http://www.faz.net/-gzg-769qn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.02.2013, 17:20 Uhr

Fluglärmgegner Der Aufstand der Bürger geht weiter

Sie sehen sich nicht als Flughafengegner. Sie zählen auch nicht zu denen, die seit Jahren gegen den Ausbau in Frankfurt kämpfen. Doch seit die vierte Piste in Betrieb ist, protestieren auch Frauen und Männer der bürgerlichen Mitte.

von , Frankfurt
© von Siebenthal, Jakob Immer noch lärmgeplagt: der Niederräder Jochen Krauß.

Das böse Erwachen kam mit der Kanzlerin. Unmittelbar nachdem Angela Merkel am 21.Oktober 2011 zur Eröffnung der vierten Bahn des Frankfurter Flughafens im Regierungsjet eingeflogen war, begann der Betrieb mit vier Bahnen und um 1,4Kilometer nach Norden verschobenen Anflügen. Seither ist in Flörsheim, Niederrad, Oberrad, am Lerchesberg und in den anderen Orten unter den neuen Endanfluglinien nichts mehr, wie es war.

Jochen Remmert Folgen:

Vor einem Jahr überwog der Schock. Der ist gewichen, die Empörung nicht. Denn der Fluglärm ist seither für die, deren Wohnungen, Häuser und Gärten unter den Anfluglinien liegen, zu einem bestimmenden Teil ihres Lebens geworden. Das gilt auch für die drei Niederräder Helmut Mader, Simone Heinrich und Jochen Krauß. Ausgesucht haben die drei sich das so wenig wie die anderen Neubetroffenen. Der Flugbetrieb ist an sie herangerückt, nicht umgekehrt.

Mehr zum Thema

Arbeitet nicht mehr für Flughafenklinik

Heinrich, Krauß und Mader sind dem etablierten Frankfurter Bürgertum zuzurechnen - beruflich, wirtschaftlich, auch privat. Mader ist pensionierter Banker mit erwachsenen Kindern, Heinrich studierte Politikwissenschaftlerin, die in Teilzeit arbeitet, um sich so mit ihrem Mann, einem Klinikarzt, um ihre heute vierjährigen Zwillingsbuben kümmern zu können. Die Schwiegereltern, alteingesessene Niederräder, helfen dabei.

Krauß ist Unfallchirurg und betreibt mit einem Kollegen eine Praxis in Sachsenhausen. Er wohnt ebenfalls mit Frau und zwei Töchtern in dem fast kleinstädtischen Stadtteil. Seinen Nebenjob als Bereitschaftsarzt der Flughafenklinik hat er vor gut einem Jahr hingeworfen. Er habe nicht mehr für ein Unternehmen arbeiten wollen, das derart rücksichtslos mit Menschen umgehe und das den Fluglärm direkt in sein Zuhause und das seiner Familie gebracht habe, sagte er damals.

Sohn eines Fluglotsen

Das vergangene Jahr hat ihn eher bestärkt denn besänftigt. Fraport wolle „die Sache durchzuziehen“. Mit Aktionen wie „Ja zu Fra“ versuche der Flughafenbetreiber offensichtlich, seine eigenen Leute bei der Stange zu halten. An die tatsächlich Betroffenen könne sich eine solche „Show“ nicht richten, sagt Krauß.

Keiner der drei Protestierer hat sich je als Flughafengegner gesehen, sie tun das bis heute nicht. Krauß ist Sohn eines Fluglotsen, Mader war berufsbedingt Vielflieger, schätzt die Nähe zum Flughafen auch heute noch, Heinrich ebenso. Lärmschutzfenster haben alle drei in ihre Häuser einbauen lassen, lange bevor von dem Programm „Passiver Schallschutz“ die Rede war. Sie haben es auf eigene Kosten getan, weil ihnen klar war, dass die Flugzeuge oft in Hörweite von Niederrad zur Landung ansetzen. Dass die Maschinen aber noch einmal knapp anderthalb Kilometer näher kommen würden, damit hatte keiner von ihnen gerechnet.

Sie hätten es schon viel früher wissen müssen

Vielbeschäftigt sind alle drei, interessiert, gut informiert - inzwischen besonders über Fluglärm und über Wege der politischen Teilhabe außerhalb der Wahlkabine. Denn vor etwas mehr als einem Jahr haben sie damit begonnen, sich in der „Bürgerinitiative Eintracht gegen Fluglärm - Niederräder im Protest“ zu organisieren.

Keiner von ihnen bestreitet, dass man es lange vor dem Oktober 2011 hätte wissen und sich schon früher gegen den Ausbau hätte engagieren können. So, wie es beispielsweise die Bürgerinitiative Sachsenhausen seit fast 15Jahren tut. „Aber es ist nun einmal oft so beim Menschen, dass erst die persönliche Betroffenheit ein echtes Problembewusstsein entstehen lässt“, gibt Mader selbstkritisch zu.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Identitäre Bewegung Schmierereien an EZB-Gedenkstätte

Die Gedenkstätte für die Frankfurter Opfer des Nazi-Terrors wurde mit Schmierereien beschmutzt. Im Verdacht steht die rechtsextreme Identitäre Bewegung. Mehr Von Katharina Iskandar und Tobias Rösmann, Frankfurt

20.04.2016, 08:36 Uhr | Rhein-Main
Alter Flugplatz Bonames Frankfurt stoppt Bauarbeiten an Flüchtlingsunterkunft

Das Frankfurter Verwaltungsgericht hat die Stadt Frankfurt aufgefordert, die Bauarbeiten für die Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz in Bonames wegen des von einer Bürgerinitiative beantragten Baustopps bis zur Gerichtsentscheidung ruhen zu lassen. Mehr

03.05.2016, 17:01 Uhr | Rhein-Main
Deutschkurse für Flüchtlinge Die Hauptschule als Chance

Ohne Deutschkenntnisse haben Jugendliche schlechte Bildungschancen. Helfen könnte ihnen ausgerechnet eine Schulform, die viele schon abgeschrieben hatten. Mehr Von Matthias Trautsch, Frankfurt

29.04.2016, 18:06 Uhr | Rhein-Main
Animation Game-of-Thrones"-Drachen werden in Deutschland ausgebrütet

Selbst eingefleischte Fans der Kult-Serie Game of Thrones" wissen nicht, dass wichtige Teile des Fantasy-Epos nicht etwa in Hollywood ausgebrütet werden, sondern in Deutschland. Bei den Firmen Pixomondo in Frankfurt und Mackevision in Stuttgart entstehen die Visual Effects für die Serie. Mehr

25.04.2016, 19:35 Uhr | Feuilleton
Basketball-Europe-Cup Skyliners vor größtem Erfolg ihrer Geschichte

Die Frankfurt Skyliners haben es erstmals in ein europäisches Endspiel geschafft. Im hart umkämpften Halbfinale des Europe Cup besiegten die Basketballer den russischen Klub Krasnojarsk – und könnten schon am Sonntag den Titelgewinn bejubeln. Mehr

29.04.2016, 23:21 Uhr | Sport

Nicht ohne politische Mitstreiter

Von Michael Hierholzer

Ina Hartwig soll die neue Kulturdezernentin in Frankfurt werden, wenn es nach der SPD geht. Dass sie politisch unerfahren ist, könnte auf dem Posten seine Schwierigkeiten bergen. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen