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Stadtentwicklung : Liebe zur City spaltet die Gesellschaft

Wohnen im Zentrum: Bei jungen, gut verdienenden Leuten beliebt, für alteingesessene Bewohner oft unbezahlbar. Bild: Hedwig, Victor

Inhabergeführte Läden werden in Innenstädten immer seltener. Dafür zieht es vor allem junge Leute in die zentralen Viertel. Ein Sozialwissenschaftler spricht in Darmstadt über die Folgen.

          Wohnungen in städtischen Innenstädten sind immer gefragter, aber diese Entwicklung kann eine „Spaltung der Stadtgesellschaft“ bewirken. Diese These hat der Sozialwissenschaftler Walter Siebel, Professor an der Universität Oldenburg, in einer Podiumsdiskussion in Darmstadt vertreten, zu der die Schader-Stiftung eingeladen hatte. Die Kräfte, die die „Suburbanisierung“, also den Drang in die Vororte und ins Umland der Großstädte, vorangetrieben haben, werden nach Ansicht des Wissenschaftlers schwächer. Die Viertel im Stadtkern seien auch deshalb wieder beliebt, weil die Dienstleistungs- und Wissensökonomie gut dorthin passe.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es zögen aber nicht alle Gruppen der Bevölkerung in die zentralen Wohnviertel, die im historischen Teil der Städte lägen. In die Innenstadt zögen weniger Familien als gut verdienende junge Leute. So komme es zu einer Spaltung und einer „kulturellen Verdrängung“, wenn die steigenden Mieten in einem Gründerzeitviertel für dessen alteingesessene Bewohner unbezahlbar würden. Sie fühlten sich im eigenen Viertel nicht mehr zu Hause. Das Leben in den gefragten Gegenden könnten sich diejenigen, die einfache Dienstleistungen anböten, nicht mehr leisten, was zum Beispiel auch auf die Beschäftigten der jeweiligen Stadtverwaltung zutreffe.

          Handel im Stadtkern leidet

          Siebel machte noch eine zweite negative Wirkung des Trends aus. Denn nach seiner Ansicht verliert der Stadtkern dadurch seine „Marktfunktion“. Das hänge mit dem Bedeutungsverlust des Einzelhandels zusammen, denn bei den Geschäften gebe es eine immer stärkere Fluktuation.

          Beim klassischen Modell des inhabergeführten Ladens, der immer seltener werde, gehöre dem Händler auch das Haus, in dem er verkaufe, deshalb sei der Geschäftsmann sehr an den Standort gebunden. Die Filialisten von heute seien dagegen nur Mieter und könnten ein Ladenlokal einfach wieder verlassen.

          Gerade in kleinen und mittelgroßen Orten leide der Handel im Stadtkern darunter, dass sich außerhalb Fachmärkte ansiedelten. Dass immer mehr Menschen immer mehr im Internet bestellten, statt in stationäre Geschäfte zu gehen, trage ein Übriges bei.

          Abhängig von „abwesenden Investoren“

          Es falle auch schwerer, innerhalb der Bewohnerschaft einer Stadt zu Kompromissen zu finden. Denn die Mittelschicht sei in ihrem Alltag weniger an eine Stadt gebunden. Sie lebe in einem Ort, arbeite in einem anderen und kaufe wieder woanders ein. In jedem der Orte sei für sie nur eine Funktion wichtig, zu Hause wolle diese Schicht ein ruhiges Wohnviertel, auf dem Weg zur Arbeit aber eine bequeme Schnellstraße.

          Diese Interessen prallten in der Stadtgesellschaft aufeinander. Gleichzeitig werde die kommunale Selbstverwaltung geschwächt, und die Kommunalpolitik verliere ihre Basis, weil die Stadtentwicklung abhängig von „abwesenden Investoren“ statt von einheimischen Geschäftsleuten sei.

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