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Fluglärm „Da kann man nicht mehr weghören“

18.02.2012 ·  Die Physikerin Kerstin Giering äußert sich im Interview mit Helmut Schwan zu Fragen des Fluglärms.

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Wie ist zu erklären, dass nach Inbetriebnahme der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen viele, einschließlich an der Genehmigung beteiligte Politiker, davon überrascht sind, wie laut es tatsächlich geworden ist?
 

Ein Satz, den ein Mitarbeiter von Fraport in einem Arbeitskreis formuliert hat, trifft es wohl am besten: Viele von denen, die jetzt protestierten, seien vom Himmel in die Hölle gekommen. Sozusagen von null auf hundert, oder, orientiert an den aktuellen Schallwerten, von fast Stille auf 80 Dezibel (A). Man muss wissen, was es heißt, wenn der Dauerschallpegel um „nur“ drei Dezibel ansteigt.

Wie ist zu erklären, dass nach Inbetriebnahme der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen viele, einschließlich an der Genehmigung beteiligte Politiker, davon überrascht sind, wie laut es tatsächlich geworden ist?

Und zwar?

Das bedeutet eine Verdoppelung der Verkehrsmenge. Statt zuvor alle 30 Minuten überquert nun jede Viertelstunde ein Flieger mein Haus. Oder bei einer Steigerung von sechs Dezibel, was gemeinhin auch noch „nicht als so viel“ gilt: Dann kommt nun statt wie früher vielleicht alle vierzig alle zehn Minuten ein Flugzeug. Plötzlich kann ich nicht mehr weghören oder weggucken.

80 Dezibel (A) und mehr, wie in Flörsheim oder Niederrad zum Teil gemessen wird, das entspricht etwa der Immission eines sehr intensiv geführten Gesprächs, in Popkonzerten ist es oft noch viel lauter. Warum wird Fluglärm in dieser Größenordnung als kaum noch erträglich empfunden?

Zunächst einmal: Die gemessenen 80 Dezibel sind kein Dauerschall, sondern treten nur beim Überflug auf - das Ohr reagiert allerdings auf Pegelschwankungen von Geräuschen weitgehend akut und nicht mittelnd. Nach einer EU-Richtlinie und damit auch nach deutschem Recht sind übrigens Dauerschallpegel von mehr als 80 Dezibel (A) am Arbeitsplatz an der Schwelle zur Gehörgefährdung. Anders als in der Diskothek - in der die Pegel mitunter deutlich über 100 Dezibel liegen - setzt man sich diesen Fluglärmpegeln nicht freiwillig aus und genießt das Geräusch nicht. Lärm wird subjektiv als unerwünschter Schall erlebt.

Und das kann jeder selbst steuern?

In ein Popkonzert oder in eine Diskothek gehen zumindest die meisten aus freien Stücken. Man will dort kein Buch lesen, nicht schlafen, sondern tatsächlich laute Musik hören. Ähnliches gilt bei dem Besuch eines Autorennens. Auch dort setzt sich der Besucher bewusst und gewollt dem Krach aus. Wenn ich aber mit Freunden auf der Terrasse sitze, will mich mit ihnen unterhalten und kann es nicht, weil oben die Flugzeuge zu laut sind, dann ist das eine ganz andere Situation. Man kann sich dagegen auch nicht wehren und hat das Gefühl, dem Lärm hilflos ausgesetzt zu sein. Von vielen Menschen wird außerdem ein Flugzeug in dreihundert Meter Höhe als bedrohlich empfunden.

Wie stark beeinflusst das Wetter die Intensität von Fluglärm?

Bei sogenanntem Mitwind wird der Schall weiter „verteilt“, es sind also auch Gebiete betroffen, die es ohne Wind nicht wären. Der umgekehrte Effekt tritt bei Gegenwind ein.

Welchen Einfluss hat die Temperatur?

Insbesondere, wenn die oberen Luftschichten wärmer sind als weiter unten, wenn eine sogenannte inverse Wetterlage herrscht, gibt es einen ähnlichen Effekt wie bei Mitwind.

