Der Mann mit den mittellangen, grauen Haaren kann sich vor Komplimenten kaum retten. „Schöne Frisur.“ „Die Brille steht Ihnen super.“ „Für Ihr Alter sehen Sie aber noch gut aus.“ Eine nach der anderen stellt sich vor ihn, sagt ihm etwas Nettes und geht zum Nächsten. „Flirten am Fließband“ heißt die Übung. Den Inhalt beschreibt der Name recht gut. Zwei Kreise haben die Männer und Frauen gebildet, die zum Flirtkurs ins Gesundheitsamt gekommen sind. Die Leute der äußeren Reihe sind dran, Komplimente zu verteilen, aber nicht mehr als eins für jeden. „Keine Diskussionen“, ruft Kursleiterin Claudia Hohmann in ihr Mikrofon, wenn aus dem Komplimente-Schnellfeuer mal wieder ein längeres Gespräch zu werden droht.
Die Zeit ist knapp im Auditorium des Gesundheitsamts an der Breiten Gasse. Nur anderthalb Stunden dauert der Kurs „Junge Liebe rostet nicht“. Das Fließband-Flirten ist der Höhepunkt des Nachmittags. Zuvor haben die Senioren gelernt, wie das geht mit dem Flirten. Nun sollen sie es ausprobieren. Die erste und mit Abstand wichtigste Regel: lächeln.
Lächeln als wirksamste aller Waffen
Werner Szeimis, der den Kurs mit seiner Kollegin Hohmann leitet, zitiert aus dem Buch „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“. Lächeln sei die wirksamste aller Waffen, heißt es da. Und damit die Senioren lernen, diese Waffe richtig einzusetzen, sollen sie erst einmal ihr Lächeln durch den Raum schicken. Sie schauen ihren Sitznachbarn an, sagen ihren Vornamen - und strahlen. Es sind deutlich mehr Hellas, Bertas, Helenes und Utas, die das Lächeln durch den Raum wandern lassen. Klaus, Wolfgang und Dieter sind in der Unterzahl. Frauen seien im Alter generell aktiver, sagt Szeimis. Zudem würden Männer im Schnitt nicht so alt. Darum betrage das Verhältnis von Frauen zu Männern in Kursen dieser Art meist 70 zu 30.
Als sie einen solchen Kurs zum ersten Mal angeboten habe, sei es den Teilnehmern noch peinlich gewesen, erinnert sich Szeimis. Heute sei es ganz natürlich, auch im hohen Alter noch neue Bekanntschaften zu machen. „Die alten Leute werden offener.“ Die Senioren müssen sich nur trauen. Denn bei manchem liegen die letzten Flirt-Erfahrungen schon Jahre oder Jahrzehnte zurück. Mittlerweile sind die Haare grau geworden, die Angst vor Zurückweisung ist gewachsen.
Ein nettes Gespräch kann auch ein Flirt sein
Hohmann und Szeimis arbeiten als Sexualpädagogen für den Verband „Pro Familia“ und deshalb meistens mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Idee für die Kurse mit älteren Leuten hatten die Senioren selbst. Warum nicht, dachten Hohmann und Szeimis und motivieren seither die älteren Frauen und Männer mit den gleichen Übungen wie die Jungen zum Flirten. Nur, dass sie die Anweisungen, etwa zum Fließband-Flirten, für die Senioren öfter wiederholen und dabei etwas lauter sprechen müssen. Aber: „Verliebt ist verliebt, egal ob mit 15 oder mit 70 Jahren“, sagt Szeimis.
Doch beim Flirten geht es aus seiner Sicht nicht unbedingt um Liebe und Sex. Ein Flirt, das könne auch ein nettes Gespräch beim Bäcker oder auf der Straße sein. Nach dieser Lesart, bemerkt eine Frau verwundert, flirte sie ja ständig mit Frauen. Und einem älteren Herr fällt auf, dass er neulich heftig mit einer Studentin im Bus geflirtet habe. Hohmann und Szeimis geben ihre Kurse nicht, um aus Durchschnittstypen Casanovas zu machen. Sie sollen nur lernen, auf Menschen zuzugehen, sei es mit oder ohne Hintergedanken.
