der Literaturtheorie und „Human Rights“ am Bard College lehrt, sind beide Gastprofessoren an der Frankfurter Städelschule gewesen. Jetzt präsentieren sie im Obergeschoss des Portikus eine Videodokumentation zu ihrem Buch.
Gezeigt wird, wie in São Paulo im Jahr 1985 die Leiche von Joseph Mengele exhumiert wurde, der niemals für seine grauenvollen Menschenversuche als berüchtigter Lagerarzt in Auschwitz hatte büßen müssen, da er sich nach dem Krieg in Südamerika unter falschem Namen versteckte. Der Schädel des 1979 gestorbenen nationalsozialistischen Verbrechers wurde von dem forensischen Pathologen Clyde Snow und seinen Mitarbeitern untersucht, präzise vermessen und anschließend fotografiert. Die Fotos vom Schädel Mengeles wurden danach durch das Verfahren der Bildmischtechnik in alte Fotografien Mengeles eingefügt, die sich erhalten hatten. Es ergaben sich perfekte Übereinstimmungen beispielsweise der Nasenflügel, der Mundöffnung oder der Stellung der Ohren. Als Resultat wurde eine nahezu unbestreitbare Identität festgestellt.
Was aber mag der Erkenntnisgewinn für den Betrachter sein, der darin liegt, dass es sich bei der Leiche auf dem fernen südamerikanischen Friedhof tatsächlich um den schrecklichen Lagerarzt Mengele gehandelt hat? Anselm Franke, Kurator der Ausstellung, sieht in der Identifizierung von Mengeles Totenschädel den Beginn einer grundsätzlichen Wende. Die Ära der Zeitzeugen, die oft mit Erinnerungsschocks oder der Unfähigkeit verbunden gewesen sei, sich zu artikulieren, habe ihr natürliches Ende gefunden. Sie sei von einer „Ära der Forensik“ abgelöst worden, die sich neuer Technologien bediene.
Die Bedeutung dieser forensischen Methodik ist für Franke eine doppelte. Es sei jetzt möglich, auch nach vielen Jahren die Gewalt aufzudecken, die Opfern einst zugefügt worden sei. Bei Leichen von Verbrechern hingegen diene die Forensik als eine Art Ersatz für den Strafprozess, dem sie sich einst durch Flucht hätten entziehen können. Franke verweist auf die Etymologie des Wortes „Forensik“, das sich vom lateinischen „forum“ ableite, dem Marktplatz, auf dem Gerechtigkeit gesprochen wurde. Es gehe um Öffentlichkeit: So komme es immer öfter zu Exhumierungen, ob in Spanien oder in Guatemala. Ein weiteres Video, auf dem mehrere Experten Leibniz’ Schädel in der Hand halten und sich sehr kontrovers über seine Echtheit äußern, zeigt Hito Steyerl oben neben den Dokumentationen. Im Hauptraum unten präsentiert sie „The Kiss“, einen faszinierenden Film, in dem sie eine leider wahre Schreckensgeschichte aus dem Bosnien-Krieg schildert, die sie mit forensischer 3D-Technologie fiktionalisiert und damit noch bedrohlicher macht.
Die Ausstellung ist bis 6. Mai im Frankfurter Portikus, Alte Brücke 2, zu sehen und dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie mittwochs von 11 bis 20 Uhr geöffnet.