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Geflüchtete im Vorstudium : „Die Deutschen lieben Papier“

  • -Aktualisiert am

Besiegelt: Sahl Alhaj Kheder (links) und Megar Farjoud Ma Masouleh haben ihr Vorstudium gemeistert Bild: Rainer Wohlfahrt

An der Hochschule Darmstadt absolvieren 24 Geflüchtete ihr Vorstudium. Das Qualifizierungsprogramm, von dem sie profitieren, gilt als „Erfolgsmodell“.

          Sahl Alhaj Kheder stammt aus Deir ez-Zor in Syrien. Die Stadt liegt nahe der irakischen Grenze und ist ein Kampfgebiet, in dem sich IS-Milizen, Truppen von Baschar al Assad und freie syrische Einheiten gegenüberstehen. In den Medien wird über die umkämpfte Stadt wenig berichtet, aber die Lebensumstände sind dort auch nicht anders als sonst in Syrien. Kheder ist vor zwei Jahren geflohen. Eigentlich wollte er Ölwissenschaftstechnik studieren, aber wegen des Krieges konnte er seine Ausbildung nicht abschließen. Über die Türkei kam er nach Deutschland. „Ich wusste damals nicht, was ich beruflich machen sollte“, erzählt der junge Mann in gutem Deutsch, während er stolz eine Urkunde in der Hand hält. Aber dann habe er eine deutsche Familie kennengelernt, die ihm geholfen habe, sich in seinem neuen Leben besser zurechtzufinden. Inzwischen weiß Kheder ziemlich genau, wie es beruflich für ihn weitergehen soll. Er möchte an der Hochschule Darmstadt chemische Technologie studieren. Die Voraussetzungen dazu besitzt er durch den Abschluss eines auf Flüchtlinge zugeschnittene Vorstudiums.

          Die Hochschule hat dieses Propädeutikum erstmals im Frühjahr 2016 angeboten. Voraussetzung für die Teilnahme waren grundlegende Deutschkenntnisse, eine Hochschulzugangsberechtigung sowie eine „Bleibeperspektive“ in Deutschland. 90 Bewerbungen gingen ein, 24 Männer und Frauen bekamen anschließend die Gelegenheit, über zwei Semester an den Studienangeboten teilzunehmen. Zur größten Herausforderung gehörte die Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH). Sie ist, wie Vizepräsident Manfred Loch bei der Abschlussfeier sagte, überaus anspruchsvoll. Verlangt würden „deutsche Sprachkenntnisse auf Muttersprach-Niveau“. Nicht alle haben diese hohe Hürden nehmen können. Kheder gehört aber zu jenen Teilnehmern, die erfolgreich waren: „DSH 2“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht und zeigt sein Sprachdiplom.

          Geld aus dem Ministerium

          Zufrieden zeigte sich auch Susan Kazi vom Student Service Center, die das Programm koordinierte. Für die Hochschule war das Vorstudium ein Experiment: „Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartet“, sagte die Mitarbeiterin der Hochschule. Zu organisieren waren nicht nur die E-Learning-Kurse, die interkulturellen Workshops, Exkursionen in die Bundeshauptstadt Berlin und nach Mainz zum Weihnachtsmarkt, um dort einem typischen Aspekt deutscher Kultur zu begegnen.

          Zwar war die Finanzierung der Hochschulqualifikation gesichert durch Geld aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Aber für die eigens eingerichtete Koordinierungsstelle gab es viele neue rechtliche Fragen zu klären – vom Asylrecht über das Bafög-Recht bis zum Arbeitsrecht. Es hat sogar einige Zeit gedauert und mancher Gespräche bedurft, bis die RMV-Kontrolleure die speziellen Studienausweise der Teilnehmer kannten und akzeptierten.

          Trotz solcher und anderer „problematischer Situationen“ – Kazi ist mit dem Ergebnis des erstmals angebotenen Vorstudiums mehr als zufrieden. Die beteiligten Mitarbeiter der Hochschule hätten sich mit viel Initiative engagiert, ebenso die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer. Sie selbst habe „wunderbare Menschen kennengelernt“, die sie nicht nur beeindruckt hätten durch ihren Elan, sondern auch durch die Kraft, mit der sie ihre „schlimmen Erlebnisse“ in ihrer Heimat und auf der Flucht verarbeiteten. „Ich habe dadurch noch einmal gelernt, die kleinen Dinge und die Kraft der Hoffnung zu schätzen“, sagte Kazi.

          „Sicherheit und viele Chancen“

          So wie Kheder ist auch Megar Farjoud Ma Masouleh voll des Lobes über Deutschland. Die junge Frau aus Iran hat wie ihr Kommilitone die schwierige Sprachprüfung gemeistert und will nun Informatik oder Elektrotechnik studieren. Auch ihr hat auf den ersten Schritten im neuen Land eine deutsche Familie geholfen. Nun will sie in Deutschland ihren „Weg zu Ende gehen“, also erst einmal die nächsten zehn bis 15 Jahre hier leben und arbeiten. Auch Kheder sieht seine Chancen im Gastland:. „Das Leben in Deutschland bietet Sicherheit und viele Chancen.“

          Aber ist wirklich alles nur gut? Gab es nicht aus Moment, wo das Leben in Deutschland für Schwierigkeiten sorgten und Verwunderung? Wer die beiden erfolgreichen Absolventen des Vorstudium befragt, erhält die gleiche Antwort: Sie sind erstaunt über das Ausmaß der Bürokratie in Deutschland. „Die Deutschen lieben Papier. Das hat mich verwundert. Ich dachte, so etwas gibt es nur in Schwellenländern“, sagt Kheder. Leider wird die Hochschule aber um weiteres Papier und weitere Stempel nicht herumkommen. Vizepräsident Loch bewertet das Vorstudium für Flüchtlinge als „Erfolgsprojekt“. Deshalb arbeite man an einer Fortsetzung des Programms für Flüchtlinge.

          Quelle: F.A.Z.

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