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Veröffentlicht: 04.06.2016, 15:07 Uhr

Flucht aus Nazi-Deutschland Ein Teller brach und das Schweigen auch

Nach der Pogromnacht 1938 ging Elisabeth Rothstein ins Exil nach Kolumbien. In der Schillerschule erzählt ihr Sohn die Geschichte einer Flucht.

von Florian Haenes
© Helmut Fricke Im Archiv der Schillerschule: Andreas Rothstein mit seiner Frau Karen

Nur ein Teller fällt zu Boden, und schließlich bricht Elisabeth Rothstein ihr Schweigen. Ihr Sohn Andreas ist zum Essen gekommen, wie jeden Freitag, zusammen mit seiner Frau Karen und den beiden Kindern. Über den Hausdächern von Gran América, am Stadtrand von Bogotá, ragt der Monserrate in den Himmel, und auf dem Gipfel, nur mit einer Seilbahn zu erreichen, schimmert winzig klein die Wallfahrtskirche El Señor Caído, und sie schimmert gleißend weiß. Im Apartment essen sie Schnitzel mit Kartoffeln.

„Jedenfalls ein deutsches Gericht“, sagt Andreas Rothstein 26 Jahre später, als er in Frankfurt, auf einer Bank am Mainufer sitzend, sich der Einzelheiten jenes Freitags erinnert. Für seine Kinder waren Schnitzel und Kartoffeln keine deutsche Mahlzeit: Für Eric und Alan war es das, was Großmutter immer kochte, und die Enkel besuchten sie gern. Für Andreas Rothstein war es die Mahlzeit der Deutschen, und er verabscheute die Deutschen.

Sie waren satt und räumten ab. Da gleitet Karen Rothstein ein Teller aus der Hand, und der Teller zerbricht. Sie weiß, wie sehr ihre Schwiegermutter das Geschirr liebt. Doch Elisabeth Rothstein tobt nicht, sie schreit nicht, sie klagt nicht. Sie senkt die Stimme.

Neue Phase der Erinnerung beginnt

„Mach dir keine Sorgen, Karen“, sagt sie. „In einer Nacht in Frankfurt, 1938, habe ich entschieden, dass ich an den Dingen nicht mehr hänge.“ Dann bricht Elisabeth Rothstein ihr Schweigen. „Es war die Reichskristallnacht, und ich war zu Hause“, sagt sie. „Die Schläger der SA waren in die Wohnung eingedrungen, und sie nahmen mein teuerstes Cello zur Hand, und sie zertrümmerten die Möbel, alles, das ich besaß.“ Elisabeth Rothstein erzählt, und sie hörte nicht mehr auf, zu erzählen.

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Andreas Rothstein ist nach Frankfurt gereist, zusammen mit Karen. Er ist Kolumbianer und will die Stadt kennenlernen, aus der seine Mutter 1938 geflohen ist, und er will in der Schule seiner Mutter erzählen, was sie ihm an dem Freitag vor 26 Jahren offenbarte. Eine neue Phase der Erinnerung ist angebrochen: Die meisten Zeitzeugen, die als Juden von den Nazis verfolgt wurden, sind inzwischen gestorben, es ist nun an ihren Nachfahren, das wiederzugeben, was sie von ihren Eltern erfahren haben.

18 Jahre lang hat Andreas Rothstein kein Deutsch gesprochen, seit seine Mutter gestorben ist. Jetzt, da er nach Frankfurt gekommen ist, tut er es wieder. Seine Stimme klingt fest, aber er ist selbst schon ein alter Mann, der mit den Jahren noch kleiner geworden ist. „Ja ja, gerne können wir am Main spazieren“, hat er gesagt, doch nach wenigen Metern schon um eine Bank gebeten. Er muss sich ausruhen.

Rothstein hat über seine Worte gegrübelt

Ins Schiller-Gymnasiums ist er eingeladen worden, weil es die Schule ist, die seine Mutter besucht hat. In der Aula müht er sich, den Laptop mit einem Kabel an den Projektor anzuschließen. Schüler tuscheln. In einer hinteren Stuhlreihe sitzt seine Frau Karen. Sie trocknet Tränen, denn sie hat im Keller das vergilbte Zeugnis der Schwiegermutter in den Händen gehalten und weinen müssen.

Dann eine Rückkopplung der Lautsprecher. Ein schriller Ton gellt durch die Aula, die Schüler zucken. Sie verstummen. Eine Lehrerin nutzt den Moment: „Nächste Woche schauen wir ,Der Untergang‘, den Film über die letzten Tage im Führerbunker“, kündigt sie an. „Wer möchte, kann eine Tüte Popcorn oder Chips mitbringen.“

Andreas Rothstein hatte gegrübelt, als er auf der Bank am Mainufer saß: Welche Worte soll er an die Schüler richten? Und wären sie bereit, ihm zuzuhören? Jetzt, in der Schule, setzt er an zu erzählen. In der Aula ist Stille.

Eine Flucht mit gefälschten Papieren

Die Männer hatten die Wohnung verlassen. Die Juden erhielten den Befehl, sich an Versammlungsplätzen einzufinden. Elisabeth Rothstein fürchtete um ihr Leben, 20 Tage lang, bis sie die Gangway der Caribia hinaufstieg, mit Ehemann und Tochter, und der Dampfer in See stach, um den Atlantik zu überqueren, in Richtung Kolumbien.

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