Aber wie solle das denn gehen, fragt sich einer der Teilnehmer, ein Mann Mitte sechzig. Er sei nun mal anders erzogen worden. Ihm fehle einfach die Basis, um auf einmal offen auf andere Leute zuzugehen. Bei den Spielen, bei denen sich die Senioren etwa paarweise Rücken an Rücken durch den Raum bewegen, macht er trotzdem mit.
Eine Regel lautet: offen sein, aber nicht zuviel reden
Viele Alte seien weniger verklemmt als jüngere Menschen, hat Szeimis beobachtet - und das obwohl die Achtundsechziger-Generation erst nach und nach ins Rentenalter kommt. Der Ehering an seiner rechten Hand zeugt von seinem eigenen Flirt-Erfolg, hält aber nicht alle Teilnehmerinnen davon ab, ihre neuen Kenntnisse gleich an ihrem Lehrer auszuprobieren. Bisher habe er aber alle Angebote abgelehnt, sagt Szeimis und lächelt.
“Den Jahren mehr Leben geben“ heißt die Reihe des Gesundheitsamts, zu der der Flirt-Kurs gehört. Rund hundert Männer und Frauen sind der Einladung gefolgt. Auch die schneeglatten Straßen und Wege haben sie nicht davon abgehalten. Die eine oder andere Dame hat Block und Stift mitgebracht, um sich die Tipps zu notieren. Offen sollen sie sein, aber nicht zu viel reden, rät Hohmann. Zuhören sollen sie, aber nicht vergessen, auch etwas von sich selbst preiszugeben. Und lächeln, immer lächeln.
Fragen stellen, um ins Gespräch zu kommen
Aber wie, fragt eine Frau halb im Scherz, solle sie denn bitteschön Kontakt aufnehmen zu den Leuten, in der Bahn, die Stöpsel im Ohr und Telefone in der Hand haben? Mit denen könne man ja immer ein Gespräch anfangen, in dem man sie frage, was denn ihr Mobiltelefon so könne, lautet die Antwort. Sie sind durchaus praxisnah, die Flirt-Tipps, die Lehrer und Teilnehmer parat haben.
Ganz zufrieden sieht die freundliche Mittsechzigerin trotzdem nicht aus, die als eine der Letzten ihre Sachen packt. Vor 25 Jahren habe sie sich scheiden lassen, sagt sie. Seither geht sie ohne Mann durchs Leben. Was nicht heißt, dass sie nicht aktiv ist: Fitness-Klub, Schwimmen, Spazierengehen und nun gar der Flirt-Kurs. „Aber allein macht das alles keinen Spaß.“ Die meisten ihrer Bekannten seien verheiratet. Unternehme sie etwas mit denen, fühle sie sich oft wie das fünfte Rad am Wagen. Und Männer offensiv anzusprechen, das finde sie für eine Frau doch etwas komisch.
Das Vierteljahrhundert Unabhängigkeit hat seine Spuren hinterlassen. Gegen einen neuen Partner hätte sie zwar nichts einzuwenden, aber bitte mit getrennten Wohnungen. Obwohl, als neulich ihre Nähmaschine kaputt war, hätte sie sich schon gewünscht, einen Mann im Haus zu haben, sagt sie. Einen, der mit dem Schraubenzieher umgehen kann. Einen, der sich freut, in den kalten Keller zu gehen, um den Werkzeugkoffer zu holen. Andererseits hat sie es auch allein hinbekommen, das Gerät zu reparieren. Nein, sie suche nicht mehr aktiv nach einem Partner. Der Zufall soll es richten, hat sie entschieden. Ihm lächelnd ins Gesicht zu schauen, kann sicher nicht schaden.
Die Reihe „Gesundheit im Alter“ geht am 13. Februar weiter. Dann heißt das Thema „Die langen Schatten - über die Folgen einer Kriegskindheit“.
Freundlich sein!
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 18.01.2013, 20:44 Uhr