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Fonds mit langer Laufzeit für 85 Jahre alte Frau Alles genau protokolliert

Die Fraspa hat einer 85 Jahre alten Frau einen Fonds verkauft, der bis 2024 läuft. Die Sparkasse meint, sie habe nichts falsch gemacht.

© dpa Vergrößern Vertrauensgeschäft: Der Bankberater muss seinen Kunden transparent und ehrlich beraten.

Frau D. aus Frankfurt könnte jetzt mit einem Sonderzug nach Pankow reisen. Sie könnte sich in dem Berliner Stadtteil ein großes Gebäude ansehen, das die Deutsche Bahn AG für eine Betriebszentrale gemietet hat, von der aus ihr Verkehr unter anderem in Brandenburg gesteuert wird, und sie könnte sagen: Ein Stückchen von dem Haus gehört mir.

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Denn Frau D. hat sich mit 20.000 Euro an einem geschlossenen Immobilienfonds beteiligt, dem wiederum dieses Gebäude gehört. Die Reise allerdings wird nicht stattfinden. Frau D. ist inzwischen 87 Jahre alt, und es geht ihr nicht gut, wie ihr Schwiegersohn sagt. Er fragt sich: Warum hat die Frankfurter Sparkasse der alten Dame vor zwei Jahren die Beteiligung an einem solchen Fonds überhaupt verkauft? Schließlich ist der Fonds eine langfristige Geldanlage bis 2024, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Lebenszeit von Frau D. weit überschreiten wird.

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Zur Hälfte an die beiden Kinder

Dies könnte eine dieser Geschichten werden, die man manchmal abends in den Krawallmagazinen im Fernsehen sieht. Gierige Bank dreht unbeholfener Greisin Schrott an. Wenn man sich alles anschaut, ist es aber viel komplizierter. Anschauen ist dabei gar nicht schwer, denn heutzutage wird bei den Geldinstituten alles dokumentiert. So ist es Vorschrift. Und deshalb steht also in dem sieben Seiten langen Protokoll des Vermittlungsgesprächs, das der Schwiegersohn bereitstellt, alles drin: Dass das erste Gespräch am 31.August 2011 von 15.30 bis 18 Uhr gedauert hat und das zweite am 16.September von 14.15 bis 15.30 Uhr, dass Frau D. keine Erfahrungen mit geschlossenen Fonds hat und ihr Geld sicherheitsorientiert anlegen möchte, dass die Bank bis zu zwölf Prozent Provision erhält und für welches Gebäude der Fonds der Hannover Leasing, einer Tochtergesellschaft der Helaba, das Geld anlegt, dass die Laufzeit „14,5 Jahre“ beträgt.

Es steht auch in dem Protokoll, dass Frau D. nach ihrem Tod die Anteile je zur Hälfte ihren beiden erwachsenen Kindern vererben möchte. „Die Anlage soll als Vermögensoptimierung für die Kinder sein, auf die Alterssituation der Kundin wurde eingegangen“, hat die Beraterin der Fraspa in Schönschrift ergänzend notiert. Und auch, dass Frau D. für den Erwerb der Anteile an dem Immobilienfonds BASF-Aktien verkauft, „ohne Beratung“. Denn auch wenn es keine Beratung gibt, muss das heutzutage in einem Beratungsprotokoll vermerkt werden.

Der Hinweis steht auf Seite 16

Der Schwiegersohn hat von dem Geschäft erst später erfahren, als sich der Zustand von Frau D. deutlich verschlechterte. Und ist nun ausgesprochen verärgert. Die BASF-Aktien, die seine Schwiegermutter hergab, seien seitdem um 62 Prozent gestiegen, klagt er. Und außerdem: Wenn der Mietvertrag mit der Deutschen Bahn 2018 auslaufe, könne der Fonds notleidend werden. Vor allem aber: „Warum halten Sie einen geschlossenen Immobilienfonds, der frühestens 2024 verkäuflich ist, für eine gute Geldanlage für eine 86jährige Frau?“ Das hat er die Fraspa im Januar gefragt.

Seitdem hat man mehrere Briefe hin und her geschrieben und sich Anfang Juli auch getroffen. Die Sparkasse meint, sie habe nichts falsch gemacht. Frau D. seien Unterlagen über den Fonds ausgehändigt worden, in denen auf Seite 16 zu lesen sei, dass „die Risiken zu einem vollständigen Verlust des investierten Kapitals“ führen können. Der Hinweis auf die Vererbung der Fondsanteile zeige, dass Frau D. den Kauf im vollen Bewusstsein ihres Alters getätigt habe. Und bei den BASF-Aktien habe die Mitarbeiterin der Fraspa Frau D. mitnichten falsch beraten. Es stehe ja gerade im Protokoll, dass es gar keine Beratung gegeben habe.

Schwiegersohn fordert Rückabwicklung

Der Schwiegersohn ließ nicht locker. Er monierte, dass Frau D. angegeben habe, sie wolle nur sicherheitsorientiert anlegen, wovon aber bei einem geschlossenen Immobilienfonds nicht die Rede sein könne, und er bezeichnete es als zynisch, eine alte Frau auf einen dicken Verkaufsprospekt zu verweisen, in dem es versteckt einen Hinweis auf Risiken gebe. Sein Schwiegervater habe die Gespräche mit der Anlageberaterin der Fraspa auch ganz anders in Erinnerung, als es sich im - auch von Frau D. unterzeichneten - Vermittlungsprotokoll wiederfinde. So habe die Fraspa-Mitarbeiterin behauptet, der Fonds könne jederzeit zurückgenommen werden. Auch die Provision sei im Gespräch selbst verschleiert worden.

Der Schwiegersohn fordert deshalb die Rückabwicklung des Geschäfts. Die Fraspa wiederum hat in einem Schreiben noch einmal festgehalten, ihr sei ein Beratungsfehler nicht nachzuweisen. Auch wer sich als sicherheitsorientierter Anleger bezeichne, könne im Einzelfall davon abweichen. Frau D. habe ja zum Beispiel auch früher schon Aktien gekauft.

Es hätte andere Möglichkeiten zur Geldanlage gegeben

Was lehrt der Fall? Das Beratungsprotokoll mag jemandem, der öfter Geldgeschäfte tätigt, als ärgerliche Bürokratie erscheinen. Wenn es hinterher Streit gibt, ist es aber doch hilfreich. Sonst ließe sich wild spekulieren, was in dem beiden Gesprächen 2011 thematisiert wurde. Tendenziell hilft ein solches Protokoll aber der Bank, wie Verbraucherschützer seit Jahren behaupten und auch dieser Fall zeigt. Die Fraspa hat sich viel Mühe gegeben, auf die Beschwerden des Schwiegersohns zu reagieren. Verärgert bleibt der trotzdem. Der Immobilienfonds, der bisher stets wie angekündigt solide 6,25 Prozent ausgeschüttet hat, ließe sich lediglich mit Abschlag auf dem Zweitmarkt verkaufen.

Hätte sich die Beraterin anders verhalten sollen? Musste sie wirklich eine bis 2024 laufende Geldanlage einer Fünfundachtzigjährigen empfehlen? Es gibt doch so viele andere Möglichkeiten auf dem Kapitalmarkt. Andererseits: Bis zu welchem Alter darf man jemandem überhaupt noch solch einen Fonds empfehlen? Es gibt eine Verantwortung beider Seiten in einem solchen Geschäft, die sich nicht an Protokolle und Prospekte delegieren, die sich auch nicht in Regeln fassen lässt. Man kann halt nicht genug aufpassen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 05.08.2013, 17:29 Uhr

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