Dieser Lear ist ein wahrer Narr. Alle seine Titel hat er weggeschenkt, mit dem Narren-Titel hingegen ist er, der abgedankte König Englands, von Geburt an ausgestattet. Scharfsinnig erkennt dies sein Narr. Volker Lechtenbrink, der selbst einmal Intendant hier war, spielt diesen Lear in der Stiftsruine Bad Hersfeld. Nicht wenige haben die Stirn gerunzelt ob der Nachricht, er werde diese Rolle übernehmen. Denn Lechtenbrink, dieser ewige Bube, fällt einem Regisseur vermutlich nicht als erster ein, sucht er einen Darsteller für den alten König. Schließlich ist King Lear ein Mann, der, wie er zu Beginn von Shakespeares Drama über sich selbst sagt, entbürdet der Herrschermacht zum Grab wankt.
Lechtenbrink hat bei der Premiere des Lear, mit der die diesjährigen Festspiele eröffnet wurden, die Zweifler widerlegt. Der Bube hat sich längst zu einem gereiften Charakterdarsteller entwickelt. Sein Lear ist ein Narr, weil er die Welt und seine Umgebung nur aus der Perspektive eines Königs wahrnimmt, dem bisher alle willfährig gehorcht und süß geschmeichelt haben. Er vermag ihnen gar nicht richtig zuzuhören, hört einzig, was er hören möchte oder was er selber sagt. Ihm fehlt das Unterscheidungsvermögen, weil die Menschen um ihn herum ihm nur Diener und Lakaien sind, Untergebene, zusammengeschnurrt ganz auf ihre Funktion. Wer es gut mit Lear meint, wer ihm Böses will, das vermag er nicht zu erkennen.
Eine ideale Kulisse
Dieser Mangel an Klarsicht reißt ihn in dem Augenblick ins Verderben, da er die Herrschermacht weggegeben hat und seine Töchter samt der Adelsbrut ihn als den launigen, jähzornigen, selbstbezogenen Alten behandeln, der er wohl schon immer war. Lechtenbrink trifft diesen Charakter recht gut, wenngleich ihm an einigen Stellen die Differenzierung fehlt. Hätte er nicht, bevor er Cordelia enterbt, zumindest für einen Moment in tiefes Erstaunen fallen müssen über seine jüngste Tochter, die sich dem Lügengetue ihrer beiden Schwestern nicht anschließt, sondern schlicht bekennt, sie liebe ihn, wie’s ihrer Pflicht zieme, „nicht mehr, nicht minder?“ Warum verstößt Lear die Tochter, die ihn wahrhaft liebt und überlässt sein Reich den beiden bösen Kindern? Das ist die Hauptfrage, dieses gerade in Zeiten der Überalterung und einer Erben-Generation ganz aktuellen Stücks. Holk Freytag, Hersfelds Intendant, der dieses Königsdrama eingerichtet hat, lässt seinen Lear die weggestoßene Tochter noch einmal innig auf den Mund küssen, bevor er sie ganz verflucht. Verbindet die beiden ein dunkles, inzestuöses Geheimnis, das den Vater rasen lässt, jetzt, da mit dem Herzog von Burgund und dem König von Frankreich zwei Freier bereitstehen, die ihm diese Tochter als Geliebte auf ewig entführen werden? Sie würde, hat Cordelia dem Vater offen gesagt, nicht ihn allein, sondern zur Hälfte auch den Gatten lieben, der sie heirate. Am Ende, als ein verwirrter, umnachteter Lear in Dover noch einmal Cordelia trifft und beide vom Verräter Edmund in den Kerker geworfen werden, erscheinen sie einem in ihren weißen Gewändern wie ein Brautpaar.
Die Pfeiler und Mauern der alten Stiftsruine bilden eine ideale Kulisse für die Schlösser des alten England, die Shakespeare als Schauplatz seines Spiels von verkannter und von vorgetäuschter Liebe, von schändlichem Verrat und gewissenloser Intrige dienen. Die natürliche Bühne im Chor der einstigen Kirche bedarf keiner großen Einbauten, nur eine Art Kanzel um eine der Säulen sowie eine Vertiefung vorn am Bühnenrand, die als Hütte im Sturm und am Ende als Lears Kerkerloch dient, hat Bühnenbildnerin Mayke Hegger eingebaut. Mit Effekten geht Regisseur Freytag sparsam um, lediglich beim Gewitter auf der Heide lässt er die Nebelmaschinen auf Hochtouren laufen. Und als Gloster, des Königs treuer Graf, der, wie Lear bei einen Töchtern, nicht zu unterscheiden weiß zwischen gutem und bösem Sohn, von einem Schergen geblendet wird, blendet im selben Augenblick in einem starken Effekt ein Scheinwerfer die Augen der Zuschauer.
Lear-Darsteller Lechtenbrink spricht textverständlich, was in der riesigen Hersfelder Ruine eine Grundvoraussetzung für das Gelingen jeder Aufführung ist. Nicht jeder Darsteller genügt in jeder Situation dieser Anforderung. Eine starken Eindruck hinterlassen Anja Brünglinghaus als eine Goneril, mit der nicht gut Kirschen essen ist, Annika Martens als ganz junger Narr, Julian Weigend als präsenter Gloster-Sohn Edgar sowie der Graf von Gloster selbst, dargestellt von Bernd Kuschmann. Fast alle Figuren in diesem Drama sind wie der alte Lear rechte Narren, welche die Wirklichkeit verkennen und in einer illusionären Sicht der Welt gefangen sind. Ein ganzer Käfig voller Narren.
Furioses Drama, starke Schauspieler
Rainer Baetzing (Rocker63)
- 18.06.2012, 12:14 Uhr