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(Flug-)Lärmschutz : Der Überflieger

  • -Aktualisiert am

Diese zweimotorige Propellermaschine vom Typ Beechcraft Super King Air 350 wird für Vermessungsflüge genutzt. Egal, ob ihr Dahingleiten viel Lärm verursacht oder nicht, der Student Simon Gehrmann hat eine andere Idee: ein Konzept für ruhiges Wohnen nahe des Flughafens. Bild: dpa

Simon Gehrmann hat eine Siedlung konzipiert, die sich selbst vor Lärm schützt. So könnte Wohnen dort möglich werden, wo eigentlich niemand leben will: am Flughafen.

          Das Gefühl kam eine Woche vor Abgabe. „Da dachte ich zum ersten Mal, das könnte etwas Großes werden“, sagt Simon Gehrmann. Der junge Architekt sollte recht behalten. Für seine Diplomarbeit an der Technischen Universität Darmstadt bekam er nicht nur eine glatte Eins, sondern auch zahlreiche Jobangebote und den Nachwuchspreis des Instituts für Bauforschung. Als „herausragend innovativ“ beurteilte die Jury seine Arbeit zum Thema Wohnen in Flughafennähe. Seitdem hagelt es Anfragen von Architekten, Unternehmern und Politikern.

          Tatsächlich könnte Gehrmanns Konzept Wohnen genau dort attraktiv machen, wo wegen des Lärms eigentlich niemand leben will: in der Nähe von Flughäfen. Dafür setzt der 28 Jahre alte Königsteiner auf Gras statt Beton. Weil Rasen, Hecken und Sträucher Schallwellen deutlich besser als Asphalt absorbieren, bedeckt er das Dach und ein oder zwei Seiten der Häuser in seiner „Einwohnschneise“ mit einer meterdicken, bepflanzten Erdschicht. Englisch getrimmt dürfte so ein Rasen freilich nicht sein. „Etwa 30 Zentimeter müssen es schon sein, damit das Gras wie ein Akustiksegel wirkt“, sagt Gehrmann. Blickt man von oben auf das Modell seiner Siedlung, sieht man deshalb jede Menge Grün. Ein wenig erinnert das an die Hobbit-Häuser aus Tolkiens „Herr der Ringe“, doch diesen Vergleich hat Gehrmann schon zu oft gehört. „Den Film habe ich nicht mal gesehen“, sagt er.

          „Echos und Überlagerungen potenzieren den Schall und machen ihn damit so unerträglich“

          Die Struktur seiner Siedlung leitet der Architekt von den beim Überflug entstehenden Schallwellen ab. An deren Einfallswinkel orientiert er sich bei der Anordnung der Gebäude, die in Sachen Lärmschutz voneinander profitieren. Ein Haus fungiert als eine Art Lärmschutzwall für das Nachbarhaus - mit dem entscheidenden Vorteil, dass der Schall absorbiert und nicht reflektiert wird. Zusätzlich lärmende Echos werden so vermieden. „Echos und Überlagerungen potenzieren den Schall und machen ihn damit so unerträglich“, erklärt Gehrmann, der während seiner Diplomarbeit stets im engen Austausch mit Physikern stand. Er arbeitet gezielt mit sogenannte Schallschatten, also schallgeschützten Bereichen. Deren Größe variiert mit dem Einfallswinkel des Schalls. Es gilt: Je flacher der Winkel, desto größer und ruhiger der Schatten. Die „entlärmte“ Flächen nutzt der Architekt für Fenster und Glasfronten. „Ich habe den Lichteinfall mit den Schallschatten abgestimmt, damit trotz der Erd-ummantelung immer reichlich Tageslicht in die Wohnungen gelangt“, sagt er.

          Auch Dachterrassen, Grillplätze, Gärten und öffentliche Plätze sollen in den Schallschatten Platz finden. Krach einfach mit Spezialfenstern aus - und die Bewohner quasi einzusperren ist nicht sein Ding. „Ich will es auch draußen ruhig haben.“ Natürlich könne man den Fluglärm nicht verbannen. Aber so bauen, dass der Lärm auf ein akzeptables Nievau reduziert werde, das könne man schon.

          Attraktiver Wohnraum in der Nähe von Flughäfen schaffen

          Daran, den Leuten in seiner Siedlung Lärmschutz auch außerhalb ihrer Häuser zu ermöglichen, hat Gehrmann lange getüftelt. Zunächst stand er allerdings recht ratlos vor seiner Diplomaufgabe mit dem Titel „Überflieger“. Der entscheidende Einfall kam ihm erst, als er über das „Massener Loch“ schlenderte. So nennen die Bewohner der Stadt Unna eine große Wiese im Stadtteil Massen, nur 2000 Meter von der Landebahn des Dortmunder Flughafens entfernt. Seit dem Ausbau um die Jahrtausendwende haben Billigfluglinien den Flughafen für sich entdeckt. Jetzt fliegen die Maschinen dort so tief und so oft, dass alle weiteren Baupläne für das Gebiet scheiterten. Die Wiese blieb. „Mir ist aufgefallen, dass der Lärm dort viel erträglicher und der Schall weicher ist“, sagt Gehrmann, der sich nach dem Besuch in Dortmund mit einem Stapel Physikbüchern in seiner Studentenwohnung verkroch, um die Eigenschaften des Schalls zu begreifen. Zehn Wochen später legte der junge Mann, der sein Abitur mit der Note 3,1 bestand, gerne bis nachmittags schläft und zum Anzug blaue Turnschuhe trägt, seine Arbeit vor, die in der Fachwelt große Aufmerksamkeit fand.

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