Es gibt eine Diplomarbeit an der TU Darmstadt, nach der, etwas vereinfacht gesagt, das Leben in Einflugschneisen erträglich werden könnte, wenn man die Wohngebiete üppig begrünte. Was ist dran an dieser These?

Ich kenne die Arbeit noch nicht. Als Faustformel gilt aber, dass Wald pro hundert Meter Schall etwa um fünf Dezibel abschwächen kann. Natürlich hängt dies wiederum von der Jahreszeit ab, ob die Gewächse belaubt sind oder nicht. Beim Fluglärm, das heißt, wenn der Schall von oben kommt, treten solche Entlastungseffekte jedoch kaum auf. Allerdings sind die Reflexionen am Boden und an den Gebäuden zu beachten. Asphaltierte oder betonierte Flächen werfen den Schall stärker zurück. Ähnliches gilt für sogenannte schallharte Gebäudeflächen aus Glas oder Beton. Rasenflächen oder begrünte Fassaden können wenigstens einen kleinen Teil absorbieren.

In den vergangenen Jahren hat sich offenbar wenig beim sogenannten passiven Lärmschutz getan. Nach wie vor ist Stand der Technik, Fenster gegen besser isolierte auszutauschen und Wände stärker zu dämmen. Gibt es keine Hoffnung auf eine revolutionäre Technik?

Es gibt neue Verfahren, allerdings sind diese noch sehr teuer und in Erprobung. Zum einen bringt eine sogenannte zweite Fassade, etwa vor einem Bürogebäude, viel Entlastung, der Schall kann dann insgesamt um etwa 60 Dezibel verringert werden. Die zweite Forschungslinie geht dahin, dass man versucht, im Fenster den Schall durch Antischall zu neutralisieren, so dass er nicht mehr in das Zimmer eingestrahlt wird. In ähnlicher Art können auch durch Gegenschwingungen die Schwingungen, zu denen der Schall etwa die Fenster anregt, unterdrückt werden.

In der Region macht der bittere Scherz die Runde, man solle an die Lärmgeplagten Aktien des Flughafenbetreibers ausgeben, dann würden viele angenehme Gefühle entwickeln, weil das Geschäft brumme. Ist da ein Stück Wahrheit dran?

Zumindest gibt es dazu durchaus ernstzunehmende Aspekte. Eine Untersuchung im Großraum des Flughafens Zürich hat ergeben, dass die subjektive Einstellung zum Flughafen und zum Flugverkehr die Belästigung beeinflussen kann.

Woran ist dabei zu denken?

Wenn man zum Beispiel in der Luftverkehrsbranche arbeitet oder mit ihr Wohlstand und die Möglichkeit verbindet, in alle Regionen der Welt zu reisen, dann kann die Belästigung geringer ausfallen. Insofern enthält der makabere Scherz ein Stück Wahrheit.

Also ließe sich die Belastung der Anwohner durch einen größeren finanziellen Ausgleich weitgehend wettmachen?

Nein. Es ist ja gerade eine ungleiche Bewertung der ökonomischen Folgen, die viele Menschen so auf die Palme bringt. Generell wird damit argumentiert, der Ausbau des Flughafens sei gut für sie, er kurbele die Wirtschaft an und schaffe Tausende neuer Arbeitsplätze. Abgesehen davon, dass dies kaum zu überprüfen ist und die Menschen in der Region mögliche Vorteile, dass nun etwa mehr Geld für die Renovierung von Schulen da sei, nicht spüren, müssen sie wegen der Lärmbelastung um ihre Gesundheit fürchten. Diese immensen volkswirtschaftlichen Folgen werden meines Erachtens viel zu wenig beachtet. Die Bürger sind nicht die Profiteure des Flughafenausbaus.

Die Fragen stellte Helmut Schwan.

Zur Person

Die Physikerin Kerstin Giering ist Professorin an der Fachhochschule Trier und zählt zu den renommiertesten deutschen Lärmforschern. Am Umwelt-Campus Birkenfeld untersucht sie unter anderem, wie sich durch Verkehr erzeugter Schall ausbreitet und auswirkt. Sie wird mit anderen Wissenschaftlern die Lärmstudie des Forums Flughafen Frankfurt auf ihre Qualität prüfen.

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