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Fluglärm : Vereint in der Sorge um die Kinder

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Über den Köpfen: Viele Frankfurter protestieren gegen den Fluglärm. Bild: dpa

Die Eltern fühlen sich im Stich gelassen. Seit die neue Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens im Oktober den Betrieb aufgenommen hat, liegt die Martin-Buber-Grundschule am Sachsenhäuser Landwehrweg im Westbetrieb unter der Anfluglinie.

          Die Eltern fühlen sich im Stich gelassen. Seit die neue Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens im Oktober den Betrieb aufgenommen hat, liegt die Martin-Buber-Grundschule am Sachsenhäuser Landwehrweg im Westbetrieb unter der Anfluglinie. Diese hat sich durch den Ausbau um 1,4 Kilometer nach Norden verschoben. Die Eltern sorgen sich. Sie wollen Antworten, möchten wenigstens erst einmal wissen, wie stark der Lärm genau ist, ob giftige Abgase der Düsen auf ihre Kinder niedergehen, ob tatsächlich Lärmschäden zu befürchten sind, und wer wann etwas unternimmt, um das alles abzuwenden.

          Zu einem Elternbeiratsabend am Montag hatten sie deshalb nach eigenen Angaben den Flughafenbetreiber Fraport, das Schulamt und das für den passiven Lärmschutz zuständige Darmstädter Regierungspräsidium eingeladen. Gekommen ist niemand.

          Ein gedämmtes Fenster nur für den Hausmeister

          Silke Kauferstein, Mutter eines Kindes aus der ersten Klasse, hat vom Regierungspräsidium in Darmstadt lediglich telefonisch die Auskunft bekommen, dass die Schule in der "Nachtschutzzone" liege und es für sie im Übrigen keinen Sonderstatus gebe. Allenfalls hätte demnach der Hausmeister das Recht auf ein gedämmtes Schlafzimmerfenster.

          Weder die Behörden noch Fraport haben die Eltern darauf hingewiesen, dass sie auf viele ihrer Fragen Antworten bei Günter Lanz hätten bekommen können. Er ist Leiter der Gemeinnützigen Umwelthaus GmbH in Kelsterbach und gilt als der Experte für die Lärmsituation rund um den Flughafen. Auch die neuesten Daten zur Buber-Schule hat er nach wenigen Augenblicken auf dem Rechner parat: Bei einer Entfernung von 12,2 Kilometern zur Landeschwelle befinden sich demnach die Flugzeuge dort 580 bis 670 Meter über Grund.

          Noch nicht rumgesprochen

          Das Einzelschallereignis, also der Lärm eines einzelnen Flugzeugs, erreicht auf dem Schulgelände in der Spitze 72 bis 73 Dezibel, wie Lanz weiter ausführt. Was die Abgase betrifft, gibt Lanz eine gewisse Entwarnung. Angesichts der Wirkung von Boden- und Höhenwinden sei nicht davon auszugehen, dass sich die Schadstoffe aus den Maschinen auf dem Gelände der Buber-Schule niederschlagen könnten. Es sei vielmehr damit zu rechnen, dass sie in einigen hundert Kilometern Entfernung niedergingen. Wissenschaftlich ist Lanz zufolge zudem nachgewiesen, dass Luftbelastungen schon in geringer Höhe über dem Erdboden nicht mehr einem Verursacher zuzuordnen seien. In Fall der Buber-Schule kämen etwa auch die nahe Mörfelder Landstraße oder die Autobahnen im Umkreis als Quellen in Frage.

          Lanz zeigte sich ein wenig erstaunt, weil sich offenbar noch nicht recht herumgesprochen habe, dass das vom Land Hessen finanzierte, aber unabhängig arbeitende Umwelthaus neueste Informationen zum Ausbau und seinen Folgen jedermann unentgeltlich zur Verfügung stelle. Gerne besuchten er und seine Kollegen belastete Schulen, um dort die Lärmsituation zu erläutern. Sie seien auch bereit, mit Geräten des Umwelthauses den Lärm direkt an der Schule zu kontrollieren - zusätzlich zur systematischen Messung.

          Parallelen zu Stuttgart 21

          Die Bürgerinitiative "Eintracht gegen Fluglärm", die sich weiter westlich im Frankfurter Süden, in Niederrad nahe der Pferderennbahn, formiert hat, ist über das Sammeln von Informationen längst hinaus. Sie fordert die Stilllegung der neuen Landebahn, weil sie keine andere Chance sieht, Familien und Besitz zu schützen.

          Mitglied Helmut Mader, weitgereister Banker und gebürtiger Stuttgarter, erinnert an die jüngsten Ereignisse in seiner Vaterstadt. Es beim Projekt Stuttgart 21 nicht entscheidend, dass die Wähler den Bahnhofsbau in der Volksabstimmung nun doch gebilligt hätten. Viel wichtiger sei, dass sich dort gezeigt habe, dass auch etablierte Bürger nicht mehr klaglos Entscheidungen hinnähmen, die mehr oder weniger über ihre Köpfe hinweg gefällt worden seien. Er ist guten Mutes, dass in Sachen Nordwestlandebahn das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

          Hoffen auf die baldige Oberbürgermeisterwahl

          Maders Mitstreiter Benedikt Schilp, Wirtschaftsprüfer aus Frankfurt, hofft darauf, dass die Empörung der Anrainer Kommunal- und Landespolitiker dazu bringt, noch einmal den Sinn des Projekts Nordwestlandebahn zu prüfen. Schilps Hoffnungen werden dabei nicht zuletzt von der nahenden Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt genährt.

          Was die Eltern der Martin-Buber-Schule mit den wütenden Bürgern aus Niederrad verbindet, fasst Mela Schneider -Krauss zusammen, ebenfalls Mitglied bei "Eintracht gegen Fluglärm": Man fühle sich in der Sorge um die Gesundheit der Kinder von allen Verantwortlichen vollkommen alleingelassen.

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