Home
http://www.faz.net/-gzg-7h9u1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Film „Die Liebe und Viktor“ Noch mehr „Low Budget“ geht nicht

Der Frankfurter Schauspieler Isaak Dentler sieht jetzt endlich seinen Film: Am Sonntag läuft „Die Liebe und Viktor“ im Orfeos Erben.

© Klein Bukarest Film Vergrößern Isaak Dentler, im Hauptberuf am Schauspiel Frankfurt engagiert, als Otto in „Die Liebe und Viktor“

Dass ein Hauptdarsteller den eigenen Film auch fünf Jahre nach der Premiere nicht gesehen hat, ist eine kuriose Sache. In der Reihe der Kuriositäten, aus denen sich Patrick Banushs Film „Die Liebe und Viktor“ zusammensetzt, fällt dieser Umstand aber auch nicht weiter auf. Viktor (Hendrik von Bültzingslöwen), ein ziemlich labiler und eher verstrahlter Mittzwanziger, haust bei seiner Mutter am Prenzlauer Berg in Berlin und glaubt wissenschaftlich beweisen zu können, dass es die Liebe nicht gibt. Sein Bemühen um Ausrottung einer globalen Illusion hängt nicht unwesentlich damit zusammen, dass er sieben Jahre zuvor von Klara (Stephanie Stremler) verlassen wurde. Die hat inzwischen eine Art Karriere gemacht: tritt sie doch in einem Baumarkt-Demo-Video für Kanalpumpen auf. Immerhin, ihr Film läuft mit 300 Kopien in Deutschland.

Das kann Patrick Banush von seinem Erstling nicht behaupten. Aber ansonsten ist „Die Liebe und Viktor“, gedreht ohne jegliche Fördergelder mit einem Budget von 10000 Euro, wider alle Wahrscheinlichkeiten ein ziemlich erfolgreicher Film geworden. Seit fünf Jahren, nach einer großen Premiere im Berliner Babylon-Kino, tourt die hübsche, lakonische Independent-Komödie durch Off- und Programmkinos, demnächst zeigt ihn das Goethe-Institut in Kanada. Nur einer hat ihn noch nicht gesehen: Isaak Dentler, seit 2009 Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt.

Mehr zum Thema

Film an zehn Tagen gedreht

Dentler spielt die zweite Hauptrolle, Viktors Freund Otto, der erst versucht, Viktor von seinem Vorhaben abzubringen, um schließlich selbst zum Liebes-Zweifler zu werden. Wie er haben auch die Kollegen, unter ihnen Rolf Zacher als Don Quichotte und Samuel Finzi als verrückter Psychiater im Grunde umsonst gespielt und auch noch allerhand Handlangerdienste am Set übernommen. Banushs erster Spielfilm, der in nur zehn Tagen im Sommer 2008 gedreht wurde, ist so Very-Low-Budget, dass es einerseits erstaunlich ist, dass es ihn überhaupt gibt. Andererseits zeigt er, dass man mit viel Enthusiasmus doch recht weit kommen kann. „Dann muss es zwischenmenschlich gutgehen“, sagt Isaak Dentler.

Das tat es offenbar, denn er und Banush sind Freunde geworden über dem Projekt. Und das ist letztlich auch der Grund, warum Dentler den Film noch nie gesehen hat. Eine DVD hat er nie bekommen: „Patrick hat immer gesagt: ,Den schauen wir mal zusammen an‘“, so Dentler, nie hat es geklappt. Beide hatten zu viele Projekte, Dentler ist, vor allem zu Beginn seines Frankfurter Engagements, als „Vorstellungskönig“ in vielen Produktionen des Spielplans aufgetreten; außerdem hat der Familienalltag in der neuen Stadt Zeit in Anspruch genommen. Derzeit ist Dentler in den Proben zu „Draußen vor der Tür“, das am 14.September zum Saisonauftakt in den Kammerspielen Premiere hat.

Ein ungewöhnliches Casting

Zuvor aber ist es so weit: Dentler kann mit dem Regisseur und vor Publikum endlich die verpasste Premiere nachholen. Damit es ordentlich voll wird in der - vorerst - einzigen Frankfurter Vorstellung, will Banush, aus Berlin angereist, schon heute seine Erfahrungen in der Selbstvermarktung als „lebender Trailer“ testen und notfalls Zuschauer persönlich ins Kino locken. Mit einer nächtlichen Tour durch die Kneipen hat er auch Dentler, damals Ensemblemitglied in Gießen, „gecastet“: Der hatte zuvor den Kinofilm „Weißt was geil wär“ gedreht und in einigen Hochschulfilmen mitgewirkt. „Dass jemand mit einem fertiggeschriebenen Drehbuch am Bühnenausgang wartet, ist mir bis dato noch nicht passiert“, sagt Dentler.

In Berlin hat Banush mittlerweile ein „Campingplatzkino“ gegründet, das vor allem in Berlin Filme zeigt, die ebenso wie „Die Liebe und Viktor“ fast ohne Förderung und mit einfachsten Mitteln gedreht wurden. Obwohl, mutmaßt Dentler, auch Patrick Banush wohl nicht nein sagen würde, böte ihm jemand Geld für ein neues Projekt. Denn zwei weitere Filme um Viktor und Otto hat Banush längst fertig geschrieben.

„Die Liebe und Viktor“ läuft am Sonntag um 17 Uhr im Frankfurter Kino Orfeos Erben.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Kino Der Richter Wenn der Vater ohne Tochter

Über einen Mann, der sich losriss, Erfolg hatte und wieder heimkehrt: Robert Duvall und Robert Downey Jr. im Generationendrama Der Richter. Mehr Von Stefan Schulz

18.10.2014, 21:02 Uhr | Feuilleton
Boyhood

Zwölf Jahre lang hat Richard Linklater an seinem Film Boyhood gedreht - die Chronik einer Jugend, wie es noch keine gab. Und ein Triumph des amerikanischen Kinos aus europäischer Tradition. Mehr

04.06.2014, 13:41 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik The Cut Rosen und Steine

In The Cut will Fatih Akin vom Völkermord an den Armeniern erzählen. Eine große Aufgabe, der er mit seinem Film kaum gerecht werden kann. Mehr Von Peter Körte

15.10.2014, 13:51 Uhr | Feuilleton
Liebes-Schlösser sollen weg

Lust und Last der demonstrativen Liebe: Die berühmte Pariser Fußgänger-Brücke Pont des Arts kann anscheinend all die Vorhängeschlösser, pardon: Liebesschlösser, nicht mehr tragen, die Verliebte aus aller Welt ihr zu Hunderttausenden aufbürden. Die Stadtverwaltung hat jetzt begonnen, durchsichtige Brückengeländer zu installieren. Mehr

25.09.2014, 12:49 Uhr | Gesellschaft
Hans Hütt erhält den Michael-Althen-Preis Wir sind dann mal wieder im Kino

Die politischen Zustände in Frankreich, eine biographische Skizze von Alan Turing und ein Theaterstück von Falk Richter führt Hans Hütt in dem Essay zusammen, für den er mit dem Michael-Althen-Preis ausgezeichnet wurde. Eine Feierstunde. Mehr Von Harald Staun

17.10.2014, 13:04 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.09.2013, 20:57 Uhr

Ein Geschenk als Auftrag

Von Matthias Alexander

Das Stifterehepaar Giersch überlässt sein bisher der Kunst gewidmetem Museum der Frankfurter Universität - eine großzügige Geste. Doch einen geeigneten Leiter für das Haus zu finden wird schwierig. Mehr