http://www.faz.net/-gzg-7h9u1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.09.2013, 20:57 Uhr

Film „Die Liebe und Viktor“ Noch mehr „Low Budget“ geht nicht

Der Frankfurter Schauspieler Isaak Dentler sieht jetzt endlich seinen Film: Am Sonntag läuft „Die Liebe und Viktor“ im Orfeos Erben.

von , Frankfurt
© Klein Bukarest Film Isaak Dentler, im Hauptberuf am Schauspiel Frankfurt engagiert, als Otto in „Die Liebe und Viktor“

Dass ein Hauptdarsteller den eigenen Film auch fünf Jahre nach der Premiere nicht gesehen hat, ist eine kuriose Sache. In der Reihe der Kuriositäten, aus denen sich Patrick Banushs Film „Die Liebe und Viktor“ zusammensetzt, fällt dieser Umstand aber auch nicht weiter auf. Viktor (Hendrik von Bültzingslöwen), ein ziemlich labiler und eher verstrahlter Mittzwanziger, haust bei seiner Mutter am Prenzlauer Berg in Berlin und glaubt wissenschaftlich beweisen zu können, dass es die Liebe nicht gibt. Sein Bemühen um Ausrottung einer globalen Illusion hängt nicht unwesentlich damit zusammen, dass er sieben Jahre zuvor von Klara (Stephanie Stremler) verlassen wurde. Die hat inzwischen eine Art Karriere gemacht: tritt sie doch in einem Baumarkt-Demo-Video für Kanalpumpen auf. Immerhin, ihr Film läuft mit 300 Kopien in Deutschland.

Eva-Maria Magel Folgen:

Das kann Patrick Banush von seinem Erstling nicht behaupten. Aber ansonsten ist „Die Liebe und Viktor“, gedreht ohne jegliche Fördergelder mit einem Budget von 10000 Euro, wider alle Wahrscheinlichkeiten ein ziemlich erfolgreicher Film geworden. Seit fünf Jahren, nach einer großen Premiere im Berliner Babylon-Kino, tourt die hübsche, lakonische Independent-Komödie durch Off- und Programmkinos, demnächst zeigt ihn das Goethe-Institut in Kanada. Nur einer hat ihn noch nicht gesehen: Isaak Dentler, seit 2009 Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt.

Mehr zum Thema

Film an zehn Tagen gedreht

Dentler spielt die zweite Hauptrolle, Viktors Freund Otto, der erst versucht, Viktor von seinem Vorhaben abzubringen, um schließlich selbst zum Liebes-Zweifler zu werden. Wie er haben auch die Kollegen, unter ihnen Rolf Zacher als Don Quichotte und Samuel Finzi als verrückter Psychiater im Grunde umsonst gespielt und auch noch allerhand Handlangerdienste am Set übernommen. Banushs erster Spielfilm, der in nur zehn Tagen im Sommer 2008 gedreht wurde, ist so Very-Low-Budget, dass es einerseits erstaunlich ist, dass es ihn überhaupt gibt. Andererseits zeigt er, dass man mit viel Enthusiasmus doch recht weit kommen kann. „Dann muss es zwischenmenschlich gutgehen“, sagt Isaak Dentler.

Das tat es offenbar, denn er und Banush sind Freunde geworden über dem Projekt. Und das ist letztlich auch der Grund, warum Dentler den Film noch nie gesehen hat. Eine DVD hat er nie bekommen: „Patrick hat immer gesagt: ,Den schauen wir mal zusammen an‘“, so Dentler, nie hat es geklappt. Beide hatten zu viele Projekte, Dentler ist, vor allem zu Beginn seines Frankfurter Engagements, als „Vorstellungskönig“ in vielen Produktionen des Spielplans aufgetreten; außerdem hat der Familienalltag in der neuen Stadt Zeit in Anspruch genommen. Derzeit ist Dentler in den Proben zu „Draußen vor der Tür“, das am 14.September zum Saisonauftakt in den Kammerspielen Premiere hat.

