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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Flugangst Sie waren noch niemals in New York

 ·  Die Angst vorm Fliegen kann viele Gründe haben. In Seminaren wollen Betroffene lernen, damit umzugehen. Ein Übungsflug ist in der Teilnahmegebühr enthalten.

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An einem sonnigen Samstagnachmittag sitzt Joachim Piehl in einem komfortablen Business-Class-Sessel einer Lufthansa-Boeing, hält die Arme vor dem Körper verschränkt, die Augen geschlossen und versucht, mit tiefen Atemzügen seiner Angst Herr zu werden. Schweiß rinnt seine Stirn hinab. Vor ihm steht Karin Bonner. Die Flugpsychologin beobachtet ihren Schützling. Leise redet sie auf ihn ein. „Wir lassen uns von der Angst nicht beherrschen“, sagt sie. „Tief durch den Mund ein, und durch die Nase ausatmen. 21, 22...“ Piehl öffnet die Augen, steht auf, geht ein paar Schritte, zeigt auf die engen Sitze der hinteren Reihen und sagt: „Oh Gott, wenn wir morgen so beengt sitzen müssen, könnt ihr mich vergessen.“

Noch ist das nur eine Übung - die Generalprobe sozusagen, das Flugzeug nur Kulisse für die elf Teilnehmer des Flugangstseminars der Firma Texter-Millott, einem Anbieter von Anti-Flugangst-Seminaren. Der wahre Test steht der Gruppe noch bevor: der Abschlussflug nach Stuttgart am nächsten Tag. Dann erst wird sich zeigen, ob sich die zwei Tage und die 800Euro Teilnahmegebühr gelohnt haben - und die Flug-Phobiker ihre Angst überwinden können.

Flugangst hat verschiedene Ausprägungen

„Konfrontation“ nennt das die Flugangst-Psychologin Bonner, weil die Klienten sich dem Objekt ihrer Angst unmittelbar aussetzen. Das sei aber nur der erste Schritt. „Wir raten allen, innerhalb von sechs Monaten den nächsten Flug zu machen, sonst kann es sein, dass die Flugangst wieder kommt.“ Bonner will ihr Seminar nicht als Therapie verstanden wissen, denn ihre Klienten seien nicht krank, sagt sie. Außerdem könne das Seminar nur einen Anstoß geben, besiegt sei die Angst dadurch noch nicht.

Flugangst hat verschiedene Ausprägungen. Manche Passagiere plagen Platzängste, bei anderen ist es die Furcht vor dem technischen Versagen des Fliegers. Wieder andere fürchten den Kontrollverlust, das Ausgeliefertsein. Höhenangst sei dagegen kein Faktor, erklärt Bonner, die auch als Flugbegleiterin arbeitet. In einem guten Seminar müsse auf die verschiedenen Hintergründe der Klienten reagiert werden. Die Kurse, die Bonner seit gut zwölf Jahren leitet, sind deshalb in mehrere Teile gegliedert und bieten für jeden Angst-Typen etwas.

17 Prozent der Deutschen haben Flugangst

Das erste Treffen findet Samstagmorgen in einem Hotel in der Nähe des Flughafens statt. Ist der Sonntag größtenteils mit dem Flug ausgefüllt, geht es samstags darum, aus ängstlichen und sehr ängstlichen Leuten, Menschen zu machen, die morgen in den Flieger steigen - und dort auch bleiben. Die Gruppe besteht aus sieben Frauen und vier Männern, von jung bis alt. Bonner nennt sie „eine normale Gruppe, durchschnittlich ängstlich“.

Statistisch betrachtet gehören sie nicht zu einer verschwindend kleinen Minderheit. Laut der bislang letzten Allensbach-Umfrage zur Flugangst von vor 17 Jahren gaben 15Prozent der Deutschen an, unter Flugangst zu leiden. Weitere 20Prozent sprechen von Unbehagen. Einige der Teilnehmer sind von weit her angereist. Sie haben den Kurs teilweise schon vor mehr als einem Jahr gebucht, manche aus einer Laune heraus, wie einer von ihnen berichtet: „Damals war ich noch sicher, meine Angst zu überwinden, heute sieht das schon ganz anders aus“, sagt Sascha Sommer aus dem Westerwald.

Atemübungen sollen helfen

Im nüchtern eingerichteten Seminarraum gibt es Getränke und süße Stückchen. In der Ecke steht eine Stelltafel mit Notizen zur Thermodynamik, elf Stühle sind im Halbkreis um die Psychologin plaziert. Auf dem Tischchen der Seminarleiterin liegen Blätter, Bücher, Seminarunterlagen, darunter auch das Buch von Paul Watzlawick: „Anleitung zum Unglücklichsein“. Für die Psychologin kommt es jetzt darauf an, eine Vertrauensbasis aufzubauen, in der die Teilnehmer über ihre Angst sprechen. Bonner sagt, dass für viele Menschen, vor allem aus der älteren Generation, Flugangst mit viel Scham behaftet sei.

Der Tagesplan sieht für heute unter anderem Atemübungen vor. Tiefes und bewusstes Luftholen ist in Angstsituationen oft eine Hilfe. Bonner erklärt den elf Teilnehmern, was Angst ist, wissenschaftlich gesehen. Sie beschreibt ihre Mechanik. So sind, wenn es im Flug unangenehm werden sollte, die Teilnehmer auf mögliche Turbulenzen vorbereitet. Auf den Reiz, Wackeln etwa, der bei den Phobikern zu dem Gedanken „oh Gott, wir stürzen ab“ führen kann. Dann schießt das Adrenalin, in den Körper und löst unangenehme körperliche Reaktionen aus - Schwitzen, Übelkeit, Panikattacken. Ziel der Angstseminare sei es letztlich auch, diese Bewertung zu ändern, sie im Gehirn mit positiven Verbindungen zu verknüpfen, sprich: neu zu lernen.

Mehr über die Flugzeuge erfahren

Außer dem Angstschema notiert Bonner die Ziele der elf auf einem Poster, das für alle ständig sichtbar bleibt. Es dient als Motivation und Ansporn. Oliver, der seinen Nachnamen wie andere Teilnehmer nicht in der Zeitung lesen will, möchte gerne ins Flugzeug gehen und entspannen können, Barbara will sich während des Flugs um ihre Tochter kümmern, und Julia reicht es schon, ihre körperlichen Symptome in den Griff zu bekommen. Manch einer hat seinen Urlaub schon gebucht, um mit dem nötigen Ehrgeiz in das Seminar zu gehen.

Joachim Piehl würde gerne mehr über Flugzeuge erfahren. Er sagt, er sei generell ein ängstlicher Mensch, und dass die Technik im Flugzeug ihn einschüchtere - eben weil er sie nicht verstehe. Zwar sei er in den achtziger Jahren schon einmal geflogen. Danach habe er es schlicht vermieden, erzählt der Lehrer, der in einem Schweizer Internat unterrichtet. Da seine Schüler aus allen Teilen der Welt stammen, staunten sie nicht schlecht, als sie von seiner Angst erfuhren: „Die haben auch ihre Witze gemacht, die fliegen ja im Gegensatz zu mir ständig. Hieran teilzunehmen, darin haben mich aber wiederum alle unterstützt.“ An dem Poster an der Wand des Seminarraums hat Piehl seinen großen Traum vermerkt: New York. Der Studienrat träumt schon lange von einer Reise in die Stadt, sein Urlaub habe sich bisher aber auf Europa beschränkt - stets mit dem Auto, versteht sich.

Eine erste Annäherung

Für Leute wie ihn übernimmt am frühen Nachmittag Ulrich Schiller das Seminar. Der Lufthansa-Pilot erklärt den technischen Vorgang des Fluges, erläutert, welche Geräusche bei einem Flug aufkommen, dass Tragflächen nicht brechen können, und dass für den Notfall jedes Gerät mindestens doppelt vorhanden sei. Er gibt aber auch offen zu, dass er in Flieger so mancher Airline nicht steigen würde, wegen deren Sicherheitsrichtlinien. „Das gilt natürlich nicht für alle größeren Airlines.“ Schiller versteht es, den Teilnehmern die Angst zu nehmen. Er könnte den Teilnehmern die Titanic für unsinkbar erklären - wahrscheinlich würden sie es ihm glauben.

Später geht es raus zur Lufthansa-Werft: die erste Annäherung. Der Pilot führt die Teilnehmer ins Cockpit der Boeing. Schiller erklärt Hebel, Knöpfe, Schalter, Bonner übt mit anderen nochmal Atemtechniken. Joachim Piehl sagt, er fühle sich schon wohler. Dann sieht er die eng gereihten Economy-Class-Sitze, die ihn in der kleinen Maschine auch morgen erwarten. Die Angst kehrt zurück. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich traut, morgen zu fliegen, vermag er jetzt nicht einzuschätzen.

Angst vor der Höhe ist natürlich

Sieglinde Sand dagegen ist sich sicher. Vorsichtig tastet sie sich durch den Gang, atmet ein paarmal tief durch, als könne sie es selbst nicht fassen, wo sie sich gerade befindet. Die 57Jahre alte Frau ist noch nie geflogen, gegen Ende des ersten Tages ist sie sicher, den Abschlussflug nicht mitzumachen. Für sie sei schon der Aufenthalt in den engen Räumen des Flugzeuges ein kleiner Erfolg. Sand hat Platzangst. Allein die Vorstellung zum Flieger zu gehen, lässt in ihr Panik aufkommen. Ein Kollege hatte der Erzieherin zu dem Kurs geraten. Trotzdem gibt sie sich ehrgeizig. „Ich würde gerne mehr von der Welt sehen, meine Angst hat sich im Laufe der Jahre auch schon abgeschwächt, früher konnte ich nicht einmal mit einer Gondel fahren.“ Sand sagt, dass ihre Ängste nach der Geburt ihrer Tochter aufgetreten seien. Für die Psychologin Bonner sind das typische Klienten: Mütter, die während und nach der Geburt unter hohem Stress stehen, der sich dann auf andere Situationen auswirkt.

Ein einheitliches Bild, das die Entstehung der Aviophobie, so der Fachausdruck für das Phänomen, erklärt, kann die Wissenschaft indes nicht liefern. Einer der renommiertesten Fachmänner in Deutschland auf diesem Gebiet ist Andreas Mühlberger. Der Psychologieprofessor aus Würzburg sagt, dass in der Forschung ziemlich gut nachgewiesen sei, dass etwa die Angst vor der Höhe in Teilen zumindest natürlichen Ursprungs ist. Die Angst vorm Zahnarzt dagegen werde erlernt. Kinder, deren Eltern Flugangst haben, könnten diese übernehmen. Andererseits gebe es in jedem Menschen uralte Überbleibsel, die ein allgemeines Unwohlsein in Situationen ohne Fluchtmöglichkeit hervorrufen. Darüber hinaus steige die Flugangst nach Katastrophen tendenziell an - abhängig auch davon, wie sie in den Medien aufbereitet würden.

„Morgen fliegen alle mit“

Bei Sarah Schwarz ist es mehr als nur Unbehagen. Die Heilerzieherin flog zuletzt vor zehn Jahren. Dabei hat sie einen regelrechten Panikanfall bekommen und den ganzen Flug über geweint, wie sie sagt. Jetzt verspüre sie auch wegen ihrer zwei Kinder den Drang, sich ihrer Angst zu stellen. Danach gefragt, was genau sie ängstige, sagt sie: „Na, die Angst vorm Absturz.“ Doch nach dem ersten Tag, den technischen Erklärungen des Piloten, den Atemübungen mit Flugpsychologin Bonner, der Analyse der Mechanismen der Angst, ist sie schon zuversichtlicher, den nächsten Schritt zu wagen.

Psychologieprofessor Mühlberger sagt, dass es bei der Bewältigung der Flugangst vor allem darauf ankomme, es auch wirklich zu wollen. So seltsam das bei den Preisen für derartige Seminare auch klingen mag, viele Teilnehmer besuchten sie ohne richtige Vorstellung, ohne richtige Motivation.

Karin Bonner zweifelt nicht an ihren Klienten. Samstagabend ist sie sicher: „Morgen fliegen alle mit.“ Davor treffen Sonntagfrüh noch mal alle zusammen. In der Gemeinschaft Kraft finden, lautet jetzt das Motto. Tatsächlich wird sie recht behalten. Alle absolvieren den Flug nach Stuttgart und zurück. Nur bei einem Teilnehmer sei noch „Überzeugungsarbeit“ nötig gewesen, sagt sie. Ob die Angst tatsächlich überwunden ist, entscheiden die nächsten Monate. Bonner sagt, dass sich ihre Klienten jederzeit bei ihr melden könnten, dass aber kein Nachtreffen geplant sei: „Die müssen das ab jetzt alleine schaffen.“

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