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Veröffentlicht: 06.03.2013, 19:21 Uhr

Flughafen Kassel-Calden Acht Starts und Landungen am Tag

In Kassel-Calden nimmt der 270 Millionen Euro teure Flughafen am 4.April den Betrieb auf. Er muss wohl auf Dauer subventioniert werden.

von , Calden
© dpa Schlussspurt: Der Ausbau des Flughafens Kassel-Calden wird in Kürze fertig.

„Zweifeln und staunen“ steht auf dem Transparent am Ortseingang von Calden, 13 Kilometer nordwestlich von Kassel. Das Plakat wirbt für die Veranstaltung „Pro Christ“, aber es könnte auch für den am Rand der 7300 Einwohner zählenden Gemeinde entstehenden Flughafen stehen, denn das Millionenprojekt ist kurz vor der Vollendung gleichermaßen umstritten wie bemerkenswert. Am 4.April soll der Flugbetrieb mit dem Start einer Boeing der Fluggesellschaft Germania nach Antalya aufgenommen werden. Die einen sehen darin den Start einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte für Nordhessen, andere den Beginn eines finanziellen Albtraums für das Land.

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Aus dem alten „Verkehrslandeplatz“ soll aus strukturpolitischen Erwägungen ein leistungsfähiger Regionalflughafen für Geschäftsreisende, Touristen und Fracht werden, wobei der Gütertransport nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Befürworter erhoffen sich einen wirtschaftlichen Aufschwung und zusätzliche Arbeitsplätze - von bis zu 2000 ist die Rede. Die Flughafengesellschaft Kassel-Calden als Betreiber spricht vom „Wohlfühl-Flughafen“, an dem die Passagiere unentgeltlich parken und vom Terminal zu Fuß zu den „direkt vor der Tür“ abgestellten Maschinen gelangen könnten.

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Von Nordhessen nach Zürich

Anders als in Berlin sind alle Gebäude ohne Beanstandungen vom Bauaufsichtsamt begutachtet worden. Auch beim Brandschutz ist alles bestens. „Die Warnanlage ist mit Note eins abgenommen worden“, sagt Thomas Uihlein, der seit Anfang des Jahres den Testbetrieb organisiert - wobei Busse die Flugzeuge ersetzen. Von Mitte April bis Oktober werden rund 320Maschinen mit je 180Sitzplätzen von Calden aus überwiegend in Richtung Mittelmeer abheben. Außer Germania fliegen noch Croatia Airlines, die polnische Enter Air und die türkische Charterfluggesellschaft Tailwind von Nordhessen aus. Zudem sind im Sommerflugplan neun Sonderreisen nach Sardinien, Armenien, Nord-Zypern, Island, Neapel, Jersey und Taschkent vorgesehen. Alles kleinere Maschinen, aber das Instrumentenlandesystem macht den Betrieb auch bei schlechtem Wetter möglich, und die Bahnlänge lässt auch die Landung des vergleichsweise großen Airbus A330 zu.

Das Ziel, Nordhessen mit Linienflugverbindungen nach Zürich, München oder Paris an das internationale Luftverkehrsnetz anzubinden, wird sich auf dem derzeit schwieriger werdenden Markt wohl allenfalls längerfristig erreichen lassen. „Die Fluggesellschaften sind zunehmend risikoscheuer“, gibt Uihlein zu.

„Irrsinnsprojekt“

SPD, CDU und FDP im Land und in der Region stehen einmütig zu dem Vorhaben, denn mit dem Ausbau werde die Konkurrenzfähigkeit der Region dauerhaft gefördert. Die Zukunft könne nicht allein auf die schöne Landschaft und ökologischen Landbau gegründet werden, sagt der nordhessische SPD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Decker. Der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) hebt hervor, wie wichtig der Flughafen für international tätige Unternehmen in der Region sei. Zweifellos steht auch die Mehrheit der in der Umgebung des Flughafens lebenden Menschen hinter dem Neubau. Als der Probebetrieb aufgenommen wurde, meldeten sich mehr als 10.000 Freiwillige, um als unbezahlte Test-Fluggäste mitzumachen.

Die Kasseler Grünen-Landtagsabgeordnete Karin Müller spricht dennoch von einem „Irrsinnsprojekt“. Sie verweist darauf, dass die Kosten seit Beginn der Planungen immens gestiegen seien. Tatsächlich hatte die CDU/FDP-Landesregierung jahrelang von 151Millionen Euro Baukosten gesprochen, dann war von 249 Millionen die Rede, und nun werden es wohl 270Millionen sein. „Ich weiß nicht, wie die Diskussion ausgegangen wäre, wenn man von Anfang an von einem so hohen Betrag gesprochen hätte“, sagt die Sprecherin der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau, Steffi Weinert, die auch Grünen-Fraktionschef im Kreistag Kassel ist. Inzwischen heiße es, dass schon zu viel Geld ausgegeben worden sei, um das Vorhaben noch zu stoppen.

Die Landesregierung sieht das Projekt nüchtern

Angesichts drohender Millionenverluste beim Betrieb des Airports schließt Weinert ein Scheitern des Projekts dennoch nicht aus. „In drei bis fünf Jahren wird man wissen, ob das nicht alles ein ganz großer Fehler gewesen ist.“ Aus ihrer Sicht besteht kein Bedarf für einen Regionalflughafen bei Kassel, nicht zuletzt, weil es in überschaubarer Entfernung von Kassel bereits drei Regionalflughäfen gibt: in Paderborn, Erfurt und Hannover. Eine Alternative wäre aus Sicht der Grünen die Modernisierung des Flugplatzes gewesen, die man nach Einschätzung von Fachleuten mit rund 50 Millionen Euro hätte bewerkstelligen können.

Die Landesregierung sieht das anfangs mit großen Erwartungen verbundene Projekt inzwischen nüchtern. Die Hoffnung, private Investoren für eine Beteiligung an der Flughafengesellschaft zu gewinnen, hat sich zerschlagen. Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) geht davon aus, dass der Flughafen frühestens in fünf Jahren eine „schwarze Null“ schreiben kann, die Betreiber wollen sich nicht festlegen.

Bund der Steuerzahler befürchtet Investitionsruine

An der Prognose von jährlich 500.000 bis 600.000 Passagieren binnen eines Jahrzehnts - das wären rund acht Starts und Landungen am Tag - halten Ministerium und Flughafengesellschaft vorerst fest. Gordon Jenner, Marketing- und Vertriebsdirektor des Flughafens, verkauft den Neubau als „ein Stück Daseinsvorsorge für die Region“. Ein Flughafen sei wie eine Autobahn oder eine Bahnverbindung - der wirtschaftliche Nutzen sei nicht in Heller und Pfennig zu berechnen.

Einig sind sich Beteiligte und Fachleute darin, dass der Flughafenbetrieb längerfristig mit Steuergeld subventioniert werden muss. Ein Gewinn ist die Großinvestition allenfalls volkswirtschaftlich, doch der Bund der Steuerzahler befürchtet, dass Calden sich zu einer Investitionsruine entwickelt. Ein Trost bleibt den Kritikern: Fluglärm wird mangels Masse in Calden und Umgebung auf Jahre hinaus kein Thema sein.

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