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Filme selbstgemacht : Auch du kannst Kino

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Do-it-yourself-Dreharbeiten: Andy Siege (rechts) und sein Darsteller Pascal Dawson am Frankfurter Osthafen. Bild: Pilar Madariaga

Eines Tages können alle Menschen gute Filme drehen. So hat Francis Ford Coppola es einst vorhergesagt. Der Regisseur Andy Siege hält die Zeit für gekommen und dreht seine Werke ohne hochbezahltes Team und teure Technik.

          Mitternacht am Frankfurter Osthafen. Das Industriegebiet ist um diese Uhrzeit so gut wie menschenleer. Nur zwei Skater rattern im Schein der Straßenlaternen mit ihren Boards über den Asphalt. Einer von ihnen trägt zwei selbstgebastelte Antennen aus Kleiderbügeldraht auf dem Kopf. Der andere Skater filmt ihn. Als die Scheinwerfer eines Autos auftauchen, weicht der Antennen-Skater aus und stürzt. Er hat es in dieser Nacht schon oft getan, und auch dieses Mal war die Szene noch nicht perfekt. Aber das spielt keine Rolle, denn Zeit ist bei den nächtlichen Dreharbeiten ausnahmsweise nicht gleich Geld. Es gibt kein kostspieliges Filmteam und keine teure Technik, nur eine Videokamera sowie ein paar Freunde und Bekannte im Studentenalter, die Andy Siege für die Produktion seines Spielfilms „Where is she?“ zusammengebracht hat. Der 29 Jahre alte Frankfurter Regisseur hat sich einer besonderen Art des Filmdrehs verschrieben, die sich Do-it-Yourself oder kurz DIY nennt.

          „Ein DIY-Film wird in erster Linie von einer einzelnen Person vorangetrieben. Man arbeitet ohne feste Crew und praktisch ohne Budget“, sagt Siege, der bei seinen Filmen Regie führt, die Drehbücher schreibt sowie Kamera, Schnitt und Produktion übernimmt. Im Internet werde die Methode oft auch als Micro-Budget-Filmmaking bezeichnet. Der ebenfalls gebräuchliche Ausdruck DIY sei jedoch passender: „Das Budget ist nicht entscheidend. DIY ist eine Arbeitsethik, bei der es darum geht, dass man die Dinge in die eigenen Hände nimmt.“

          Auf Umwegen zum Regisseur

          Francis Ford Coppola hatte schon vor zwanzig Jahren spekuliert, die Fortschritte in der Videotechnik könnten irgendwann dazu führen, dass jedermann technisch in der Lage sei, einen Kinofilm zu drehen. Selbst ein kleines dickes Mädchen aus Ohio könne dann ganz allein ein filmisches Meisterwerk schaffen. Siege ist davon überzeugt, dass der Zeitpunkt nun gekommen ist: „Eine digitale Videokamera, die Hollywoodmaßstäben genügt, kostet heutzutage nicht mehr als ein Gebrauchtwagen. Für jeden, der irgendwann schon mal darüber nachgedacht hat, einen Film zu machen, ist das die Verpflichtung, es auch zu tun.“

          Filmemacher zu werden, habe er sich trotzdem lange nicht getraut: „Die Sache schien mir einfach zu groß. Jeder weiß, wie schwer es ist, als Schauspieler den Durchbruch zu schaffen. Und für einen Film braucht man viele Schauspieler, aber nur einen Regisseur.“ Siege studierte daher zunächst kreatives Schreiben und machte seinen Bachelor-Abschluss. Anschließend setzte er noch einen Master in Politologie obendrauf. Zwischendurch probierte er sich als Hiphop-Sänger, arbeitete als Englischlehrer und schrieb Hörspiele und Theaterstücke. Erst zwei Monate nachdem er sein drittes Studium - diesmal das der Betriebswirtschaft - begonnen hatte, fasste er sich schließlich doch ein Herz und ging an die Pacific Film and Media Academy in Kanada, um Regisseur zu werden. Siege erinnert sich gut: „Es war, als würde ich ins Universum hinausschreien, wer ich wirklich sein will.“

          „Aus Schwächen Stärken zu machen“

          Während des Studiums wurde ihm klar, dass der Besuch einer Filmhochschule nicht automatisch eine Eintrittskarte ins Regiegeschäft ist. Siege hatte zwar Filme gedreht und Drehbücher geschrieben, „aber kein Produzent geht das Risiko ein, mit jemanden zu arbeiten, der noch keinen Kinofilm gemacht hat“. Sieges Ausweg war die DIY-Methode. Nach dem Ende des Studiums kaufte er sich eine Kamera. Anschließend castete er an der Universität von Addis Abeba eine Handvoll talentierter Nachwuchsschauspieler. Dann drehte er für 14.000 Euro innerhalb von drei Wochen in einem kleinen Dorf in Äthiopien seinen ersten langen Spielfilm: „Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob ich das Richtige tue. Und habe dann immer das Gefühl gehabt, dass es so ist.“

          In der Wohnung von Sieges Eltern im Frankfurter Westend herrscht große Unordnung. Während sie als Entwicklungshelfer im Ausland arbeiten, hat sich ihr Sohn zusammen mit Pascal Dawson bei ihnen einquartiert, dem Hauptdarsteller von „Where is she?“. Überall liegen Videospiele, Mobiltelefone und andere elektronische Geräte herum. Manches, wie etwa die Innereien eines zertrümmerten Laptops und eine halbleere Flasche Johannisbeersirup, sind Requisiten oder Filmblut. Mitten im Chaos sichtet Siege am Macbook die Aufnahmen der vergangenen Tage. Ein kurzer Blick genügt ihm, um zu wissen, dass die nächtlichen Dreharbeiten am Osthafen ein Erfolg waren. „Das lässt sich alles schneiden“, sagt er knapp.

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