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Finanzplatz : Frankfurt könnte vom Brexit profitieren

70.000 Beschäftigte in der Finanzbranche: Frankfurt mit der Skyline Bild: Esra Klein

Was passiert am Finanzplatz Frankfurt, wenn Großbritannien aus der EU austreten will? Tausende neuer Arbeitsplätze sind möglich, wie Experten sagen. Banken halten sich bedeckt.

          Die Briten wetten auf so ziemlich alles: die Haarfarbe des neuen Babys von William und Kate. Auf den nächsten James-Bond-Darsteller. Und auf Sport sowieso. Die vermutlich interessanteste Wette ist aktuell jedoch politischer Natur: Wie wahrscheinlich ist es, dass am 23. Juni die Bürger Großbritanniens ein Ausscheiden aus der Europäischen Union beschließen? Die Buchmacher, die zuletzt etwa beim Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands richtig lagen, gehen derzeit von einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent aus, dass das Votum gegen die EU ausfallen wird. Einer Umfrage der „Financial Times“ zufolge wird die Sache deutlich spannender. Demnach sind 45 Prozent der Wahlberechtigen für einen Verbleib, 40 dagegen - und 15 Prozent unentschlossen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch während drei Monate vor der Entscheidung ein Brexit in Deutschland überwiegend eher Sorgen hervorruft, könnte er sich auf den Finanzplatz Frankfurt positiv auswirken. „Niemand wünscht sich einen Brexit“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance. Wenn er aber doch käme, „dann könnte Frankfurt der Hauptnutznießer sein“. Weil Banken und andere Finanzdienstleister einen Teil ihres Geschäfts aus der britischen Hauptstadt London in EU-Länder verlegen könnten, und zwar zum Beispiel nach Frankfurt.

          70.000 Beschäftigte in Rhein-Main

          „Ein Beschäftigungswunder erwarte ich nicht“, sagt zwar Jan Pieter Krahnen, Professor im House of Finance der Goethe-Universität. Er nimmt aber wie sein Kollege Michael Koetter von der Frankfurt School of Finance and Management an, dass der Finanzplatz Frankfurt aufgewertet wird. Väth hält es für möglich, dass Arbeitsplätze in fünfstelliger Zahl verlagert werden könnten. Betrachtet man die Größe des Finanzsektors in London, in dem 700.000 Menschen tätig sind, wäre eine Verlagerung von nur ein paar Prozent der Arbeitsplätze für Frankfurt schon eine erhebliche Aufwertung. In der Rhein-Main-Region sind etwa 70.000 Menschen in dieser Branche beschäftigt.

          Die Banken selbst halten sich bedeckt, wie sie auf einen Brexit reagieren würden. Sie befürchten, dass ihnen Abwanderungsgedanken in London negativ ausgelegt werden, sollte sich die Bevölkerung im Referendum für einen Verbleib in der EU aussprechen. Doch hinter vorgehaltener Hand äußern hochrangige Vertreter internationaler Banken, dass sie sich auf den Fall der Fälle vorbereiten und ganz sicher Arbeitsplätze verlegen würden. Väth kann das bestätigen. „Wir wissen von zahlreichen Banken, insbesondere aus dem amerikanischen und schweizerischen Umfeld, dass sie sich mit konkreten Plänen beschäftigen, Arbeitsplätze von London nach Frankfurt zu verlagern.“

          Der Hauptgrund für diese Überlegungen hängt mit dem sogenannten Passport zusammen. Diese spezielle Erlaubnis ermöglicht es den Instituten, in der gesamten EU ihre Geschäfte zu betreiben, sobald sie in einem Land eine Lizenz erhalten haben. Sollte Großbritannien aus der Union austreten, würde den dort ansässigen Banken, zum Beispiel aus den Vereinigten Staaten, dieses Privileg vermutlich verweigert. „Ohne EU-Pass müssten sich internationale Banken neue Standorte suchen“, sagt Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba. Es sei daher kein Wunder, dass gerade internationale Großbanken die Kampagne für den Verbleib in der EU unterstützten. Die Helaba legte diese Woche eine Studie vor, wonach ein Brexit innerhalb der darauffolgenden, etwa zweijährigen Verhandlungsphase über Einzelheiten des Austritts bereits negative Folgen auf die britische Wirtschaft und somit auf den Finanzplatz London hätte, weil die entstehende Verunsicherung zu geringeren Investitionen führe. In zwei Szenarien, die die Helaba im Falle eines Austritts aus der EU für am wahrscheinlichsten hält, geht das Institut zwar davon aus, dass der Finanzplatz London seine führende Rolle in Europa behalten wird. Doch halten die Autoren eine Abwanderung von Finanzgeschäften für gut möglich.

          Bleibt nur noch die Frage: Wird dann tatsächlich der Finanzplatz Frankfurt und nicht die Konkurrenz in Paris, Dublin oder Luxemburg davon profitieren? Traud hält Frankfurt für eine logische Alternative zu London und verweist auf das Bildungsniveau in Deutschland, auf die Innovationskraft und auf das gewichtigste Argument aus Frankfurter Sicht: den Sitz der Europäischen Zentralbank als bedeutendster Finanzinstitution des Euroraumes und als verantwortlicher Aufsichtsbehörde. Zudem, ergänzt Väth, gingen die Banken dorthin, wo die Märkte seien, „da steht Frankfurt im Herzen der stärksten Volkswirtschaft Europas gut da“.

          Eine britische Zeitung druckte kürzlich Bilder aus Frankfurt, um Banker auf einen Umzug vorzubereiten - die Stadt gilt in London als nicht sonderlich attraktiv, sondern eher als verschlafen. Väth würde mit britischen Bankern nach deren Umzug daher so schnell wie möglich eine Kneipentour machen. „Ich bin sicher, die würden staunen.“

          Quelle: F.A.Z.

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