http://www.faz.net/-gzg-8fijj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 05.04.2016, 09:15 Uhr

Kassel-Calden Ein Airport auf dem Prüfstand

Der Flughafen Kassel-Calden wächst – aber das nur langsam. Und das Geschäft wird in den nächsten Jahren nicht einfacher.

von , Kassel
© dpa Sorgenkind: Der Flughafen Kassel-Calden

Ein Flughafen sei kein Selbstzweck. Ende des nächsten Jahres werde die Perspektive des „Kassel Airport“ zu diskutieren sein. Das hat Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) in seiner Rolle als Aufsichtsratsvorsitzenden der Kasseler Flughafen GmbH in Calden gesagt.

Er sei aber zuversichtlich, dass die schwarz-grüne Landesregierung eine gemeinsame Position gegenüber dem Flughafen entwickeln werde, sagte Schäfer. Die touristische Nutzung, die sich 2015 ebenso wie der Abbau des Defizits positiv entwickelt habe, werde „möglicherweise langsamer“ wachsen als ursprünglich gedacht, aber mit dem neu aufgebauten Frachtverkehr und den Ausbauplänen von Airbus und ZF-Luftfahrttechnik am Kasseler Flughafen eröffneten sich „beachtliche Perspektiven“. Näher wollte sich Schäfer zu den möglichen Investitionen der beiden Unternehmen nicht äußern.

500.000 Passagiere als Optimum

Kassel ist traditionell ein Standort der Hubschrauberentwicklung und -wartung sowie der Schulung von Helikopterpersonal. Am Flughafen gibt es mehr als 800 Arbeitsplätze vor allem in der Luftfahrtindustrie. Schäfer war gestern zu Gesprächen an den Airbus-Standort Kassel und an den Sitz der ZF-Luftfahrttechnik nach Calden gereist und hatte anschließend an einer Mitarbeiterversammlung der Flughafengesellschaft teilgenommen, die drei Jahre nach der Eröffnung des ausgebauten Verkehrsflughafens stattfand. In einer Pressemitteilung von Kassel Airport heißt es, die Gesellschaft blicke auf „bewegte, aber vorsichtig optimistisch stimmende drei Jahre“ zurück.

Mehr zum Thema

Der Flughafenausbau für mehr als 270 Millionen Euro war von Beginn an umstritten. Vor allem im Jahr seiner Eröffnung machte der Flughafen durch ausgefallene Flüge von sich reden. Von offenbar überzogenen Zielen im Tourismusverkehr hat sich die Flughafengesellschaft unter Geschäftsführer Ralf Schustereder distanziert. Galten einst bis zu eine Million Passagiere als möglich, werden mittlerweile knapp 500.000 Passagiere als Optimum nach zehn Jahren am Markt avisiert.

Defizit von 6,1 Millionen Euro im Jahr 2015

Schustereder sprach von einem guten Jahr 2015. Die Zahl der Flugbewegungen sei am Kassel Airport 2015 im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 29.156 gestiegen. Das entspricht im Jahresdurchschnitt knapp 80 Flugbewegungen täglich. Die Zahl der Passagiere sei um knapp 38 Prozent auf 64.926 gestiegen. Davon seien etwa zehn Prozent Flüchtlinge gewesen, die freiwillig oder wegen eines abgelehnten Asylantrags in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

Das Defizit, das nach Vorgaben des Landes jedes Jahr um zehn Prozent sinken soll, sei um 25 Prozent von 8,1 auf 6,1 Millionen Euro durch eine Verbesserung der Strukturen gemindert worden. Schäfer ergänzte: „Das werden wir nicht jedes Jahr hinbekommen.“ Für dieses Jahr setzte Schustereder als Ziel eine Passagierzahl wie im Vorjahr, schränkte aber ein, dass der Tourismus in Ländern wie Ägypten und der Türkei unter der politischen Entwicklung und unter der Bedrohung durch den Terrorismus leide. Die Fluggesellschaft Germania habe Ziele in solche Länder gestrichen. Auch die Zahl der heimkehrenden Asylbewerber sinke, da weniger Flüchtlinge in Deutschland eintreffen. Damit fehlen dem Flughafen 2016 gegenüber dem Vorjahr bisher schon etwa 12.000 Passagiere in der Kalkulation. Auf Nachfrage bestätigte Schustereder, dass Kassel Airport mit weiteren Fluggesellschaften außer der Germania verhandle. Es gebe aber noch keinen Vertragsabschluss.

Zahl der Frachtflüge könnte auf 300 in diesem Jahr steigen

Schäfer wies darauf hin, dass die Eigentümer des Flughafens, also das Land, Stadt und Landkreis Kassel sowie die Gemeinde Calden, darauf achteten, dass der Flugverkehr in Übereinstimmung mit dem europäischen Beihilferecht stattfinde. Schustereder sagte, dass die Stationierung eines Flugzeugs einer Fluggesellschaft an einem Standort einen ein- bis zweistelligen Millionenbeitrag in Euro des Flughafeneigentümers im Jahr erfordern könne. Eine solche „Marketinghilfe“ hätten schon andere Flughäfen genutzt. In Kassel komme dies aber nicht in Frage.

Die Frachtflüge, die im November begannen und zunächst auf einen Monat begrenzt waren, dauern nach Schustereders Worten an. Vertragspartner von Kassel Airport ist DB Schenker. Die Flüge von und zu anderen europäischen Flughäfen wickelt eine Tochter der französischen Post ab. Der Endkunde soll Amazon sein. Schustereder wollte sich zur Zukunft des Frachtverkehrs nicht äußern, aber es verlangt dem Flughafen wohl einige Anstrengung ab, das Frachtgeschäft mit den 128 Mitarbeitern ohne Neueinstellungen abzuwickeln. Die Zahl der Frachtflüge könnte auf 300 in diesem Jahr steigen und das Frachtvolumen von 168 auf bis zu 2.000 Tonnen. Schäfer sagte, die mit Airbus und ZF diskutierten Ausbaupläne und der Frachtverkehr „zur Belieferung Nordhessens als dem zentralen Standort in Deutschland“ seien „Perspektiven, die wir ohne den Flughafen nicht hätten“.

Streithähne der Lüfte

Von Jochen Remmert

Wegen des Strategiewechsels der Fraport hin zu mehr Low-Cost-Fliegerei streiten der Flughafenbetreiber und die Lufthansa immer weiter. Über kurz oder lang wird der Luftfahrtstandort Frankfurt Schaden nehmen. Mehr 8 12

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen

Zur Homepage