Ein ungewöhnliches Casting

Zuvor aber ist es so weit: Dentler kann mit dem Regisseur und vor Publikum endlich die verpasste Premiere nachholen. Damit es ordentlich voll wird in der - vorerst - einzigen Frankfurter Vorstellung, will Banush, aus Berlin angereist, schon heute seine Erfahrungen in der Selbstvermarktung als „lebender Trailer“ testen und notfalls Zuschauer persönlich ins Kino locken. Mit einer nächtlichen Tour durch die Kneipen hat er auch Dentler, damals Ensemblemitglied in Gießen, „gecastet“: Der hatte zuvor den Kinofilm „Weißt was geil wär“ gedreht und in einigen Hochschulfilmen mitgewirkt. „Dass jemand mit einem fertiggeschriebenen Drehbuch am Bühnenausgang wartet, ist mir bis dato noch nicht passiert“, sagt Dentler.

In Berlin hat Banush mittlerweile ein „Campingplatzkino“ gegründet, das vor allem in Berlin Filme zeigt, die ebenso wie „Die Liebe und Viktor“ fast ohne Förderung und mit einfachsten Mitteln gedreht wurden. Obwohl, mutmaßt Dentler, auch Patrick Banush wohl nicht nein sagen würde, böte ihm jemand Geld für ein neues Projekt. Denn zwei weitere Filme um Viktor und Otto hat Banush längst fertig geschrieben.

„Die Liebe und Viktor“ läuft am Sonntag um 17 Uhr im Frankfurter Kino Orfeos Erben.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Filmfestival Nippon Connection Die Geister, die ich rief

Das Japanische Filmfestival Nippon Connection bringt zum 16. Mal Sinnliches und Übersinnliches nach Frankfurt. Mehr Von Eva-Maria Magel, Frankfurt

27.05.2016, 13:51 Uhr | Rhein-Main
Crossover-Projekt Beethoven! Next Level Breakdance

Musik, Tanz, Wahnsinn. Das sind die Schlagworte für Christoph Hagels Crossover-Projekte. Jetzt feiert sein neustes Werk Premiere. Bei "Beethoven! Next level breakdance" trifft Wiener Klassik auf Hip-Hop. Das Leben des Jahrhundert-Komponisten, erzählt mit den Stilmitteln des Streetdance. Mehr

29.05.2016, 02:00 Uhr | Feuilleton
Wagners Meistersinger Die Hebebühne als poetisches Ding

Bewegte Bilder aus der Wirtschaftswunderzeit: Kirill Petrenko und David Bösch bringen in München die Komödie der Meistersinger von Nürnberg kräftig ins Rollen. Mehr Von Patrick Bahners

19.05.2016, 22:31 Uhr | Feuilleton
Roter Teppich Filmfestspiele in Cannes starten mit Woody-Allen-Premiere

In Cannes sind die 69. Internationalen Filmfestspiele gestartet. Eröffnet wurde das Festival mit der Premiere des aktuellen Films von Altmeister Woody Allen. Das Werk trägt den Titel Café Society und erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der im Hollywood der dreißiger Jahre Fuß fassen will. Teil der Besetzung sind Jesse Eisenberg und Kristen Stewart. Mehr

12.05.2016, 14:10 Uhr | Feuilleton
Oper Frankfurt Leistungssport für Streicher

Die Paul-Hindemith-Orchesterakademie der Oper Frankfurt bereitet Musiker auf das Leben nach dem Studium vor. Denn das ist hart. Mehr Von Livia Gerster, Frankfurt

25.05.2016, 20:18 Uhr | Rhein-Main

Hochspannung im Haus Gallus

Von Matthias Alexander

Die Grünen-Basis in Frankfurt will entscheiden, ob die Partei mit SPD und CDU eine Koalition eingehen soll. Im Falle eines Ausstiegs bekäme die CDU eine zweite Chance. Mehr 1

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen